Steht Berner Stadttheaterdirektor vor Freistellung?
«Es ist höchste Zeit», sagt der Stadtpräsident: «Der Verwaltungsrat muss jetzt schnell handeln.» Doch konkreter will Alexander Tschäppät nicht werden, weder zu den «vertrauensbildenden Massnahmen» noch zu den «Personalentscheiden», die er verlangt. «Dazu werden Sie nichts von mir hören. Ich will den Entscheiden der Verwaltungsräte nicht vorgreifen.» Keine Auskunft auch von Bernhard Pulver, der als Regierungsrat und Kulturdirektor des Kantons den grössten Subventionsgeber des Stadttheaters vertritt. Er sei daran, sich ein Bild der Lage zu machen – die «Personalführung» sei aber allein Aufgabe des Verwaltungsrats.
So oder so: Das Aufsichtsgremium des Stadttheaters steht unter Druck. Was hat der Verwaltungsrat gewusst, geahnt, übersehen, unterlassen? Und was tut er jetzt, um glaubwürdig zu bleiben? Das bleibt die grosse Frage nach dem Eklat vom letzten Donnerstag, als Erich Sidler, Leiter des Schauspiels, seinen Rücktritt per 2011 bekannt gab. Seinem Direktor Marc Adam warf er vor versammelter Presse «Intransparenz» bei der Zuteilung der Gelder vor; das Verhältnis zwischen ihnen sei endgültig zerrüttet (der «Bund» berichtete). Die Schauspieler hatten schon an der Ensembleversammlung am Vorabend von Sidlers Schritt erfahren und sich mit ihm solidarisiert. Einzelne hatten sogar mit Streik gedroht.
Sidler sieht sich hintergangen
Zur Eskalation führte ein Verteilkampf zwischen den Sparten. 100 000 Franken muss das Schauspiel (Sidlers Sparte) zugunsten der Oper (Adams Sparte) einsparen – auf Adams Geheiss. Und das, obwohl das Schauspiel die Vorgaben einhält und die Publikumszahlen nach oben zeigen, während die Oper in der Krise steckt. Mehr noch: Erich Sidler sieht sich betrogen. Als ihn der Direktor informierte, dass das Schauspielbudget für die Saison 2010/11 gekürzt werde, teilte ihm Adam gleichzeitig mit, auch die Oper werde ihr Opfer bringen und 200 000 Franken sparen. Vor diesem Hintergrund akzeptierte Sidler die Kürzung. Bloss: Vom Sparen bei der Oper will Adam heute nichts mehr wissen – er hat die ganze Sparlast dem Schauspiel aufgebürdet. Und der Verwaltungsrat gab Adams Budget den Segen.
Erst spät schlauer geworden
Ein Jahr zuvor hatte Erich Sidler – in derselben Situation – seinen Kopf riskiert und war direkt an den Verwaltungsrat gelangt. Der griff ein, korrigierte Adams Budget und verschob 100 000 Franken von der Oper ins Schauspiel. Hätte nach diesem Vorfall der Verwaltungsrat diesmal nicht besser hinschauen müssen? Henri Huber, Präsident des Verwaltungsrats, erklärte sich gestern in einem längeren Beitrag im Kulturblog des «Bund». Sidler habe an der Budgetsitzung des Verwaltungsrats im März teilgenommen, aber – anders als ein Jahr zuvor – «kein Wort darüber verlauten lassen, dass es zwischen ihm und Marc Adam einen Ressourcenkonflikt gebe».
Das bestätigt auch Sidler. Allerdings habe er erst durch diese Sitzung Einblick in Adams Budgetierung bekommen: «Erst da wurde mir klar, dass er sich nicht an sein Versprechen hält, auch in der Oper zu sparen.» Sidlers Reaktion: ein Brief an Adam – er sei nicht mehr bereit, dessen Budgetmanöver hinzunehmen.
