Matthias Hartmanns unversöhnlicher Abschied

Schauspielhaus-Direktor Matthias Hartmann hat sich mit Zürich nie richtig anfreunden können. Bald wechselt er ans Wiener Burgtheater. Aber statt sich in Minne zu verabschieden, zieht er weiter über die Limmatstadt her.

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«Ich bin hier in einen Intrigantensumpf geschlittert»: Matthias Hartmann.
Bild: Dominique Meienberg

   

Schon sein Start in Zürich war schwierig. Bevor die erste Premiere über die Bühne ging, entbrannte eine Debatte über die Villa in unmittelbarer Nähe zur Roten Fabrik, die die Stadt Matthias Hartmann und seiner Familie bereitstellte. Und kaum hatte die Spielzeit begonnen, kam es zum Streik des technischen Personals. Die Mitarbeiter hatten in dem deutschen Direktor ein Feindbild gefunden, obwohl Hartmann für deren Lohnsitution gar nicht verantwortlich war.

Doch anstatt auf Deeskaltion zu machen, liess sich Hartmann provozieren. Von den Mitarbeitern, von der Politik, vom kaufmännischen Direktor, der lieber zu den Politikern, als zu Hartmann hielt. Hartmann fühlte sich allein gelassen, sah sich als Einzelkämpfer, der sich in Zürich gegen ein Umfeld wehren musste, bei dem das «Kaufmännische wichtiger ist als die Kunst».

Kaum war Hartmann da, kündete er seinen Abgang an

Bereits nach einem Jahr gab Hartmann bekannt, er werde Zürich vorzeitig verlassen. Man kann es keinem Theatermann übel nehmen, wenn er ein Angebot des Wiener Burgtheaters annimmt, genausowenig, wie wenn ein Fussballer zu Real Madrid wechselt. Dennoch war diese frühzeitige Ankündigung unglücklich. In den folgenden drei Jahren bemühte er sich nicht mehr, die Wogen zu glätten. Die Rolle der Stadt unter Elmar Ledergerber war beim Streik tatsächlich zweifelhaft, da wurden hinter dem Rücken Hartmanns Abkommen getroffen, die grosse Auswirkungen auf das Haus hatten. Doch während die Stadt die Konsequenzen aus dem Desaster zog und den Schauspielhaus-Verwaltungsrat weitgehend entpolitisierte, mimte Hartmann weiterhin unaufhörlich den beleidigten und unverstandenen Künstler.

Nicht einmal mit den eigenen Mitarbeitern vermochte er sich zu versöhnen. Dass Hartmann die grosse Schiffbau-Halle in seiner letzten Spielzeit nicht mehr mit neuen Produktionen bespielte, kann man als Trotzreaktion gegenüber dem technischen Personal (laut Hartmann «das bestverdienende der Welt») verstehen, aber auch gegenüber der Politik. Die Botschaft: Seht einmal, was ihr angerichtet habt!

In den letzten Tagen schaltete sich Hartmann bei jeder Diskussion um das Schauspielhaus ein, sei es um den neuen kaufmännischen Leiter, der seine Lebenspartnerin als Marketingleiterin eingestellt hat oder bei der Diskussion um die Zukunft des Schiffbaus. Jedes mal mit harschen Worten, gespickt mit Seitenhieben, sieht er sich unverstanden, glaubt, die Zürcher seien kleinlich und von Neid getrieben.

«Ich hab das hier nicht so gemocht»

Sachlich hat Hartmann in einigen Punkten durchaus recht. Wie dem Schauspielhaus eine dauerhafte Lösung für den Schiffbau verwehrt wird, ist tatsächlich unbefriedigend. Dass Hartmann aber keinerlei Verständnis für die hiesige (basis-)demokratischen Realitäten aufbringt, ist ebenso ein Armutszeugnis. Erst kürzlich zog Hartmann im Göttinger Tageblatt über Zürich her, sprach von «Machenschaften» und von unzuverlässigen Politikern, die vieles versprochen und dann nicht gehalten hätten. «Ich hab das hier nicht so gemocht», so sein Fazit.

Trotz dem Groll: Hartmann hat von seiner Programmierung her besser nach Zürich gepasst, als ihm vielleicht lieb ist. Er setzte im Pfauen auf Stars und eingängige Stoffe – ein Erfolgsrezept, mit dem auch Alexander Pereira am Opernhaus Erfolg hat. Zudem integrierte er oft Publikumslieblinge, wie etwa Maria Becker, Trudi Gerster oder Mike Müller. Was am Pfauen zu sehen war, wurde oft als Edelboulevard bezeichnet. Eine treffende Bezeichnung: Viele Stücke waren bekömmlich, handwerklich aber hervorragend produziert – das alteingesessene Zürcher Publikum fand mehrheitlich Gefallen daran, das Feuilleton rümpfte ab und zu die Nase.

Die künstlerisch interessanteren Projekte waren im Schiffbau zu sehen, dazu gehörten auch die Inszenierungen von Hartmann selber. Er befasste sich vor allem damit, wie das Reale und das Virtuelle miteinander verschmelzt werden können. Nach seinem Meisterwerk «1979» experimentierte er in «Pool (No Water)» und «Sex» wieder mit Live-Cams und Projektionen, beide Male ein tolles Erlebnis.

Dass bei Hartmanns Abschied wahrscheinlich alles andere als die Kunst im Zentrum steht, hat sich Hartmann mit seinen unversöhnlichen Wortmeldungen selbst zuzuschreiben. Aber wer weiss, vielleicht kommt doch noch alles anders - noch bleiben knapp zwei Monate; das würde eigentlich reichen, um noch einen würdigen Abgang in die Wege zu leiten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.04.2009, 13:29 Uhr

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1 Kommentar

Toni Stadelmann

04.06.2009, 10:38 Uhr
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.. und tschüss ... Ein Verbitterter, Gestrandeter (Schiffbruch im Schiffbau ...) und irgendwie Heimatloser sieht alle Fehler bei uns Zürchern. OK. Zur Kenntnis genommen. ... und tschüss ... Antworten



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