«Manche sassen mit einem Rolling-Stones-T-Shirt im Saal»
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Während ihres Aufenthalts im Iran lernte die Theatergruppe eine in der Schweiz wenig bekannte Seite des «Gottesstaates» kennen. Sie seien sich der Brisanz der Reise in die iranische Hauptstadt Teheran durchaus bewusst gewesen, sagt Rohr. Immer wieder flackerten Unruhen auf. Sie hätten sich denn auch vor der Reise intensiv über die aktuelle Situation informiert. Insgesamt sei die Festival-Teilnahme in Teheran dann das «mit Abstand eindrücklichste und berührendste Gastspiel» gewesen, das er je erlebt habe, sagt Theaterleiter Daniel Rohr.
An sich sei es schon «ein Riesenpolitikum, mit einer solchen Show in ein solches Land» zu reisen: Die Rigiblick-Version des «Faust» nennt unverblümt «Sex, Drugs and Rock'n'Roll» als einen der Kerninhalte. Songs wie «Sympathy for the Devil» oder «Highway to Hell» gehören ebenso dazu, wie etwa ein Kuss unter Männern.
Etwas Narrenfreiheit für Kultur
Dass die Auftritte möglich waren, führt Rohr auf die «Grüne Revolution» von 2009 zurück: Unter deren Druck habe das iranische Regime der Kultur ein wenig «Narrenfreiheit» eingeräumt. Ein Ventil für die Unzufriedenen, um Dampf abzulassen, so dass es nicht so rasch zur Explosion kommt.
Vorab habe man einen «Durchlauf» vor der Überprüfungsbehörde des Kulturministeriums absolvieren müssen - sie hätten dabei den Text des Stücks ohne Musik vorgetragen, sagt Rohr. Lange mussten sie daraufhin warten, dann wurde Rohr ins Intendantenbüro bestellt.
«Die iranischen Theaterleute verstanden, dass wir Goethes Faust - der im Land übrigens sehr bekannt ist - entstauben wollten». Mit dem Kernsatz «Sex Drugs and Rock'n'Roll» hätten sie sich zwar sehr schwer getan, sich schliesslich aber mit zwei, drei kleinen Abänderungen zufrieden gegeben. Eine davon werde nun definitiv ins Stück übernommen. Die Szene gewinne damit, räumt Rohr ein.
Zwischen den Zeilen lesen
Als dann auf der Bühne der Satz von «Sex, Drugs and Rock'n'Roll» kam, war «die Spannung im Saal zu greifen». Gesprochen wurde englisch, die Goethe-Zitate blieben deutsch und erschienen auf Farsi übersetzt auf einem Bildschirm.
Menschen aller Altersgruppen waren da, Alte und Junge, Männer und Frauen. Manche sassen mit einem Rolling-Stones-T-Shirt im Saal. Viele schickten noch während der Vorstellung SMS an ihre Freunde, sie müssten das Stück unbedingt sehen. Die vier Vorstellungen waren denn auch alle restlos ausverkauft.
Das Publikum verfolgte das Geschehen «unglaublich aufmerksam» und vor allem, so Rohr, verstanden die Leute zwischen den Zeilen zu lesen, auch leiseste politische Anspielungen zu deuten. Und dann brandete jeweils spontan Applaus auf. Und als die Menschen am Schluss aufsprangen zu Standing Ovations wie bei einem Rockkonzert «bekam ich richtig Gänsehaut».
Sichtlich bewegt erzählt Rohr auch von ein paar jungen Leuten, die sich nach der Vorstellung im Foyer an die Schweizer Truppe wandten. «Sie schenkten uns ihre Gitarren-Plektrums. Sie sagten, es sollten Andenken sein, für den Fall, dass sie bei einer Demonstrationen ums Leben kämen».
Spektakel der Redefreiheit
Eingeladen worden waren die Zürcher von offizieller staatlicher Seite, um am internationalen Fadir-Festival teilzunehmen. Gespielt wurde im renommierten Sangelaj-Theater, dem ältesten Theater Teherans.
Unterstützt wurde die Truppe unter anderem von Pro Helvetia und dem International Theatre Institute. In einem Brief an Pro Helvetia schilderte der Schweizerische Kulturattaché sein Erstaunen und seine Freude darüber, dass das iranische Publikum ein «grossartiges Spektakel der Redefreiheit» habe entdecken dürfen. (sda)
Erstellt: 22.02.2011, 15:48 Uhr
Kultur
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