Je suis Charlie, also bin ich

Das Attentat auf «Charlie Hebdo» platzt in ein Europa, das sich nach aussen abschottet und gegen innen zusammenschliesst. Es ist darum von grosser politischer Symbolkraft.

Solidaritätscartoon von Karikaturist Plantu für «Charlie Hebdo» auf der Place de la Republique in Paris. Foto: Gonzalo Fuentes (Reuters)

Solidaritätscartoon von Karikaturist Plantu für «Charlie Hebdo» auf der Place de la Republique in Paris. Foto: Gonzalo Fuentes (Reuters)

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Nach den Anschlägen in Paris habe ich mir das Bekennervideo des Geiselnehmers Amedy Coulibaly angesehen. Was daran überraschend und erschreckend ist, das ist die an Weisheit erinnernde Ruhe des Attentäters. Auch er war ein typisches Mitglied dieser Clubs junger Männer, zu denen sich radikalisierte muslimische Jugendliche in Westeuropa zusammenschliessen. Auch in anderen Jugendkulturen dienen solche Clubs dazu, die eigene, scheiternde Biografie mit dem übersteigerten Selbstbild zu versöhnen. Bei solchen jungen Männern gibt es Bedarf nach einem machohaften, gewalttätigen Heroismus, und der wurzelt eben in ihrem Leben: in der Misere der Banlieues, in den schlechten Aussichten auf einen Job, in der Erniedrigung, kein erfolgreicher Fussballer oder Rapper geworden zu sein, sondern Pizzabote. Die Ideologie des radikalen Islams als solche ist austauschbar. Sie dient diesen Desperados als Alibi, ihre gewalttätigen Affekte ausleben und Überlegenheits- und Triumphgefühle entwickeln zu können.

Dies erklärt aber nicht die Ruhe, die Ademy Coulibaly im Video ausstrahlt: diesen selbstgewissen Habitus, für den es in seinem Leben keine Realität gab. Hier kommt das zum Ausdruck, was Susan Sontag meinte, als sie über die Attentäter vom 11. September 2001 sagte, sie seien zwar Mörder, aber bestimmt nicht feige. Natürlich hat auch Coulibaly am 8. Januar in Paris einem übersteigerten Selbstbild nachgeeifert, einem pubertären Affekt. Doch er war ­fähig zu einer zwar mörderischen, aber auch politischen Handlung. Er ist ein Massenmörder, aber er war nicht feige. Er sagte sich für seine Sache vom Leben los.

Hunger nach Heroismus

Natürlich kann man einwenden: Ein Loser hat um sich geschossen. Aber es gibt eine politische Wirklichkeit hinter dieser Tat. Es gibt bei uns im Westen etwas, das ich zynischen Humanismus nennen würde: Man bombardiert die muslimische Welt mit Drohnen, und gleichzeitig ist man schockiert, wenn in Paris siebzehn Menschen sterben. Der Kolonialismus, von dem Coulibaly im Video spricht, ist eine Realität. Die Drohnentoten sind es auch, und die Attentäter haben sie im Internet gesehen: Tatsachen, die ihren Hunger nach Heroismus und schliesslich ihre Radikalisierung unterfüttern. Es braucht also einen doppelten Ansatz, um die Attentate zu erklären. Sie wurzeln in der Biografie der Täter, aber auch in den Widersprüchen des Westens. Im unterschiedlichen Wert zum Beispiel, den wir einem Menschenleben in Europa oder in Syrien zumessen.

