Der Streit der Karikaturen
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Aus Thomas ist Abdul Qadir geworden. In der langen Zeit, da der Bruder von Gottlieb Biedermann fort war, ist er zum Islam konvertiert; und dass er sich weiterhin genau so pittoresk radikalisiert, wie sich das der Mitteleuropäer vorstellt, sieht man am langen Fitzelbart, den er in der zweiten Hälfte dieses Theaterabends trägt. Seiner Gastgeberin Babette schenkt er ein Kopftuch. «Nimm es als modisches Accessoire», rät Gottlieb seiner Frau.
So also überschreibt Gisela Widmer das 1958 uraufgeführte Stück «Biedermann und die Brandstifter» von Max Frisch. Die Biedermanns gehören als Klimaforscher beziehungsweise Sprachlehrerin zum links-liberalen Bürgertum, und der ungebetene Gast hausiert mit dem schönen Gefühl, den Sinn des Lebens sogar bis hinter den Tod gefunden zu haben. Die Luzerner Autorin reagiert mit «Biedermanns.umgezogen», wie sie erklärt hat, auf das Fehlen einer «innerlinken» Islamdebatte.
Widmer schreibt virtuose Kurzsatiren, wie sie auch hier zeigt – in schlagfertigen Nummern über Ratgeberjournalismus oder darüber, wie man störendem Besuch versichert, er störe nicht. Aber insgesamt ist die Absicht doch zu durchsichtig in diesem Stück. Und dafür, dass es eine linke Islamdebatte erst provozieren will, kommen einem seine Dialoge leidlich vertraut vor. Vor allem aber: Das Stück provoziert die Debatte nicht, es führt sie. Es ist, als sehe man nicht Schauspielern zu, sondern Leitartiklern.
Diabolische Pointe
Die Regie allerdings löst das Problem grossartig. Hannes Rudolph lässt auf einem schmalen Streifen vor dem Feuervorhang spielen. Auf diesem Theater gewordenen Flachbildschirm liefern sich die Biedermanns in studioähnlicher Stube einen Polittalk und werden zwischen den Szenen immer wieder abgepudert. Wer seine Rolle im Polittheater spielt, braucht keine Tiefe, nur gute Formulierungen und ab und zu eine Pointe. Beides gehört zu Widmers Stärken.
So wird man von diesem Streit der Karikaturen bestens unterhalten; auch, weil Bettina Riebesel, Walter Sigi Arnold und Jörg Dathe als Babette, Gottlieb und Thomas Biedermann ein waches komödiantisches Talent ausspielen. Den entscheidenden Vorsprung auf eine Fernseh-«Arena» erspielt dem Abend aber der vierte Schauspieler: Samuel Zumbühl ersetzt als einzelner Löschbeamter den Feuerwehrchor bei Frisch. Wo in der Vorlage von Gisela Widmer am Ende nur die Ehe der Biedermanns brennt, geht die Regie einen Schritt zurück zu Frisch. Der Feuerwehrmann fackelt die Stadt ab, in deren Silhouette sich die Koffer von Abdul Qadir zuvor doch so schön integriert haben.
Bevor es so weit ist, moderiert Zumbühl als linkisch charmierender Quotenclown den Abend und heischt mit geistreichen Sottisen nach Lachern und Beifall. Und umso unheimlicher wird er, je mehr ihm das Premierenpublikum davon gibt (es ist nicht wenig). Was für eine diabolische Pointe: Die Figur, von der man glaubte, die Autorin spreche durch sie, erweist sich als der nette Mann, der die Meinungen anfächelt, bis sie brennen. Wer an diesem Abend zu lange glaubt, mit Gisela Widmer einverstanden zu sein, ist es plötzlich mit dem Brandstifter. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.03.2011, 10:53 Uhr
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