Trauriges Trudeln

Regisseur Dušan David Parízek sucht im Zürcher Pfauen nach der Moralzeile in Klaus Manns Roman «Mephisto». Doch vor allem dem Ensemble gelingt es, die klugen Passagen des Textes ans Licht zu zerren.

Wie das ganze Ensemble wechseln sie geschmeidig zwischen den Rollen: Miriam Maertens und Siggi Schwientek. Foto: Doris Fanconi

Wie das ganze Ensemble wechseln sie geschmeidig zwischen den Rollen: Miriam Maertens und Siggi Schwientek. Foto: Doris Fanconi

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Wären Sie ein Mitläufer? Das ist die Frage, die der tschechische Regisseur Dušan David Parízek Ihnen mit seiner Bühnenfassung von Klaus Manns «Mephisto»-Roman vorspielen will, ohne sie je direkt auszusprechen; nur im SRF-Gespräch formuliert er sie explizit. Sein hoch agiles Schauspielerquintett – Michael Neuenschwander, Siggi Schwientek, André Willmund, Miriam Maertens und Elisa Plüss – soll im Pfauen also ein tief moralisches Raunen in die schrillen Koloraturen hineinlegen und ins dumpfe Grollen dieser Geschichte aus düsterer Zeit. Die Europäer seien in einer Phase, wo sie zeigen müssten, ob der Humanismus blosses Lippenbekenntnis sei oder echte Handlungsanleitung für den ­Umgang mit Flüchtlingen, sagt Pa?ízek in besagtem Fernsehinterview.

Der mephistophelische Pierrot

Nach der Pause scheint die Antwort klar. Denn nun verbergen alle fünf Akteure ihr Antlitz unter der Maske des mephistophelischen Pierrots, dem der gefeierte Schauspieler Gustaf Gründgens 1932 am Preussischen Staatstheater in Berlin seinen Atem einhauchte – und der sich durch Gründgens’ «Faust»-Film von 1960 ins kollektive Gedächtnis des Bildungsbürgertums eingegraben hat. ­Parízeks fünf Mephistos von 2016 sind allerdings zur Kenntlichkeit verzerrt: In den clownweissen Gesichtern schwären die blutroten Münder wie riesige Wunden, deren Konturen zerfleddert sind, wie es die Wahrheit bei den Nazis ist. Die Lippen sind aufgerissen durch die Verbiegungen und Verbeugungen vor der Macht, die aus ihnen strömen.

Aus Gründgens’ feinen, steilen Augenbrauen werden hier grobe, schwarze Striche, teils ganze Augenklappen. Dieses Make-up schreit, dass sowieso alles Larve und Lüge ist – im Theater wie auf der Politbühne und im Drama des Lebenskampfs. Tatsächlich hat der letzte Teil der dreistündigen «Mephisto»-Aufführung eine Dringlichkeit, die sich in den ersten beiden Stunden nicht einstellt.

Aber schon am Anfang gehts um die Verstellung als Überlebensstrategie Mitte der Dreissigerjahre im braunen Berlin. Der Ministerpräsident (das Pendant zu Hermann Göring) hat Geburtstag, und an der Party machen alle beste Miene zum bösen Spiel. Man trägt Uniformgrau, lässt die Trompete Marschmelodien quäken, die Löffel den Takt schlagen. Schmierenkomödiantisch karikieren sich die Schauspieler durch die Gästeliste, mimen hier die Millionärin mit dem breiten Rheinländer Dialekt, da die schweizerische Journalistin («Haakechrüz uus Brilliante!»). «Jeder Jeck ist anders», kommentiert einer den traurigen Karneval, der keinem der Besucher gute Laune verschafft – auch nicht denen im Parkett.

Da klimpert der gekränkte Ex-Intendant des Staatstheaters etwa brav mit den Augendeckeln wie eine Puppe (Schwientek ist ganz hingenuschelte Verbitterung). Und sein Nachfolger, Starschauspieler Hendrik Höfgen, glaubt sich seine eigenen Rechtfertigungsversuche schon lang nicht mehr: Neuenschwander gibt das Gründgens-Pendant als haltlosen Kasper, der nur noch am Faden seiner Karrieregeilheit hängt.

Kurz, es wird chargiert, was die Bretter halten. Und die halten mehr aus als das Publikum, schliesslich sind sie für den Fake geschaffen. Aus ihnen wurden auch die Wände des Bunkers gemacht, auf die ostentativ geklopft wird («Holz!»). Parízek hat das Ding, das aussieht wie das Führerhauptquartier Wolfsschlucht II, in seiner Funktion als Bühnenbildner in den Guckkasten hineingebaut. Im Fond lässt er es spitz zusammenlaufen: Aus dieser Schlucht kommt keiner raus.

Genau davon erzählt Klaus Manns Exilroman von 1936. Ihn habe der Typus des Menschen interessiert, der Stück um Stück seine Seele verkauft, und nicht die Porträtzeichnung von Gründgens, dem Ex-Mann seiner grossen Schwester Erika, mit dem er früher selbst struppige Theaterprogramme entwickelt hatte. Homosexuell und links waren sie beide, theaterverrückt und anerkennungssüchtig. Dann aber waltete Gründgens als Intendant von Görings Gnaden, war scheinverheiratet, und wurde nach dem Krieg bald wieder ein Feuilletonstar. Manns «Mephisto» dagegen wollte in der neuen Bundesrepublik keiner nachdrucken. Neun Tage nach der Absage eines Verlegers nahm der Autor eine Über­dosis Schlaftabletten.

Tarantella rund um die Karriere

1963 würde Gründgens an der gleichen Ursache sterben. Innerlich tot ist sein Pendant Höfgen im Roman jedoch viel früher. Auf dem Weg zu Ruhm und Macht gibt Höfgen etliche Menschen auf: seine linksintellektuelle Frau Barbara und seinen Fan Angelika (die junge Zürcherin Plüss wechselt so geschmeidig zwischen diversen Rollen wie die anderen); seine schwarze Sadomaso-Geliebte (Maertens fürchtet sich nicht vor einer Blackfacing-Scharade); seinen Kommunisten-Freund Otto (ein überzeugender Schwientek); seinen Zögling Hans, der sich den Nazis zuwenden wird (stark: Willmund); und schliesslich seine Fähigkeit, unverfälscht Theater zu spielen. Er verwirbelt sich und sein Talent in dieser Tarantella rund um die Karriere. Aber je irrer er trudelt, umso zwingender wird die Verdichtung des Romans auf der Bühne.

2015 holte der Regisseur, in Zürich kein Unbekannter, für «Lächerliche Finsternis» die Ehrungen «Inszenierung des Jahres», «Bühnenbild des Jahres» und einen «Nestroy» für die «Beste deutschsprachige Aufführung». Man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster, wenn man vermutet, dass es diesem «Mephisto» dazu nicht reichen wird. Bis zur Pause zieht sich die Romanadaptation, zerfällt in Pointen, Bonmots und persiflierte Lieder. Die extra schülerhaft hingeklapperte, komödiantisch hingeratterte Selbstreferenzialität (inklusive Textprojektion via Projektor) pulverisiert jede Ernsthaftigkeit. Doch als es richtig eindunkelt in Höfgens Leben, darf das Ensemble leuchten, die klugen Striche im Text zerren ans Licht: Höfgens ist vor allem ein kindisches Kind, stecken geblieben irgendwo zwischen Spielplatztränen und Frühlingserwachen. Und er wird, wenigstens da, ein Mitläufer, bei dem man mitgeht.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.01.2016, 19:03 Uhr)

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