«Wir sehen das Sterben des Nationalstaats»

Der Schweizer Dramatiker Lukas Bärfuss sagt, dass in einer globalisierten Welt Gebilde wie die Eidgenossenschaft bedeutungslos werden.

Lukas Bärfuss, Vater dreier schulpflichtiger Kinder, denkt trotz allem nicht ans Auswandern: «Ich muss das Land aushalten und das Land mich.» Foto: Esther Michel

Lukas Bärfuss, Vater dreier schulpflichtiger Kinder, denkt trotz allem nicht ans Auswandern: «Ich muss das Land aushalten und das Land mich.» Foto: Esther Michel

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Herr Bärfuss, genau vor einem Jahr haben Sie der Schweiz Wahnsinn attestiert und gewünscht, dass die Vernunft sich endlich rege. Hat sich etwas getan?
Sicher, sehr viel sogar. Die Mobilisierung rund um die Durchsetzungsinitiative im Februar hat eine Politisierung der jüngeren Generationen gezeigt. Gleichzeitig ist welt- und europapolitisch so viel passiert, mit dem nur Pessimisten gerechnet haben. Und nichts davon lässt sich mit nationaler Politik beeinflussen. Die hiesigen Bemühungen sind vergeblich.

Was war so unerwartet?
Wo soll man anfangen? Der Brexit, der Militärputsch und der demokratische Zerfall in der Türkei. Die Massaker in ­Syrien, die Schande von Aleppo, der ungebrochene Erfolg der Populisten. Die US-Präsidentschaftswahlen sind eine widerliche Show ohne Vorbild. Die Verunsicherung wächst, die Entwicklung der Ereignisse überfordert. Mit den bishe­rigen Instrumenten scheint man der heutigen Zeit schlecht beizukommen. Die Bedeutungslosigkeit nationaler – auch schweizerischer – Alleingänge wird jeden Tag offensichtlicher.

Wieso ist die schweizerische Politik bedeutungslos?
Ein gutes Beispiel ist die Migrationspolitik. Jahrelang beschäftigen sich Parlament, Verwaltung, Diplomatie und die Öffentlichkeit mit den Folgen der Masseneinwanderungsinitiative. Eine nationale Herausforderung bis an die Grenzen der Überforderung. Und das Resultat? Es bleibt beim Status quo ante. Man kann das positiv deuten: Zum Schluss setzt sich die Einsicht durch, dass die Schweiz Einwanderung erstens braucht und zweitens ohnehin nichts gegen die globale Migration ausrichten kann. Die zweite Erkenntnis stimmt nachden­klicher: Mit Volksinitiativen erreicht man vielleicht Aufmerksamkeit, bestimmt den Diskurs, kann seinen Willen aber nicht unbedingt durchsetzen. Hier stellen sich zwei Fragen: Gibt es den ­gesellschaftlichen Anspruch noch, durch institutionelle Politik das eigene, persönliche Schicksal zu gestalten? Und wie formuliert eine Gesellschaft ein ­kollektives Interesse? Dass Interessen nämlich nach wie vor durchgesetzt ­werden, ist offensichtlich. Aber ebenso offensichtlich sind es selten die Inte­ressen der Mehrheit – sondern die der Mächtigen.

Setzt die Politik die Interessen der Mehrheit nicht durch?
Sie versucht es, aber, wie ich finde, oft vergeblich. Die Eidgenossenschaft, unsere Institutionen sind kein Selbstzweck. Sie haben eine Aufgabe zu er­füllen. Doch diese Aufgaben werden heute global formuliert: Steuern, Umwelt, Sicherheit, Migration – darauf kann man vernünftigerweise nur global reagieren, wie neulich auch Zygmunt ­Bauman in einem hellsichtigen Essay ausgeführt hat. Wir versuchen es jedoch mit den Institutionen des National­staates aus dem 19. Jahrhundert. Das kann nicht funktionieren. Der Nationalstaat verliert an Bedeutung: Wir sehen jetzt seine Rückzugsgefechte und sein langes Sterben. Doch die Diskussion über die Reform der politischen Rechte wird leider nicht geführt.

