«Fort, verdammter Fleck»

Vor 400 Jahren starb William Shakespeare. Tagesanzeiger.ch/Newsnet präsentiert Kurzmonologe, aufgenommen mit Mimen des Schauspielhauses Zürich. Teil 3: «Macbeth».

Isabelle Menke spricht Lady Macbeth aus «Macbeth».

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Szene: Der Satz stammt aus «Macbeth», Kapitel 6, Akt 5, Szene 1. Gezeigt wird hier die zermarterte Seele Lady Macbeths. Bei Nacht wird sie von einer Kammerdienerin und einem Arzt beim Schlafwandeln begutachtet. Immer wieder reibt sie ihre Hände, als wolle sie unsichtbares Blut von ihnen abwaschen Erinnerungen aus, wie etwa die der Morde an Duncan, an Banquo oder auch an Macduffs Familie.

Schauspielerin: Isabelle Menke

Text:

ARZT
Zwei Nächte habe ich nun mit Euch gewacht, aber keine Bestätigung Eurer Aussage gesehen. Wann ist sie zuletzt umhergewandelt?

KAMMERFRAU
Seitdem Seine Majestät in den Krieg zog, habe ich gesehen, wie sie aus ihrem Bett aufstand, ihr Nachtgewand umwarf, ihren Schreibtisch aufschloss, Papier nahm, es zusammenlegte, schrieb, das Geschriebene las, es versiegelte und dann wieder zu Bett ging: und die ganze Zeit im tiefsten Schlafe.

ARZT
Eine grosse Zerrüttung der Natur, die Wohltat des Schlafes zu geniessen und zugleich die Geschäfte des Wachens zu verrichten. In dieser schlafenden Aufregung, ausser dem Umherwandeln und anderem Tun, was, irgend einmal, habt Ihr sie sprechen hören?

KAMMERFRAU
Dinge, die ich ihr nicht nachsprechen werde.

ARZT
Mir könnt Ihrs vertrauen; und es ist notwendig, dass Ihr es tut.

KAMMERFRAU
Weder Euch noch irgend jemand, da ich keine Zeugen habe, meine Aussage zu bekräftigen. [Lady Macbeth kommt, eine Kerze in der Hand.] Seht, da kommt sie! Lady Macbeth kommt mit einer Kerze. So ist ihre Art und Weise! Und, bei meinem Leben, fest im Schlaf. Beobachtet sie, versteckt Euch!

ARZT
Wie kam sie zu dem Licht?

KAMMERFRAU
Das brennt neben ihrem Bett. Sie hat immer Licht; es ist ihr Befehl.

ARZT
Seht, ihre Augen sind offen!

KAMMERFRAU
Ja, aber ihre Sinne geschlossen.

ARZT
Was macht sie nun? Schaut, wie sie sich die Hände reibt!

KAMMERFRAU
Das ist ihre gewöhnliche Gebärde, dass sie tut, als wüsche sie sich die Hände; ich habe wohl gesehen, dass sie es eine Viertelstunde hintereinander tat.

LADY MACBETH
Da ist noch ein Fleck.

ARZT
Horch, sie spricht! Ich will aufschreiben, was sie sagt, um hernach meine Erinnerung daraus zu ergänzen.

LADY MACBETH
Fort, verdammter Fleck, fort, sag ich! - Eins, zwei! Nun, dann ist es Zeit, es zu tun. - Die Hölle ist finster! - Pfui, mein Gemahl, pfui, ein Soldat und furchtsam! Was haben wir zu fürchten, wer es weiss, da niemand unsre Gewalt zur Rechenschaft ziehen darf? - Aber wer hätte gedacht, dass der alte Mann noch so viel Blut in sich hätte?

ARZT
Hört Ihr wohl?

LADY MACBETH
Der Than von Fife hatte ein Weib: Wo ist sie nun? - Wie, wollen diese Hände denn nie rein werden? - Nichts mehr davon, mein Gemahl, nichts mehr davon; du verdirbst alles mit diesem Auffahren.

ARZT
Ei, ei! Ihr habt erfahren, was Ihr nicht solltet!

KAMMERFRAU
Gesprochen hat sie, was sie nicht sollte, das ist gewiss. Gott weiss, was sie erfahren hat.

LADY MACBETH
Noch immer riecht es hier nach Blut; alle Wohlgerüche Arabiens würden diese kleine Hand nicht wohlriechend machen. Oh, oh, oh!

(phz)

Erstellt: 27.04.2016, 13:46 Uhr

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