«Nicht mehr Gott, sondern eben Hitler»

Künstler Jonathan Meese muss vor Gericht, weil er den Hitlergruss gezeigt hat. Nazismus-Experte Tilman Allert sagt, warum dies richtig ist und weshalb der Gruss noch immer schockiert.

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Herr Allert, Meese verteidigt die Aktion mit seiner Absicht, den Hitlergruss neutralisieren, seine Gefährlichkeit entschärfen zu wollen. Was halten Sie davon?
Nichts. Meeses Aktion war ein Zeichen intellektueller Einfallslosigkeit und Vulgarität. Der Gruss wird im Gegenteil entschärft durch Nichtgebrauch, durch sein Verschwinden aus dem öffentlichen Raum.

Dies wird seit 1945 versucht. Allerdings ist heute noch jeder Hitlergruss ein programmierter Skandal und daher für Provokationen sehr gut geeignet.
Und das scheint mir auch stimmig so – wenn nach der Aufregung die Sanktion erfolgt. Dass Meese angeklagt wird, gehört dazu. Er steht nun unter Begründungszwang und hat dabei das Recht, sich auf die künstlerische Freiheit zu berufen; eine derartige Diskussion gehört ebenfalls dazu. Die grosse Sensibilität unserer Gesellschaft und Justiz gegenüber dieser Geste ist wertvoll und sollte gewahrt werden.

Hitler-Reden werden en masse parodiert, der Hitlergruss dagegen schockiert noch immer. Hat die Geste mehr Gewicht als das Wort?
Es gibt da natürlich den kommunikativen Vorteil der Sichtbarkeit. Eine Geste erscheint viel prägnanter als Worte.

Welchen Zweck erfüllte der Gruss während des Dritten Reichs?
Die nationale Identität Deutschlands war damals bekanntlich nicht stabil. Der Gruss verpflichtete seinerzeit die Bürger auf Konformität zum Regime, darin lag seine enorme Wirkung, der Nationalsozialismus war gleichsam veralltäglicht, in die Lebenspraxis der Menschen übernommen. Aus demselben Grund adaptierte übrigens auch Mussolinis faschistisches Italien den Gruss. Die Nationalsozialisten und die Faschisten stritten während Jahren darüber, wer nun die Erfinderschaft beanspruchen dürfe. Die einen führten ihn auf germanische Traditionen, die anderen auf den römischen Gruss der Antike zurück. Das Entscheidende an diesem Streit war der symbolische Anschluss an eine Grossreichidee.

Wann wurde der Gruss eingeführt?
Die NSDAP übernahm den Gruss bereits in den frühen 1920er-Jahren, nach 1933 verbreitete er sich dramatisch rasch in der gesamten Bevölkerung. Dies, obwohl er nicht koordiniert eingeführt wurde – die Diktatur bestand aus den Elementen der charismatischen Führerherrschaft und parallel dazu der kontinuierten Bürokratie. Die Verbreitung des Grusses ist in erster Linie auf die Initiative besonders regimetreuer Ministerialer oder Lokalpolitiker zurückzuführen; er setzte sich, grob betrachtet, zunächst im protestantischen Norden durch, dann im Süden. Die Wehrmacht wurde erst nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 auf den Gruss verpflichtet.

Welche Bedeutung hatte der Gruss im Kontext des Führerkults?
Der Wunsch, dem Gegrüssten möge es wohl ergehen, ist weitverbreitet: Man denke an das «Salut» in der Schweiz. Beim Hitlergruss jedoch wurde die göttliche Protektion, wie sie etwa deutlich wird im «Grüss Gott», veralltäglicht – Träger des Wunsches, unversehrt zu bleiben, ist nicht mehr Gott, sondern eben Hitler. Das ist der skandalöse Bruch, denn es so nur im Nationalsozialismus gab.

Hitler selbst führte seinen Gruss häufig nur nachlässig aus, indem er den Handrücken nach hinten kippte. Wie erklären Sie sich das?
Der Charismaträger darf sich beinahe alles erlauben. Er ist es auch, der die im Gruss implizierte Huldigung beenden und den Grüssenden daraus entlassen kann. Genau das tat Hitler mit dieser Bewegung. Die Lässigkeit hatte aber auch noch einen weiteren Grund: Das stundenlange Armstrecken an den Parteitagen war ja ungemein ermüdend.

Hat der Gruss nach der Niederlage der Nazis eine Bedeutungserweiterung erfahren?
Er wird auch von Jugendlichen und Randgruppen zur reinen Provokation eingesetzt – als vulgäre Destruktion zivilisatorischer Standards oder zur vermeintlichen Aufklärung, wie das Meese beabsichtigte. Seine Aktion kommt mir vor wie eine schale, anachronistische Geste, die übersieht, wie stark sich das allgemeine Bewusstsein und die Sensibilität unserer Gesellschaft von der Ideologie dieser Zeit distanziert haben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 22.07.2013, 10:58 Uhr)

Tilman Allert ist Professor für Soziologie an der Uni Frankfurt. 2005 publizierte er das Buch «Der deutsche Gruss. Geschichte einer unheilvollen Geste».

Meese vor Gericht

Jonathan Meese, einer der kommerziell erfolgreichsten Maler und Perfomance-Künstler Deutschlands, wurde der Verwendung von «Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen» angeklagt. Der Prozess beginnt am 29. Juli in Kassel.

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