Verführung als Kunst und Strategie
Von Charles Linsmayer. Aktualisiert am 03.01.2012 1 Kommentar
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Eine junge Frau dringt in eine hermetisch abgeschlossene Welt ein und wickelt, mal als Frau, mal als Mann verkleidet, alle um den Finger, um den einen zu bekommen, den sie liebt. «Le Triomphe de l’amour» von Pierre Carlet de Chamblain de Marivaux (1688–1763) hat, seit Luc Bondy das Stück vor 25 Jahren an der Berliner Schaubühne wiederentdeckte, immer wieder Furore gemacht: zuletzt 2009 in der vom Deutschen Theater Berlin nach Zürich transferierten Inszenierung von Barbara Frey.
Sterile Kampfzone
An Silvester 2011 hat nun Matthias Kaschig die Komödie in einer neuen, dem heutigen Sprachgebrauch angenäherten Übersetzung von Almuth Voss in der Vidmarhalle 1 zur Berner Premiere gebracht. Das Programmheft spricht mit Houellebecq vom «Eindringen in die Kampfzone», und was Michael Böhler in die Halle hineingebaut hat, setzt das anschaulich um.
Da ist kein grüner Garten wie in der Zürcher Inszenierung, sondern eine die ganze Saalbreite einnehmende Guckkastenbühne aus weissem Styropor, die weder Fenster noch Türen hat und sich erst ganz am Schluss, als die Liebe über die Repression triumphiert, nach hinten öffnet. Da liegen, stehen oder sitzen die Protagonisten, wenn sie nicht gerade zum Einsatz kommen, herum, das Geschehen wie von ferne beobachtend oder in einer bestimmten Pose wie Statuen festgefroren. Zusammen mit den schrägen Kostümen von Stefani Klie und einer Reihe von absurden Riesenpflanzen, die ganz plötzlich aus dem Boden oder aus der Wand hervorbrechen, ergibt das eine grotesk-surreale, vielleicht auch parabelhafte Situation, die durch die ruckartigen und oftmals künstlich anmutenden Bewegungen der Akteure noch verstärkt wird.
Fernab aller Freuden
Die sterile monochrome Kabine ist das Refugium des Philosophen Hermocrate und seiner Schwester Léontine, zu deren Entourage neben dem Gärtner Dimas und dem Diener Arlequin der Prinz Agis gehört, der da fernab aller Verlockungen und sinnlichen Freuden aufgewachsen ist. Auf ihn hat es die Fürstin Léonide abgesehen, als sie zusammen mit ihrer Gesellschafterin Corine durch ein Loch in der Decke in das Anwesen eindringt und da mal als Phocion, mal als Apasie, mal unter ihrem wirklichen Namen ihr Spiel treibt, während die Begleiterin sich als junger Mann namens Hermidas ausgibt.
Der unförmig aufgeplusterte Gärtner, den Philip Hagmann spielt, lässt sich ebenso mit Goldmünzen bestechen wie der Diener Arlequin, der von Diego Valsecchi verkörpert wird und der schon bald ein Auge auf Léonides Begleiterin Corine (Judith Cuénod) geworfen hat. Léonide alias Phocion wird von Mona Kloos gespielt, und ihrem gewinnenden Charme erliegen nach und nach sowohl die tantenhaft-spröde Léontine (Henriette Cejpek), die sie als Phocion umgarnt, als auch der Philosoph Hermocrate (Ernst C. Sigrist), für den sie sich als Apasie ausgibt.
Schüchterner Agis
Die amouröse Angreiferin, die vor allem mit ihrem herzerfrischenden Lachen punktet, verfolgt ihre Verführungsstrategien mit solcher Leidenschaft und Hingabe, dass es am Schluss, als beide sie heiraten wollen – Léontine als Frau und Hermocrate als Mann –, fast schon als tragisch oder mindestens unglaubwürdig erscheint, dass Léonides wahre Liebe dem schüchternen, unbeholfen-naiven Agis gehört, dem Andri Schenardi in kurzen Hosen, weissen Strümpfen und rosa Pullover nicht den Hauch von Attraktivität oder gar Sex-Appeal abgewinnt.
«Für Sie habe ich alle anderen betrogen», sagt Léonide zu ihm, als er sie ihrer weiteren Liebschaften wegen für treulos hält. «Es war nicht anders möglich: Alle meine Kunstgriffe sind ebenso Beweise meiner Zärtlichkeit, und mit ihrem Irrtum verletzen Sie das zärtlichste Herz von allen.»
Finale mit Dämpfer
In Zürich fiel Agis, als die Liebe triumphierte und das Happy End mit Léonide perfekt war, in Ohnmacht, in Bern rennt er verstört durch den Zuschauerraum davon. Jedes Mal aber mündet, von einer anderen Zeit her gesehen, das frivole Spiel mit Gefühlen, Emotionen und Illusionen zuletzt in Ernüchterung und Enttäuschung, so spannend und temperamentvoll Matthias Kaschig und sein bestens disponiertes Berner Ensemble den fulminanten Liebeshandel auch in die eher sterile Bühnenkonstruktion hineingezaubert haben. (Der Bund)
Erstellt: 03.01.2012, 08:09 Uhr
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1 Kommentar
Pubertäre Fantasien
Tatsächlich: das Ensemble war bestens disponiert beim "Triumph der Liebe". Theaterkenner wissen, wie schwierig dieses Rokoko-Stück heute zu inszenieren ist. Was uns Regisseur Kaschig vorsetzt, ist eine pubertär-phallische Persiflage, nichts zum Aufregen, einfach nur läppisch und abgedroschen. Kaschig killt damit die zweifelsfrei dichten Momente. Ein Theatererlebnis ist anders.
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