Ein ganz grosser Wurf – ins Abseits

Milo Rau bringt «Die 120 Tage von Sodom» in den Schiffbau – mit dem Behindertentheater Hora. Ein Skandal? Gar nicht. Aber Blut, Schweiss, Samen und Tränen mischen sich mit dem Lehm der Langeweile.

Regisseur Milo Rau bringt das Stück zusammen mit dem Behindertentheater Hora auf die Bühne. (Video: Tamedia)

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Grobe Hände greifen in die klaffende Bauchwunde der brüllenden Fabienne Villiger. Sie wühlen in den Innereien, zerren ein blutverschmiertes Etwas heraus, und die Live-Cam zoomt auf den Kloss, projiziert ihn auf die gewaltige Leinwand im Fond: Es ist ein Baby. Dürr, zerbrechlich, aber voll entwickelt. Lebensfähig – aber tot. So, wie die vielen Trisomie-21-Kinder, die heutzutage noch im Mutterleib totgespritzt werden.

Den Zuschauern stockt der Atem, und das nicht zum ersten Mal während des zweistündigen Abends mit dem Titel «Die 120 Tage von Sodom». Genau, das soll auch so sein. Schliesslich geht der schweizerische Theaterpionier Milo Rau, den man ruhig gross nennen darf, keine einfachen, abgelatschten Wege – so hob er beispielsweise die «Erklärung» des rechtsextremistischen Massenmörders Breivik auf die Bühne, liess im Kongo vor einem Theatergericht echte Bürgerkriegsverbrecher auftreten und entwickelte mit belgischen Kindern ein Stück über den Fall des Kindermörders Marc Dutroux; und man war hin und weg. Hier, in der Schiffbaubox des Zürcher Schauspielhauses, haut er sich buchstäblich mit einer Machete – und mit Pier Paolo Pasolinis blutigen Filmfantasien – einen Weg durchs gepflegte Glashaus der Sehgewohnheiten des bürgerlichen Theaters.

Das gelingt ihm gemeinsam mit dem preisgekrönten Theater Hora, einem, nein, dem Theater von und mit Menschen mit einer geistigen Behinderung, das auch schon ans Berliner Theatertreffen geladen wurde. Zusammen filettieren sie die Geschichte von den faschistischen, zu allegorischen SM-Sexspielen neigenden Herren von Salò in Mussolinis Rest-Italien 1944. In «Die 120 Tage von Sodom» wird bekanntlich ein Haufen entführter Jugendlicher zu Tode gefoltert; so sah Pasolinis Kritik am konsumkranken Kapitalismus der 1970er aus.

Darf man das?

«Was geschieht, wenn man auf Behinderte guckt, die peinlichen Befragungen und Folterungen unterzogen werden?», fragt Rau in dem gescheiten Buch, das zur Uraufführung von «Die 120 Tage von Sodom» erschienen und mit glänzenden Essays bestückt ist, etwa von Klaus Theweleit, Stefan Zweifel, Dirk Pilz und Rolf Bossart; zusammen mit Rau-Interviews klamüsern sie dem Zuschauer bis ins Kleinste auseinander, was er da zu sehen bekommt und wieso. Doch das ist die Theorie. «Ich schaue seit 20 Jahren Theater, ich war oft begeistert, aber nie hat mich ein Abend wirklich beunruhigt», stellt Theaterphilosoph Rau fest. Seine Schärfe scheint sich in den scharfen Schneidwerkzeugen zu widerspiegeln, die in der finalen Folterorgie auf der Bühne Finger, Zungen und Penisse abtrennen; die Köpfe skalpieren, Bäuche aufschlitzen. «Da fragt man sich doch: Gibt es das Beunruhigende überhaupt noch auf der Bühne? Wie könnte es funktionieren?» Der Abend sei der «demütige Versuch, klassische Theatermittel und Performance zu versöhnen», damit endlich wieder eine Art richtiges Theater entstehe; beunruhigendes Theater eben.

Und beunruhigt ist man. Aber nicht durch den Horror der sadistischen Szenen und auch nicht durch die unbarmherzigen, grausam langen Nackt- und Halbnacktauftritte der elf geistig behinderten Schauspielerinnen und Schauspieler. Diese sind ganz offensichtlich enthusiasmiert und kontrolliert bei der Sache und beeindrucken mit ihrem souveränen Spiel als Handlanger der Täter und als Opfer; auch die lokalen Behindertenverbände waren des Lobes voll. Sondern alarmierend ist an der Premiere, dass sich – und das ist tatsächlich horribile dictu – eine gewisse, nun ja, Langeweile breitmacht, während die Furchtbarkeiten passagenweise fast fliessbandhaft vorbeiziehen und die gekonnten, freilich altbekannten Brechungsmechanismen teils arg reflexhaft und routiniert wirken.

Ikonische Szenen aus dem Film – vom Scheisse- übers Nägelfressen bis zu den Vergewaltigungen und Ermordungen – werden ausführlich mit den Schauspielern durchgesprochen und daraufhin ausführlich durchgespielt. Da berichten die Behinderten von ihren schönen und weniger schönen Erfahrungen mit Sex und Liebe, von ihrem Spass am Theater. Einer von ihnen, Remo Beuggert, der sich besonders für die Special Effects des Splatterkinos begeistert, führt als Regisseur durch dieses Making-Of des hochreflektierten Pasolini-Remakes.

