Hysterisch-homerisches Gelächter über Dürrenmatts Zukunftsfragen

Herbert Fritsch, liebstes Enfant terrible des Theaters, brachte die «Physiker» auf die Pfauenbühne. Als Ulk in Übergrösse – und auch in Überlänge. Und erntete tosenden Applaus.

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«Ist das noch Max Frisch?» So fragte Newton am Samstag gegen Ende der Premiere von Friedrich Dürrenmatts «Die Physiker» am Pfauen; und die Zuschauer, die sich während der letzten anderthalb Stunden schon ganz schlapp gelacht hatten, fielen schier von ihren Sitzen. Herbert Fritsch, mit seinen 62 Jahren derzeit das liebste Enfant terrible des deutschsprachigen Theaterbetriebs, hat sich mit dieser Inszenierung selbst übertroffen. Er hat sein Anti-Schlaumeier-Theater, sein Pro-Schaurausch-Theater mit grosser, ja gargantuesker Kelle angerichtet; er hat jede Sinnsuche mit Sinnlichkeit ausgebootet – und das bei einem Stück, das seine Botschaft so klar vor sich herträgt wie kaum eins. Ein Ulk in Übergrösse, und, auch das, mit Überlänge: buchstäblich eine Tollerei. Sie hat, trotz ihrer Längen, den tosenden Applaus verdient, den sie erhielt.

Übertreibung und Übertretung, die Explosion der Bilderlust und die Implosion der Botschaftsgrammatik sind die erklärten Ziele von Regisseur Fritsch, der 2007 Frank Castorfs Volksbühne desillusioniert den Rücken kehrte und seither selber inszeniert, anstatt sich als Vorzeige-Wilder auf den Brettern auszustellen. In den letzten drei Jahren gab es drei Einladungen ans Berliner Theatertreffen und den Titel «Bühnenbildner des Jahres 2012».

Bei Fritsch murmelt der Nonsens durchaus abendfüllend (etwa im gefeierten «Murmel, murmel»). Da fliessen Schweiss und andere Säfte, gern auch Lachtränen beim überwältigten Publikum – wie jetzt im Pfauen. Da turnen und triumphieren die Schauspieler – wie jetzt im Pfauen; und da fliegen bisweilen schon mal Bierflaschen aus dem Publikum sowie, des öfteren, befremdete Blicke – auch wie jetzt im Pfauen. Nein, seinen klassischen Klassiker kann man sich bei Fritsch nicht abholen; auch nicht in einer postmodern-poppigen Variante oder aufgerüstet mit Chemiewaffenverweisen und NSA-Anspielungen. Wenn Herbert Fritsch sich an das 1962 am Pfauen uraufgeführte Drama macht, das, vor dem Hintergrund von Hiroshima und Kaltem Krieg, das Scheitern der individueller Moral durchexerziert, dann nimmt er den Autor beim Wort. «Ganz einfach. Dürrenmatt hat es eine Komödie genannt, und damit ist es eine», stellt er fest. Und genauso hat er den zackigen Zweiakter inszeniert, mit der körperkräftigen Hilfe eines schlichtweg hinreissenden Ensembles.

Absolut erstklassige Klamotte

Sogar ein Gottfried Breitfuss, Jahrgang 1958, BMI lassen wir offen, klettert als eingebildeter Einstein so behände die wattierte Wand hoch, als sei er ein athletischer Jungspund, und streckt dazu alle paar Minuten die Zunge raus («das muss ich ja als Einstein»). Die athletischen Jungspunde wiederum – Jan Bluthardt als Oberpfleger mit Boxervergangenheit sowie Joel Eggimann und Michel Stuber als seine beiden Kollegen – geben in einer grossartigen, gewagt langen Pantomime tumbe Muskelmänner.

Wie Milian Zerzawy, als scheinbar verrückter Physiker Möbius mit Jean-Pierre Cornus Kriminalinspektor so manches irrwitziges Pas-de-deux, besser: Pas-de-fous, hinlegt, ist zum Niederknien. Oder wie Wolfram Kochs Mitpatient sich an seiner unsichtbaren Zigarette die Finger verbrennt, wie er mit dem grandios komischen Inspektor à la Dick und Doof ein «Richaaaaard»-»Allllbert»-Duett durchzieht, das ist eine absolut erstklassige Klamotte.

