Kultur

«Züri isch mys Liebschte, mys Läbe, my Wält»

Ein feiner kleiner Coup: Am Hechtplatz-Theater singen Big Zis und Sabina Leone «Eusi chlii Stadt» in die Gegenwart.

Kleine Stadt, neu aufgelegt in der Gernegrossstadt: Big Zis (links) und Sabina Leone im Hechtplatz-Theater.

Doris Fanconi

Dass Zürich die liebenswürdigste Gernegrossstadt der Welt ist, das kann man nicht genug feiern. Doch die Zeiten, als Zürich selbst zum Gegenstand einer immer auch charmant verschämten und selbstironischen Feierei wurde, liegen doch schon ein paar Jahrzehnte zurück. 1951 war das etwa «Die kleine Niederdorfoper» am Schauspielhaus, 1959 das Kurzmusical «Eusi chlii Stadt», mit dem das Hechtplatz-Theater eröffnet wurde. Und Kurt Früh drehte seine Züri-Filme, in denen Obdachlose noch Clochards hiessen und gefallenen Mädchen halfen, ihre unehelichen Kinder zur Welt zu bringen.

Wollenberger Junior

Jetzt hat sich also das Hechtplatz-Theater zum 50. einen feinen kleinen Coup geleistet: Thomas Wollenberger, Sohn des legendären Werner Wollenberger, der einst das Libretto zu «Eusi chlii Stadt» geschrieben hatte (ganz selbstbewusst nach dem Stück «Our Town» von Thornton Wilder), hat die kleine Stadt neu aufgelegt und sie dabei den Händen und Kehlen von zwei jungen Damen anvertraut. Big Zis und Sabina Leone heissen die beiden Heldinnen dieses Züri-Herz-Abends.

Sabina Leone war früher einmal Schlagzeugerin bei der Zürcher Girlpunkband Wemean, bringt jetzt aber mit einer mal bluesig samtigen, oft ganz unschuldig reinen Sopranstimme die Lieder von einst quasi in einem Nostalgieröckchen (in ihrem schwarzen Kleid sieht sie aus wie Johanna Spyri) auf die Bühne. «I mym Quartier», die Hymne an das melancholisch arme, aber ehrliche Arbeiterquartier Kreis 4, ist herzzerreissend.

Big Zis als Sprachgenie

Big Zis dagegen, diese grösste kleinste Rapperin der Schweiz dagegen, bestätigt wieder einmal aufs Verblüffendste, was man von ihr ja eh seit vielen Jahren weiss: dass sie in Sachen Sprach- und Sprecharbeit einfach ein verdammtes kleines Genie ist. Da geht die Frau doch einfach hin und macht aus diesen Wollenberger-Texten, von denen man immer dachte, dass sie zwar schon ein bisschen altmödelig, aber trotzdem irgendwie für die Zürcher Ewigkeit bestimmt seien, Texte, die plötzlich wieder Gegenwart haben.

Sie verschärft hier eine gesellschaftskritische Zeile, streicht da ein Bild, das heute viel zu herzig ist, oder bringt eine neue Anekdote in einen Song, der ganz organisch mit dem Wollenberger-Kontext verschmilzt. Ganz minimal sind ihre Änderungen in Evergreens wie «Stand uuf, chliini Stadt» oder «Mys Dach isch de Himmel vo Züri»; man nimmt sie an den wenigsten Stellen überhaupt als solche wahr oder erst, wenn man im Programmheft die Originaltexte liest. Wie ein frecher 50er-Jahre-Bengel wirkt sie mit ihren verstrubbelten Haaren und kann auch an den Füssen von der Decke hängend rührend rotzig singen.

Züri-Musikvideoclip

Die Inszenierung an sich ist eine Wucht an formalästhetischem Gestaltungswillen: Auf der Bühne stehen bloss ein paar Blöcke, aber wie der ganze Theaterraum werden sie ständig mit Videoprojektionen beschossen und verfremdet. Das beginnt bei der gemütlichen Züri-Kritzelei, wie sie im Vorspann alter Filme zu sehen ist, geht über grafische Elemente, die man irgendwie aus alter Werbung zu kennen glaubt, schliesslich über in sich verändernde Muster. Die beiden Frauen sind darin keine emotionalen Geschöpfe, sondern immer Bestandteile lebender Bilder, sind Schattenrisse oder Zitate.

Alles in allem ist das vielleicht ein bisschen kühl, aber als 90-minütiger Züri-Musikvideoclip mit Livebegleitung unter der Leitung von Marton di Katz und Valentino Tomasi (auch sie haben die Originalmusik von Hans Moeckel und Otto Weissert virtuos bearbeitet) macht das schon viel her. Und man geht ein bisschen beschwipst wieder nach draussen, genehmigt sich vielleicht noch eine Bratwurst am Sternen-Grill beim Bellevue und einen Absacker in der Tina-Bar im Niederdorf. Oder, wie Zarli Carigiet das vor 50 Jahren im Hechtplatz-Theater sang: «Tüüf inne, da gschpür i: / für immer isch Züri / mys Liebschte, mys Läbe, my Wält!»

Bis 6. Oktober, Mo-Sa 20 Uhr; So 17 Uhr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.09.2009, 04:00 Uhr

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