«Ich habe ein Bühnen-Tourette-Syndrom»
Interview: Michèle Binswanger. Aktualisiert am 20.11.2008
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Zur Person
Gabriel Vetter, 26, gehört zu den wichtigsten Vertretern der deutschsprachigen Slam-Szene. 2006 gewann er als jüngster Preisträger je den Salzburger Stier. Neben seinen Slam-Texten schreibt er fürs Fernsehen, auch Hörspiele und eine Kolumne bei der Basler Zeitung. Er hat gerade ein Kinderbuch geschrieben und tritt mit der Slam-Boyband «Smaat» auf, die amtierende Titel-Verteidiger sind im Teamwettbewerb und auch in Zürich antreten.
Anfang 2009 erscheint im Sprechstation-Verlag die neue CD von Gabriel Vetter: «Menschsein ist heilbar»!
Der Wettbewerb:
Die 12. Deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften finden vom 19. bis 22. November 2008 im Kulturzentrum Schiffbau und im Jazzklub Moods statt. Erwartet werden 250 Slampoeten und -poetinnen aus Österreich, Deutschland und der Schweiz und über 10‘000 Besucher und Besucherinnen.
Bewertet werden sämtliche Veranstaltungen von einer Jury, die zufällig aus dem Publikum zusammengesetzt wird. Die maximale Vortragszeit beträgt sechs Minuten. Hilfsmittel sind ausser dem Mikrophon keine erlaubt.
Herr Vetter, wie wird man Slammer?
Bei mir war das im August 2003. Ich studierte Jura in Basel, hatte also sehr viel Zeit. Ein Freund organisierte damals Slams in Schaffhausen und lud mich ein. Ich schrieb in ein paar Stunden einen Text und gewann, und dann gleich noch die nächsten dreizehn Slams.
Das ist ja fast wie bei Roger Federer. Und Sie haben gar nicht geübt?
Ich lese mir immer alles schon beim Schreiben vor und hatte schon ein wenig Bühnenerfahrung. Das Slammen erwies sich als perfektes Ventil für mein Entertainment-Tourette-Syndrom.
Was funktioniert ihrer Erfahrung nach auf der Bühne und was funktioniert nicht?
Meine Masche war, dass ich als kleiner, herziger Schweizer mit den traurigen Augen auf die Bühne komme und etwas stammle. Dann steigere ich mich rein, am Schluss bin ich eine Furie, die herumschreit und spuckt und keucht. Inzwischen ist das abgelutscht und ich versuche es zu brechen. Aber das ist nicht so einfach.
Warum?
Ich hatte mal kurzfristig den Eindruck, ich wisse, wie das Publikum funktioniert. Aber jetzt merke ich, das ist nicht so. Vor allem, wenn man etwas Neues probiert, kann man auch total durchfallen.
Also haben Sie ein Dilemma zwischen Innovation und Publikumsgunst?
Ich bin extrem kritisch und langweile mich schnell. Deshalb mag ich auch meine alten Hits wie Cervelat und so weiter nicht mehr vortragen, obwohl sie immer noch funktionieren.
Was kritisieren sie konkret an der Slamszene?
Ich finde, die Slambühne muss ein Platz sein, wo experimentiert wird. Wo man auch scheitern kann. Das ist etwas verloren gegangen. Alle bringen ihre fünf mal gebrochenen Texte, super durchgestylt, perfekte Bühnentexte. Aber das ist extrem durchschaubar. Diese Perfektion langweilt mich mittlerweile. Auch bei mir selbst.
Muss Slam denn dilettantisch sein?
Das nicht. Aber Slam findet ja mittlerweile in grossen Häusern statt, wie die Meisterschaft jetzt im Schiffbau. Das ist eines der grössten Literaturereignisse, die je in dieser Stadt stattgefunden haben. Das ist einerseits geil, aber das Publikum kommt mit der Haltung: Wir haben 25.- Eintritt bezahlt und wollen unterhalten werden, am liebsten mit einer Nummernschau. Das finde ich schwierig.
