Wie steht es um unsere Theater?

Das Theater Neumarkt präsentierte jüngst bedenklich schlechte Zahlen. Die Stadtzürcher Theater im Vergleich.

Für Informationen über die Masken fahren: Die wichtigsten Zürcher Theater. (Grafik: Linus Schöpfer)


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«Machen Sie das beste Theater in Deutschland, und danach sagen Sie mir, was es kostet.» Das war die Anweisung, die Staatskanzler Carl August von Hardenberg 1815 dem neuen Intendanten des Königlichen Schauspiels in Berlin auf den Weg gab. Heute sieht der Souverän das anders, denn generell ist das Theater kein Ort der Orientierung mehr, noch hat es Glamour wie die Oper oder den Wohlfühlfaktor eines Musicals.

Und als die neue Direktion des Theaters Neumarkt neulich die Zahlen der ersten Saison vorlegte, war man schockiert: nur rund 10'000 Besucher bei 400'000 Einwohnern und damit über 400 Franken Subvention pro Karte! Schnell kam die Frage auf, ob man sich so ein Theater überhaupt noch leisten will. Dass hinter den Kulissen des Neumarkts derzeit viele Sitzungen mit dem Verwaltungsrat der Neumarkt AG und der Stadt stattfinden, ist ein offenes Geheimnis. Wie kritisch ist die Situation?

Klar, das Schauspiel ist längst kein Leitmedium mehr. Aber muss es das sein? In den «Grundsätzen der Zürcher Kulturpolitik» heisst es, dass die Kunstfreiheit zu wahren sei, nicht allen alles gefallen müsse und Qualität das entscheidende Kriterium für die Gewährung öffentlicher Beiträge sei. Und unter Qualität verstehe man das «Potenzial einer künstlerischen Äusserung für Erkenntnisgewinn». Das sind schöne, begrüssenswerte Grundsätze! Stossen sie an ihr Limit, wo die Resonanz ausbleibt?

Zahlensieger Bernhard-Theater

Die Analyse der aktuellen Daten etlicher Häuser in Zürich zeigt: Gewinner nach Zahlen ist das Theater Bernhard, das sich mit seinem Mix aus Gastronomie und munterem Entertainment völlig selbst finanziert. Teils anderen Ansprüchen gerecht wird das immerhin zu 78 Prozent selbst finanzierte Theater Rigiblick. Die Eigenfinanzierung eines Hochleistungsdampfers wie des Schauspielhauses liegt dagegen bei 20 Prozent – und beim Neumarkt bei der Hälfte davon. Beide Häuser berappen allerdings ein eigenes Ensemble, was einst zu den Grundfesten des Stadttheaters gehörte.

Aber nicht nur in Zürich werden, gerade aus der freien Szene, Rufe laut, die Zeit der Theaterbeamten sei abgelaufen, das Geld an die Freien auszuschütten. In Luzern wird darüber debattiert, am Basler Theater und in Zürich zwischen Festen und Freien kooperiert. Hat ein Neumarkt als eine Art kleines Stadttheater zwischen Ganzgross und Kleinklein keinen Platz mehr? Die Vorgängerdirektion Barbara Weber/Rafael Sanchez machte da andere Erfahrungen: Erst gings gut, im dritten Jahr kam der Knick (man lag fast so tief wie die jetzige Direktion), dann zog es wieder an. Leicht ist es nicht, die Nische zu bespielen.

Triumph mit Tiefpreispolitik

Die Gessnerallee ihrerseits triumphiert mit ihrer Tiefpreispolitik, die ihr manche in der Szene übel nehmen; sie erreicht so 25'000 Besucher und einen Eigenfinanzierungsgrad von 48 Prozent. Und bietet erst noch oft Neues, Tolles, Widerständiges – ein Gegenprogramm etwa zum komödiantenstadelnden Bernhard. Das funktioniert! Und man hat den Verdacht, dass die Gessi-Besucher auch die sind, die das «Neumarkt» füllen könnten – wenn das Programm stimmt. Noch ein Bernhard jedenfalls brauchts nicht, und noch ein Schauspielhaus liegt nicht drin.

Ein Blick auf die Deutschschweizer Häuser mit Eigenproduktionen zeigt, dass man über die Jahrzehnte zwar Publikum verloren hat, sich in den letzten Jahren im Durchschnitt jährlich aber immerhin knapp 1 Million Besucher erspielte. Am Publikum allein fehlt es nicht. (ked) (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 11.11.2014, 20:38 Uhr)

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