Und beim ersten Auftritt von Corinna Harfouch – sie hockt als Anstaltsleiterin Fräulein Dr. von Zahnd oben in der Wandecke wie eine Wanze und belauscht den charmanten Schlagabtausch – stockt uns der Atem. Geschminkt zwischen käsegelb und käseweiss, die Haare hochgetürmt und zur Halbglatze zurückgezogen, mit scharfen Strümpfen und strengem, grünen Kragenkleidchen, wirkt sie wie eine ihrer wahnsinnigen Insassen; nein, wie ihre Königin. So schön scheusslich, so modrig majestätisch hat man Corinna Harfouch nie gesehen.

Auf diese Weise ist die Soiree von Anfang an angelegt: zwischen Zombie-Splatter und Körpertheater, knalligem Klamauk und exakter Komödienartistik. Der Salon der Irrenanstalt, in dem Dürrenmatt seine Handlung verortet, ist hier eine überdimensionierte Gummizelle, entwickelt vom Regisseur, der jeden Ansatz von Realismus herausgehauen hat aus seiner Inszenierung. Die schwere Zellentür klappt selbsttätig auf und zu, sorgt für blutige Nasen und allerlei Slapstick; die wattierten Wände sind der eigentliche Ein- und Ausgang für die Figuren, ob lebendig oder tot.

Krankenschwester in rosa Outfit

Wir erinnern uns: Als der Inspektor in Akt 1 eintrifft, liegt die zweite Krankenschwester in ihrem Blut, ermordet von dem Physiker Ernesti, der sich für Einstein hält. Nicht lang davor hatte der Physiker Beutler («Newton») seine Pflegerin erdrosselt. Und im Laufe des Stücks wird Möbius die dritte junge Frau umbringen, aus dem gleichen Grund: Sie hat sich in ihn verliebt und seine Entlassung aus der Irrenanstalt arrangiert.

Bei Fritsch ist Nummer 3 ein doppeltes Lottchen. Julia Kreusch und Susanne-Marie Wrage spielen die hingebungsvolle Krankenschwester in rosa Outfit, in das ausladende Hüften quellen, als siamesische Zwillinge. Die Flügel ihrer Häubchen sind so weit wie ihr Herz und so anstössig wie ihre Geilheit.

«Es gibt keine Wahrheit, keine ehrlichen Schauspieler und keine echte Darstellung», postuliert der Regisseur, keineswegs originell, im Programmheft: keine Wahrheit, nur Realitätsfilter, und seiner ist der komödiantische. Wo irre Irrenärztinnen im Finale im Reifrock von der Decke herabkommen, als seien sie selber die Vision eines Wahnsinnigen. Wo die drei Physiker, die sich nun Jahrzehnte im Irrenhaus versteckt hielten, keine Chance haben, ihr Problem ernsthaft zu diskutieren: Dürrenmatts grosse Entscheidungsszene versinkt in einem Chor aus «Äh» und «Öh».

«Higgs, Higgs»

Möbius hatte ja, damit niemand durch seine geniale Weltformel zu Schaden komme, den Verrückten gegeben; und die beiden andern hatten versucht, ihm als Vertreter zweier Geheimdienste eben diese Formel abzujagen. Bei Dürrenmatt entscheiden sich schliesslich alle drei fürs Versauern in der Anstalt – ums Überleben der Menschheit willen: vergeblich, weil Frl. Dr. von Zahnd die Formel längst an sich gebracht hat.

Diesen Ausgang des Stücks kennt jeder. Und so kürzt und streicht, konterkariert und kakofonisiert Fritsch alles Ernst- oder gar Erhabenheitsschwangere aus seinem zweiten Akt heraus. Er lässt seinen Einstein durch die Gegend hicksen (frei nach Gottesteilchenerfinder «Higgs, Higgs»); Zerzawys Möbius debattiert umsonst gegen den eleganten Newton von Koch («Öh») an: Und Koch, das muss hier gesagt sein, ist beinah so etwas wie der Primus inter Pares in diesem Schauspielerfest. Sein Faible für knallharte Komik ist kaum zu toppen. Allein Jan Bluthardts Missionar – der zweite Mann von Möbius Ex-Frau, einer gleichfalls hervorragenden Friederike Wagner – gelingt ein Birkenstock-Schlappen-Rap, der so dusselig ist, dass es doller nicht geht.

«Ist das noch Max Frisch?» Nicht wirklich. Dürrenmatts unlösbare Frage nach der Zukunft einer allzu wissenden Menschheit, sie verhallt. Sie muss verhallen: Was (uns) hier und heute bleibt, ist das hysterisch-homerische Gelächter des Herbert Fritsch.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 21.10.2013, 07:49 Uhr)

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