Mein Freund Dyab Abou Jahjah, der ehemalige Leiter der Arab European League, hat nicht nur «Je suis Ahmed» ge­tweetet, was vor ein paar Tagen für viel Aufsehen gesorgt hat. Er hat auch gesagt, dass für ihn die aktuellste voltairesche Figur jener Muslim sei, der sich mit seinem Leben dafür einsetzt, dass sich die Europäer über seinen Propheten lustig machen können. Abou Jahjah hat recht. Es ist bezeichnend, wie viel Wert man in Europa auf die Tatsache legt, dass auch Zeitungen und Zeitschriften aus muslimischen Ländern jetzt «Charlie» sind. Die eigene, aus der Postmoderne der 60er-Jahre abgeleitete Art und Weise, Bilder zum Beispiel von Mohammed zu verwenden, soll nun plötzlich auch ausserhalb des Westens konstitutiv wirken, wie auch der kunstinterne Satirediskurs einer kleinen anarchischen Zeitschrift. Für alles andere, inklusive des Werts eines Menschenlebens, gelten aber nach wie vor zwei völlig verschiedene Wertmassstäbe. Und in Saudiarabien, unserem wichtigsten Partner im Kampf gegen den Islamismus, ist für uns die Meinungsfreiheit plötzlich irrelevant.

Wofür steht Europa?

Mit «Charlie Hebdo» trifft das Attentat eine Institution, die im positivsten, also anarchischsten Sinn für eine offene, liberale, echt multikulturelle Gesellschaft steht. Dies ironischerweise zu einem Zeitpunkt, da dieses Projekt zu Ende geht. Europa richtet sich in einer post-multikulturellen Gesellschaft ein, die sich über eine identitäre Idee von Werten definiert, hinter denen sich nations- und religionsübergreifend alle sammeln sollen. Es geht um die Frage, wofür Europa eigentlich steht, nachdem der Neoliberalismus und die Globalisierung die alten bürgerlichen und wohlfahrtsstaatlichen Werte wie Freiheit und Gleichheit ausgehebelt haben. Dass es perverse Mohammed-Karikaturen sein sollen, ist ein unheimlich guter Witz.

Jean-Marie Le Pen, der ehemalige Führer des Front National, sagte, das Attentat sei schlimm, aber er sei weder Charlie noch bereit, aufgrund der Volkstrauer in eine Post-Politik einzustimmen, in der die Meinungsfreiheit nichts anderes mehr bedeutet als das effektive Fehlen einer Meinung. Tatsächlich muss man sich ja fragen, wofür «Charlie» eigentlich steht. Wofür würde er kämpfen? Wie sähe er aus? Was wäre seine Handlung? Dass «Charlie» nur ein Name auf einem schwarzen Plakat ist, ist bezeichnend. Es gibt in Europa keine politischen Kämpfer mehr, hinter die sich auch junge, frustrierte Männer scharen könnten. Es gibt nur das, was Mark Lilla in seinem Aufsatz «Das libertäre Zeitalter» zu Recht ein «Dogma» genannt hat: das unhinterfragte und damit letztlich leere Minimaleinverständnis, dass alles erlaubt ist. Man weiss, jeder muss alles sagen können. Aber warum, das weiss man nicht mehr. Worauf man sich geeinigt hat im post-multikulturellen Europa, das ist das neoliberale Konzept totaler Freiheit. Und auf das Mitleid als höchsten Wert. Mitleid für die von den Medien immer neu ausgewählten Opfer, die man dann in einem Wettbewerb der Emotionen betrauert.

Doch gelten diese Freiheit und dieses Mitleid wie gesagt nur für jene Menschen, die sich innerhalb von Europa oder den USA befinden. Sowohl das Attentat auf «Charlie Hebdo» wie auch die Reaktionen darauf sind ein Ausdruck dieser Tatsache. In den USA hat nach den Anschlägen auf das World Trade Center mit dem War on Terror eine neue imperiale Gestik eingesetzt, in Russland beendete sie mit dem Krieg in Tschetschenien oder dem Prozess gegen Pussy Riot die Zerfallsphase nach dem Ende des Kalten Kriegs. In Europa ist diese Gestik defensiver. Der Kontinent schliesst die Grenzen gegen Osten und Süden und verpflichtet gleichzeitig alle seine Bürger aufs Charlie-Sein, also auf die gemeinsamen Werte, so sinnentleert sie auch sein mögen. Dahinter sollen sich alle versammeln, auch die Gastarbeiter, die es noch rechtzeitig nach Europa geschafft hatten, mitsamt ihren Kindern.