Wieso nicht?
Vielleicht erschweren es die Institutionen selbst. Wo werden unsere Politiker gewählt? In den Kantonen und Gemeinden. Und für wie lange? Für vier Jahre. Beide Grössen haben im 21. Jahrhundert kaum mehr eine Bedeutung. Die Idee vom Hoheitsgebiet – in der Wirklichkeit existiert sie immer weniger. Wer hat die Hoheit über das Internet? Wer kann dort zum Beispiel meine Persönlichkeitsrechte durchsetzen? Sicher nicht die Zürcher Kantonspolizei. Und je mehr wir unsere Lebensbereiche ins Internet verlagern – Wirtschaft, Unterhaltung, Kommunikation und Kunst –, desto mehr verlieren wir den nationalen Zugriff. Das müsste diskutiert werden. Leider sinkt die Qualität der öffentlichen Auseinandersetzung ziemlich rapide.

Sind Sie von den Medien enttäuscht?
Die Medien stehen von vielen Seiten unter Druck. Es gibt ideologische und populistische Angriffe auf die Presse­freiheit. Die Technologie hat den Journalismus zu einem Minutismus pulversiert; Algorithmen automatisieren die Redaktionen immer mehr. Die Nachrichten bleiben dabei oft unverbunden, stehen willkürlich nebeneinander, ein riesiger Haufen Information, der gedeutet werden müsste. Und dazu braucht es Menschen. Nur die menschliche Erfahrung kann einordnen und vergleichen. Aber diese Erfahrung kostet Geld. Die Medienhäuser hätten diese Mittel, aber die Gelder fliessen nicht in die Redaktionen, sondern zu den Aktionären und in die technologische Entwicklung. Immer, wenn Zusammenhänge fehlen, lockt der Konformismus als Ordnungsprinzip. Und dieser tendiert stets ins Vulgäre.

Trotzdem bleiben Sie hier?
Warum nicht? Ich gehöre hierher. Wie heisst es: «Bleibe im Land und wehre dich täglich.» Ich muss das Land aus­halten, und das Land muss mich aus­halten. Ich habe einen Beruf und das ­Privileg, mit begabten, leidenschaftlichen Menschen zusammenzuarbeiten. Eine Bühnenprobe am Pfauen gehört zu den schönsten Erfahrungen, die man als Dramatiker machen kann. Ein Wunderwerk der Kooperation.

Leidet das Theater nicht unter Bedeutungsverlust, gerade weil es «auf dem Markt» zu wenig nachgefragt wird?
Wenn Kritiker nicht mehr in der Lage sind, über Inhalte zu reden, weil der Wille und die Zeit zur Auseinandersetzung fehlen, dann reden sie am liebsten über Zahlen. Zahlen versteht jeder, aber sie erklären leider die Bedeutung des Theaters nicht. Es wirkt auf viele Weisen in die Gesellschaft hinein. Es setzt auf eine kritische, gebildete Öffentlichkeit, es setzt auf Begegnung und Konfrontation, auf Debattenkultur, aber vor allem setzt es auf Zusammenarbeit. Theater ist eine kollektive Kunst, an der Autoren, Regie, Schauspieler, Bühnentechniker und das Publikum Anteil haben. Und offensichtlich begeistert es die Menschen nach wie vor. Theater ist ein Grund­bedürfnis des Menschen, wird überall auf der Welt gespielt, in verschiedensten Formen, seit mindestens 3000 Jahren.

«Überall gilt die Maxime: ‹Verwandlung ist gut, Stillstand ist schädlich›. Aber jede Verwandlung schmerzt.»

