Andreas Thiel, die Fakten – und was man davon halten kann

Seit seinen Auslassungen zum Koran sieht sich der Satiriker heftigen Angriffen ausgesetzt. Andreas Thiel spricht von einer «Rufmordkampagne». Und was sagen die Fakten?

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Verschwörung des «linken Kulturestablishments» für die einen, «Hirngespinste» für die anderen: Gegenteiliger könnten die Einschätzungen nicht sein – seit Andreas Thiel vergangene Woche in einem Interview erklärte, seine Karriere als Bühnenkünstler stehe auf der Kippe. Begründet wurde das mögliche Ende von Thiels Kleinkunstkarriere mit den heftigen Reaktionen auf seine Äusserungen zum Islam vor gut zwei Jahren. Seither sehe er sich einer «Rufmordkampagne» ausgesetzt, sagt der 45-jährige Thiel in einem Interview mit der «Neuen Zürcher Zeitung». «Tatsache ist, ich habe gerade die ganze Theaterszene gegen mich.»

Wirklich? Gibt es tatsächlich eine Verschwörung des «intoleranten linken Kulturestablishments», wie Chris von Rohr am Sonntag in einem Zeitungsartikel unterstellte, mit dem er Andreas Thiel sekundierte? Tatsache ist, dass seit der Publikation der Koran-Lektüre in der «Weltwoche» vom November 2014 und einer darauf folgenden Schawinski-Sendung die Zahl von Thiels Bühnenauftritten deutlich zurückgegangen ist: «Um gut 65 Prozent», wie sein Agent Pascal Mettler auf Anfrage mitteilt. Statt der 12 bis 14 Auftritte in den Jahren vor Thiels Islam-Kritik sind es heute nur noch 4 bis 5 im Monat.

Umfrage

Finden Sie Andreas Thiel lustig?

Ja

 
28.2%

Nein

 
49.5%

Früher einmal

 
13.1%

Kenne seine Satire nicht

 
9.2%

3364 Stimmen


Ein solcher Rückgang kann die materielle Existenz eines Kleinkünstlers gefährden, nicht zuletzt, wenn – wie bei Thiel – auch das Interesse des Publikums abnimmt. Womit auch die Abendeinnahmen schwinden, an denen der Satiriker in der Regel beteiligt ist. Auch am Theater Hechtplatz, wo Thiels neues Programm im vergangenen November zur Premiere kam: «Gefühlt war das Theater nie mehr als ein Drittel voll», erklärt Thiel. Daraus resultierte eine Einbusse «von über 50 Prozent der sonst für ihn üblichen Einnahmen», rechnet Thiels Agent vor.

Koordinierte Rufmordkampagne?

Gewiss, es gab heftige Kritik und Anfeindungen gegen Thiel. So etwa in einem Flugblatt, in dem es heisst, dass «eine solch hetzerische, intolerante und zu Hass aufrufende Person wie Andreas Thiel» in Biel nicht willkommen sei. Von einer koordinierten Rufmordkampagne kann jedoch nicht die Rede sein. Auch nicht in Theaterkreisen. «Grundsätzliche Vorbehalte gegen einen Auftritt von Andreas Thiel gibt es nicht», sagt etwa Dominik Flaschka vom Theater Hechtplatz.

Thiel selbst formuliert in einer E-Mail weitere Vermutungen, warum sein Publikum spärlich wurde. «Schlechtes Programm? Angst vor Terror?» Tatsächlich mussten bei den ersten Aufführungen von Thiels neuem Programm am Hechtplatz Sicherheitsmassnahmen ergriffen werden, um das Publikum zu schützen – angesichts der Terroranschläge von Paris, die just in den Tagen der ersten Aufführungen von Thiels «Der Humor» verübt wurden. Gut möglich, dass andere Veranstalter den Aufwand der Sicherheitsmassnahmen nicht leisten wollten oder konnten, insbesondere in ländlichen Regionen, wo Thiel oft spielte – und wo weder das Publikum noch die Veranstalter dem «linken Kulturestablishment» zugerechnet werden können.

Möglicherweise blieb der Kassenerfolg aber auch deshalb aus, weil nach dem medialen Krach um die Koran-Lektüre der Eindruck entstand, dass man alles Überraschende und Empörende über und von Thiel bereits gehört hatte. Mit Sicherheit blieb beim Koran-Krach der Humor auf der Strecke, ohne den keine gute Satire auskommt. Und ganz sicher ist auch, dass Thiel als überzeugter Liberaler sich nun der bitteren Wahrheit des Marktes stellen muss, der immer von unterschiedlichen Faktoren und Launen bestimmt wird. Und über den Thiel sich selbst auch nicht beschweren will, auch wenn zuletzt der gegenteilige Eindruck entstehen konnte. «Als Verfechter des freien Marktes ist es für mich unerheblich, ob das mit den Rassismusunterstellungen nett ist oder nicht», schreibt Thiel, «ich muss ja jetzt so oder so etwas anderes machen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.08.2016, 16:11 Uhr

Artikel zum Thema

Der Nerver ist zurück

Satiriker Andreas Thiel führte in Zürich sein neues Programm auf, das erste nach der Korankontroverse. Das Highlight des Abends? Seine Mutter. Mehr...

«Meine Bühnenkarriere in der Schweiz ist vorbei»

Satiriker Andreas Thiel beklagt, von der Theaterszene seit seiner Koran-Kritik geächtet zu werden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Kostenlose E-Books

Laden Sie in unserem Weiterbildungs-Channel kostenlos Ebooks herunter.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Zusammenhalt: ein Paar hält Händchen während einer Strassenblockade in Caracas, um gegen dir Regierung zu protestieren (24. April 2017).
(Bild: Ariana Cubillos) Mehr...