Aber geht es nicht genau darum bei der Slam-Poetry: ein Dichterwettstreit um die Publikumsgunst?
Das Problem liegt vielleicht in der Professionalisierung. Heute besuchst du erst einen Workshop, bevor du auf die Bühne stehst. Das führt zu einer gewissen Verschulung.
Hebt die Verschulung nicht auch das Niveau?
Vielleicht. Andererseits gibt es auch eine Normierung. Workshoptexten beispielsweise hört man an, dass sie für ein Publikum geschrieben sind, und man hört meist auch, aus welchem Workshop sie kommen. Mich langweilt das.
Was wäre die Lösung?
Mir fehlt beim Publikum die ehrliche Härte. Alle genügen sich selbst, man will immer nur klatschen, das ist wie in der geschützten Werkstatt. Man sollte wieder zurück zur offenen Form des Slams.
Sind Sie der Slamszene vielleicht einfach entwachsen?
Das habe ich mich schon paar Mal gefragt. Aber das wäre ja ein Eingeständnis, dass man nicht mehr fähig ist, neue Formen zu finden, mit denen man sich überraschen kann. Erschreckend war zum Beispiel ein Auftritt neulich in München. In Studentenstädten haben die Slams immer ein Studentenpublikum, das ist 5 Jahre in derselben Stadt, dann geht es. Theoretisch könnte man also den gleichen Scheiss machen wie vor 5 Jahren und keiner würde es merken. Ich finde das frustrierend.
Sie haben den Salzburger Stier gewonnen, haben gerade ein Hörspiel für DRS 1 geschrieben, arbeiten an einem Kinderbuch. Warum slammen Sie denn immer noch? Ich finde es super, wenn Leute kommen, um jemandem zuzuhören, der einfach nur erzählt. Dass das so viele Leute interessiert, ist überwältigend. Bislang war Slam ja das Schmuddelkind der Literaturszene – ist es eigentlich immer noch. Aber nun wachsen einzelne Exponenten aus der Szene heraus und haben einen riesigen Erfolg, zum Beispiel der Berliner Marc-Uwe Kling mit seinem Cabaret-Programm. Nächstens bringt er ein Buch bei Ullstein heraus und ich prophezeihe, das wird ein Bestseller. Wenn es so kommt, dass das Schmuddelkind die eigentliche Literaturszene quersubventioniert, dann ist das einfach geil.
Wer ist eigentlich das Slam-Publikum?
Das ist heterogener als man meint. Einerseits gibt es da die Brosche tragenden Zahnarztgattinnen, die sonst in der Waldorfschule Seidenmalerei anbieten und es gut finden, wenn die Jungen auch ein bisschen politisch sind. Daneben der Landmaschinenmechaniker aus Bottmingen, der nur Ficken, Arschloch, Yeah versteht, und dann die 16-Jährige Gymnasiastin, die Rilke und Hesse liest. Wenn du mit einer eigenen Geschichte den kleinsten gemeinsamen Nenner dieser Leute findest, dann ist das einfach super.
Die Zukunft? Folgt bald die Tournee mit dem Zirkus Knie?
Ich weiss es nicht. Früher fand ich das immer das Schlimmste, aber heute bin ich milder geworden. Deshalb: Ich lasse mich grundsätzlich auf fast alles ein - aber ein hübscher Elefant müsste mit von der Partie sein. Was ich sicher nicht will, ist eines Tages zu den Flatrate-Literaten der Schweiz zu gehören, die ständig herbeigezogen werden, zu jenen, die zu bei jedem Kulturpreis eine Laudatio halten, bei jedem Buch ein Vorwort schreiben. Das will ich nicht. Vielleicht kann man es mit einem Allgemeinplatz sagen: ich will mich immer wieder neu erfinden.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 20.11.2008, 15:05 Uhr
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