Die Titelheldin Ihres neuen Stücks, «Frau Schmitz», ist ein Mann, der als Frau lebt und Frauenkleider trägt. Dann zwingt ihn seine Firma, in Pakistan einen Deal in Männeroutfit zu verhandeln, weil Frauen dort nicht ernst genommen würden. Als er zurückkehrt, ist seine Rolle nicht mehr klar – ihm nicht und seiner Umwelt nicht.
Barbara Frey und ich haben uns bald ­darauf geeinigt, dass wir eine Komödie versuchen wollen. Das Stück ist wohl manchmal ernst und bitter, aber es gibt viel zu lachen. Mich begeistern Stoffe, die gleichzeitig eine lange Geschichte und eine hohe Aktualität haben. Die ­Verwandlung ist eine existenzielle Erfahrung, von der niemand ausgenommen ist. Deshalb steht sie im Zentrum der künstlerischen, der literarischen Auseinandersetzung. Und die Faszination dafür ist ungebrochen. Man könnte fast sagen, unsere Zeit unterliegt einem Transformationswahn, einer totalen ­Affirmation der Verwandlung. In der Wirtschaft, der Medizin, in der Bildung, überall gilt die Maxime «Verwandlung ist gut, Stillstand ist schädlich». Heute ist Verwandlung zu einer reinen Methode geworden, aber jede Verwandlung ist mit Schmerz verbunden. Auch davon ­erzählt «Frau Schmitz».

Bei William Shakespeare traten nur Männer auf – die dann oft auch Frauen spielten, die sich als Männer verkleideten.
Das zeigt, wie wichtig und verwirrend die Kostümierung ist. Kleider machen Leute, sie machen auch Geschlechter, sie machen Könige und Bettler. Der Mensch erscheint uns selten nackt, und sobald er sich anzieht, macht er Politik. Wir deuten ihn an seiner Erscheinung, aber bei Frau Schmitz gestaltet sich dies schwierig. Sie wechselt ständig ihr ­Äusseres . . .

. . . und sie wird von einer Frau bedingungslos geliebt.
Es ist eine radikale, voraussetzunglose Liebe, die totale Anerkennung. Eine Utopie.

Zoomt das Theater die Welt zum bühnentauglichen Konstrukt?
Vielleicht – aber es tut noch viel mehr. Mein Theater ist nicht realistisch. Ich schreibe keine Milieustudien, auch wenn manches unsere Zeit widerspiegelt. Es bespielt unsere Sehnsüchte, unser Erschrecken: die Verwirrungen in der Begegnung zwischen Mann und Frau, den wirtschaftlichen Druck, die Anarchie des Begehrens. Und vielleicht die Erkenntnis, dass Verlässlichkeit nur in zwischenmenschlichen Beziehungen zu finden ist. Ich wollte darüber eine ­Komödie schreiben, weil der Humor ­befreit und das Gelächter erlöst.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.10.2016, 18:42 Uhr

Er wehrt sich täglich

Lukas Bärfuss

1971 in Thun geboren, kämpfte sich Lukas Bärfuss durch eine schwierige Kindheit, die er im Essayband «Stil und Moral» (2015) skizziert. Er entdeckte die Welt der Literatur und des Theaters für sich, war temporär Teil der Zürcher Gruppe 400asa. 2003 wurde am Theater Basel sein Stück «Die sexuellen Neurosen unserer Eltern» in der Regie von Barbara Frey uraufgeführt, das sich zum Hit entwickelte (Verfilmung 2015) – dies war der Beginn einer fruchtbaren Arbeitsbeziehung. 2010 brachte die Schauspielhausintendantin am Pfauen Bärfuss’ «Malaga» zur Urauf­führung, am Samstag zeigt sie dort das neue Stück des Wahlzürchers, «Frau Schmitz». Gefeiert wurde auch die Prosa des streit­baren Intellektuellen und Schweiz-Kritikers, so die Romane «Hundert Tage» von 2008 (Schillerpreis, Erich-Maria-Remarque-­Friedenspreis) und «Koala» von 2014 (Schweizer Buchpreis). (ked)

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