Das war vor drei Wochen, und eine Kopie des Briefs ging damals auch an Henri Huber. Warum sah sich der Verwaltungsrat nicht spätestens damals alarmiert? Er habe durchaus reagiert, rechtfertigt sich Huber: «Ich wollte verhindern, dass Sidler abspringt, und habe Marc Adam angewiesen, die Sache in Ordnung zu bringen.» Darauf hat sich Huber verlassen. Zu Unrecht: Offenbar war es Adam nicht darum, Sidler zu halten – er foutierte sich um Hubers Auftrag. Das habe er selber auch erst kurz vor dem letzten Donnerstag erfahren, sagt Huber heute.
Wie zerrüttet das Verhältnis zwischen Adam und Sidler ist, zeigt auch der Umstand, dass der Schauspielchef seit Monaten gezögert hat, die Verlängerung seines Vertrags über 2011 hinaus zu unterschreiben – bevor er schliesslich endgültig darauf verzichtete. Dabei beklagt sich nicht nur Sidler über Adams fehlende Transparenz: Ausser seiner engsten Entourage lasse er niemanden an seinen Überlegungen teilhaben, sagen Insider. Zudem wird im Haus schon lange kritisiert, dass Marc Adam seine Aufgaben als Intendant vernachlässige und kaum präsent sei.
Marc Adam will zu den 200 000 Franken nichts sagen. «Über interne Zahlen äussere ich mich nicht öffentlich.» Nur so viel: Er habe die oberste Verantwortung und treffe seine Budgetentscheide nach bestem Wissen und Gewissen. «Ich muss als Intendant im Interesse des ganzen Hauses handeln.» Auch die Vorwürfe, er nehme seine Aufgaben zu wenig wahr, will er nicht kommentieren. «Ich inszeniere zwar weniger als mein Vorgänger, bin aber im Haus sehr präsent.»
Der Fall Dinic
Eine Integrationsfigur ist Adam allerdings nicht. Schon im März stand ein Kadermann des Stadttheaters öffentlich gegen ihn auf: In der «Berner Zeitung» dachte Chefdirigent Srboljub Dinic laut über die Probleme des Musiktheaters nach und kritisierte Adam für die Wahl der Regisseure und Sänger. Der verlangte darauf beim Verwaltungsrat die fristlose Kündigung Dinics, kam damit aber nicht durch: Für Dinic gab es nur einen disziplinarischen Verweis. Nicht genug für Adam – er entzog seinem Chefdirigenten die musikalische Leitung der «Lustigen Weiber von Windsor». Der Posten wurde bis jetzt nicht wieder besetzt: «N. N.» heisst es im Programmheft für 2010/11.
Der Fall Dinic zeigt, dass Marc Adam auch im Verwaltungsrat nicht vorbehaltlos unterstützt wird. Es gebe keinen Anlass, Sidler mit einem Verweis für seinen Theatercoup zu bestrafen, meint Henri Huber. Die Frage allerdings, ob Adam als Intendant noch tragbar ist, wollten gestern weder Politiker noch die Mitglieder des Verwaltungsrats beantworten. Auch nicht Veronica Schaller, die als Leiter der Abteilung Kulturelles für die Stadt Bern im Verwaltungsrat sitzt und sich letzten Donnerstag bestürzt über Sidlers Schritt geäussert hatte. «Das müssen wir verhindern», erklärte sie damals. Jetzt aber kein Kommentar: Der Verwaltungsrat trifft sich morgen Mittwoch zu einer ausserordentlichen Sitzung, um über das weitere Vorgehen zu entscheiden.
Eine Freistellung wird teuer
Eine entscheidende Rolle wird dabei das Geld spielen. Marc Adams Vertrag läuft bis 2012, und eine Freistellung würde Millionen kosten: Neben ihm hätte auch seine Entourage weiter Anrecht auf Lohn – die Dramaturgen, die er nach Bern geholt hat. Vor diesem Hintergrund wird sich der Verwaltungsrat, der sich bisher klar gegen eine bessere Finanzierung des Theaters gestellt hat, kaum für eine Freistellung entscheiden. Hält er aber an Marc Adam fest, wird er wohl nicht darum herumkommen, dessen Kompetenzen als Geschäftsleiter zu beschneiden.
Und Sidler? Derzeit kein Kommentar zur Frage, ob er gegebenenfalls auf seinen Entscheid zurückkommen und in Bern bleiben würde. (Der Bund)
Erstellt: 04.05.2010, 10:13 Uhr
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