Darum erkenne ich in den Märschen für die Meinungsfreiheit auch die Selbstvergewisserung eines Europa, das sich gegen aussen abschottet und gegen innen zusammenschliesst. Natürlich sind diese Märsche eine richtige Reaktion auf die Anschläge. Trotzdem sollte man sich auch fragen, was es bedeutet, wenn sich ganz Europa über Nacht in einem kollektiven, anhaltenden Rausch der Einmütigkeit wiederfindet. Ich will nicht paranoid wirken, nur daran erinnern, dass der Genozid in Ruanda mit der Ekstase der Demokratisierung und einem «Rausch der Redefreiheit» begann, wie ihn Dorcy Rugamba erlebte, der ruandische Schauspieler in meinem Stück «Hate Radio». Mehrheitsmeinungen können gefährlich werden, und auch darum hat Le Pen recht, wenn er darauf besteht, die Politik nicht zu vergessen. Auch wenn ich, um mit Voltaire zu sprechen, seinen politischen Standpunkt verabscheue.

Wachsende Unfreiheit

Es gibt zwei Kräfte, die der Einheit eines im libertären Dogma vereinten Europas im Weg stehen. Das sind erstens die Rechten, wie Pegida oder der Front National, die noch einmal den Zombie der nationalen Identität hervorzaubern. Und das ist zweitens der radikale Islam. Das sind die beiden Traditionen, die noch nicht gebrochen sind. Und vielleicht hat Mark Lilla ja recht, wenn er den alten Nationalstaat als «menschlichste» Form bezeichnet, die Gesellschaft zu organisieren – zu gross, um von egoistischen Lokalinteressen beherrscht zu sein, und zu klein, um ein Imperium zu werden, in dem eine demokratische Teilhabe nicht mehr realisierbar ist. Das sich im Zeichen der totalen kapitalistischen Freiheit einigende Europa aber ist auf dem Weg zum Imperium, und sein einträchtiges Marschieren hinter einem anonymisierenden Slogan «Je suis Charlie» ist ein Symbol dafür. Wer von aussen in dieses Imperium eindringt und das libertäre Dogma infrage stellt, wird bekämpft – mit aufgerüsteten Polizei- und Armeeeinheiten, der Preisgabe von Flugverkehrsdaten, wenn es sein muss sogar mit der Meinungsfreiheit.

Denn der Diskurs der Freiheit und die Realität der wachsenden Unfreiheit gehören zusammen. Das Einzige, was Attentate vor diesem Hintergrund auslösen, ist die Beschleunigung der europäischen Imperiumsbildung, die vor dem Szenario der beginnenden Klimakriege die einzige Chance unseres Kontinents zu sein scheint. Allerdings werden sich so auch die Widersprüche verschärfen, die sich in Europa zwischen den im Innern proklamierten Werten und der gegen aussen wirksamen Realpolitik auftun. Es werden weitere Attentate geschehen, aus genau diesen Widersprüchen. Und wieder wird es heissen, es seien halt Verlierer gewesen.

Aufgezeichnet auf Basis eines Telefongesprächs von Christoph Fellmann. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.01.2015, 23:45 Uhr)

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Milo Rau

Theatermacher

Der 1977 in Bern geborene Milo Rau ist derzeit einer der bedeutendsten Theater­macher im deutschsprachigen Raum. Als Autor und Regisseur entwickelt er mit seinem International Institute of Political Murder (IIPM) politische Stücke, etwa über den Genozid in Ruanda («Hate Radio», 2011). In Moskau und Zürich inszenierte er 2013 und 2014 politische Gerichtsprozesse zwischen Theater und Reality um die Punkband Pussy Riot beziehungsweise die «Weltwoche». Für sein letztes Stück «The Civil Wars», letzten Sommer in Zürich uraufgeführt, recherchierte Rau unter europäischen Jihadisten. Das Stück lancierte eine Trilogie über Europa, die am 11.April mit der Premiere von «The Dark Ages» am Münchner Residenztheater fortgesetzt wird. Milo Rau lebt mit seiner Familie in Köln. (cf)

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