Und bisweilen knallen die Künstler des Disabled Theatres ihre Lust am Leiden- und Quälenspielen so auf die Bretter – „hammergeil!“ ist ihr Schlachtruf –, dass der Pasoliniunterbau eigentlich nur noch stört. Die Brechungen kullern munter aus dem Projekt heraus und entpuppen sich als das eigentliche Highlight des Abends. Auch die vier Mitglieder des Schauspielhauses, die die faschistischen Elitemonster geben – Michael Neuenschwander, Matthias Neukirch, Robert Hunger-Bühler und Dagna Litzenberger Vinet – überzeugen da am meisten, wo sie in ihre private Vergangenheit abtauchen oder von ihren Erlebnissen mit diesem Film sprechen statt ihn nachzuspielen. Die Pasolini-Struktur ist nicht tragend, sondern steht hinderlich im Weg herum.

Wir ficken und fressen uns übers Elend hinweg

Allerdings, so entgegnet man der inneren Nörgelstimme: Auch das mit der Langeweile soll wohl so. Milo Rau erzählt von der strukturellen Gewalt in unserer Gesellschaft. Er zeichnet die Maschinerie, die das Euthanasieprogramm der Nazis bis ins individuelle, aber gesellschaftlich erwünschte Totspritzen von erkrankten Föten ins 21. Jahrhundert verlängert; in der die Nahrungsmittelspekulationen und der Rohstoffraubbau täglich Menschenleben kosten und wir fickend und fressend darüber hinwegflagellieren. Einer, der seine «Kritik der postmodernen Vernunft» unter dem Lenin-Titel «Was tun?» veröffentlicht hat, erspart uns nichts, auch nicht die öde Brutalität unserer Verhältnisse. Und auch nicht unsere Schuld.

Gerade weil der Theatermacher uns nicht entkommen lassen will, zerdehnt er die Vergewaltigungen, das Hochzeitsmahl mit dem Scheissefressen, die Untersuchung der nackten Hintern bis ins schier Unerträgliche. Und man ist beunruhigt von der eigenen Unduldsamkeit. Das dauert und dauert, wenn Julia Häusermann ihren «Arschtanz» vorführt oder Gianni Blumer mit seiner Freundin Fabienne Villiger auf der weissen Matratze Liebe macht. Man ermüdet bald, wenn Noha Badir auf Robert Hunger-Bühler pinkelt, derweil der, als ironischer und masochistischer Fürst, ekstatisch ausgerechnet Paul Celans «Todesfuge» rezitiert und dabei die Beschmutzung zelebriert.

Blicke in den Himmel

Immerhin: Auch in dieser Arbeit «nach Motiven von Pier Paolo Pasolini und Donatien Alphonse François de Sade» gibt es jene atemberaubenden Augenblicke, die wir aus anderen Stücken des 40-jährigen dramatischen Extremsportlers kennen: Momente, wo mental Vorhänge aufgerissen werden. Ja, da reissen ganze Theaterhausdächer auf, und man schaut gebannt in einen fernen Himmel, berührt und zerbrochen wie die Marionette am Ende von Milo Raus Stück «Five Easy Pieces» (die gleichfalls aus einem Pasolini-Film auf seine Bühne marschierte). Wenn die Kamera auf das tot Baby hält; oder wenn Michael Neuenschwander von der Tötung seines kranken Sohns im Bauch seiner Freundin erzählt.

Bühnenbildner Anton Lukas setzt auf die eine Seite eine plüschige Guckkastenbühne en miniature, auf der zwei Sessel und ein E-Klavier Platz haben. Im Fond vor der Leinwand steht das Kreuz, an das Julia Häusermann am Schuss genagelt wird, und auf der anderen Seite die lange Tafel aus Pasolinis «Salò, oder die 120 Tage von Sodom». Dieses Arrangement bietet nicht nur eine Menge Raum für selbstreflexive Pasolini-Basteleien samt Original-Soundtrack oder Live-Glockenspiel, sondern zum Glück auch für regelrechte Schockwellen: Die kommen, wenn die «normalen» Schauspieler sich in grossartig gemeiner Gönnerhaftigkeit zu den kleingewachsenen Behinderten auf den Boden hocken, um mit ihnen zu plaudern; oder wenn unser Blick, ohne Ablenkung durch Gewaltexzesse, auf Körper der Behinderten fokussiert, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen.

Unwillkürlich schrecken wir zurück vor dem vermeintlich schlimmen Zurschaustellen des Unperfekten. Und erfahren exakt so unsere eigene Gewalttätigkeit und unser eigenes hierarchisch geprägtes Schauen – und das in einer Deutlichkeit, die das zur Kenntlichkeit verzerrte Gewaltpanorama nach Pasolini im Schiffbau nie erreicht. Gewalt ist halt nicht gleich Gewalt, falsche Gleichsetzungen schaffen eher Distanz; Abtreibung ist nicht sexuelle Schändung. Die überbordende Splatterästhetik samt den permanenten Filmreferenzen zerbröselt unsere Aufmerksamkeit fürs Eingemachte.

Ins emotionale Abseits führen auch die angestrengten Meditationen über eine – künstlerische – Erlösung. Als Julia Häusermann blutend am Kreuz hängt, wird jede Hoffnung auf eine Heilsbotschaft explizit abgeschmettert. Doch die religiös überhöhte Verlassenheitsmetapher – frei nach dem Pasolini-Film «Das 1. Evangelium: Matthäus» – trifft uns weniger, als wenn Häusermann sich, beim Typencasting zu Beginn der Aufführung, dem künstlichen Weinen schlicht verweigert. Auch wir haben uns an dem Abend der Kunst ein wenig verweigern müssen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.02.2017, 12:53 Uhr

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