Starke Frau in widrigen Umständen
Von Simone Meier. Aktualisiert am 14.12.2009
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Theater und Kino
«Quartett», Schauspielhaus Zürich, 15. bis 18. Dezember.
«Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen» (D 2009). 110 Minuten. Regie: Margarethe von Trotta. In den Hauptrollen Barbara Sukowa, Heino Ferch, Hannah Herzsprung u. a. In Zürich läuft der Film im Kino Arthouse Piccadilly.
Wäre Nicole Kidman 1950 und in Deutschland zur Welt gekommen, so wäre ihre Seele wohl in den Körper einer gewissen Barbara Sukowa aus Bremen geschlüpft. Von Barbara Sukowa, die in den 70er- und 80er-Jahren hell und leuchtend und mit kupferblondem Haar, mit einer Vornehmheit, die aber auch vor der Verausgabung nicht zurückschreckte, die deutschen Bühnen und den deutschen Film beherrschte. Sie war die Bühnenmuse von Luc Bondy und Peter Zadek, der Filmstar von Rainer Werner Fassbinder und Margarethe von Trotta, die ihr 1986 mit der Rolle der Rosa Luxemburg zu einer Goldenen Palme als beste Schauspielerin in Cannes verhalf.
Ihr Triumph in der deutschen Filmgeschichte aber wird auf ewig die Lola bleiben in Fassbinders gleichnamigem Film (1981) über eine Provinzprostituierte, die ihre Sexualität als Währung im aufkeimenden Wirtschaftswunder einsetzt. Eine Figur, die zwischen vollblütiger Vulgarität, totaler Tragödie und der Eiseskälte eines rechnenden und rächenden Engels changiert. Für Fassbinder hatte sie ein Jahr zuvor schon Mieze, das gute Herz aus Berlin, in der 13-teiligen TV-Serie «Berlin Alexanderplatz» gespielt, und natürlich will man von ihr wissen, wie das denn nun war mit Fassbinder, den schon so viele andere Schauspielerinnen als cholerischen Berserker beschrieben haben. «Ich hab ihn nur von der besten Seite erfahren: wahnsinnig sensibel, schüchtern, wenn wir intime Szenen spielten, versteckte er sich hinter der Kamera, um nicht zu stören», sagt Barbara Sukowa.
Filmversuche in Amerika
Es ist gerade Abend geworden über Zürich, sie sitzt im Schiffbau, das Licht verdämmert, nur Barbara Sukowa leuchtet weiter, wirkt mädchenhaft und zart, und dabei wird sie nächstes Jahr 60. Seit vielen Jahren lebt sie in New York, mit ihrem dritten Mann, dem Multimediakünstler Robert Longo; der gemeinsame Sohn ist ebenfalls ihr dritter. Wissen die Kinder eigentlich, dass sie eine deutsche Filmlegende zur Mutter haben? «Bin ich das? Meine Kinder sind an mir als Mutter interessiert, nicht als Schauspielerin.»
Ihre Kinder kennen sie auch eher als Musikerin. Mal singt sie in der Carnegie Hall Lieder von Schubert und Schumann. Mal arbeitet sie mit den Dirigenten Esa-Pekka Salonen oder Claudio Abbado zusammen. Mal als Blues-Rock-Soul-Sängerin in der Band X-Patsys, in der ihr Mann E-Gitarre spielt. Man kann sich Müsterchen der klassischen und der kantigen Sukowa auf Youtube zu Gemüte führen. Und natürlich auch als Lola mit der Ballade vom «Tag als der Regen kam». Es ist grossartig.
Hat es sie, eine Ikone des politischen, europäischen Intellektuellenfilms, denn nie gereizt, im amerikanischen Independent-Kino heimisch zu werden? Doch, sie hat es versucht, eine Weile lang, hatte auch Rollen, etwa in «Office Killer» von Cindy Sherman, in «Cradle Will Rock» von Tim Robbins oder in «Romance & Cigarettes» von John Turturro. Aber dann beschloss sie, dass sie das nicht mehr will, das Leben mit einer Agentur, die Castings mit vielen andern Arbeit suchenden Schauspielerinnen, die in Amerika zum Alltag gehören, dass sie keine Lust hat, «unter die Qualität zu gehen, die ich mir in Europa aufgebaut habe».
Deshalb hat sie sich die Schauspielerei auch für Europa vorbehalten; hier dreht sie ungefähr einen Film im Jahr, mit Volker Schlöndorff, mit Margarethe von Trotta, mit anderen, dafür trennt sie sich jeweils so kurz wie nur möglich von der Familie. Ab und zu spielt sie auch Theater, wie 2007 mit Barbara Frey an den Salzburger Festspielen das «Quartett» von Heiner Müller, ihr umjubeltes grosses Bühnen-Comeback, mit dem sie seither in zahlreichen Theatern und nun auch in Zürich gastiert (siehe Besprechung). Dass ausgerechnet jetzt, während ihres Gastspiels, auch ihr neuer Film «Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen» in den Kinos anläuft, ist ein Zufall. Der Film ist nach «Die bleierne Zeit» (1981), «Rosa Luxemburg» (1986) und «Die andere Frau» (2004) eine weitere Zusammenarbeit mit von Trotta, ein weiteres Porträt einer starken Frau in widrigen historischen Umständen. Man schaut Barbara Sukowa als seherischer Äbtissin und Hannah Herzsprung als ihrer Lieblingsnovizin gerne zu; daist viel erleuchtete Sturheit bei der einen und viel feurige Hingabe bei der andern. Im grossen Ganzen allerdings ist der Film aber eher ein wackerer Feminismus-Essay für Fans von Mittelaltermärkten.
«Viel an mir herumgemeckert»
Und was denkt sich Barbara Sukowa eigentlich, wenn sie sich selbst in einer ihrer alten Rollen begegnet, etwa der Lola? Denkt sie da das Naheliegendste, also, mein Gott, was war ich schön? «Ganz ehrlich», sagt sie und muss lachen, «da denke ich, mein Gott, du siehst doch eigentlich wirklich gut aus. Und was hab ich damals immer an mir herumgemeckert. Wahrscheinlich geht es mir mit 80 so, wenn ich meine Filme von jetzt anschaue.» Bestimmt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.12.2009, 09:09 Uhr




