«20 Prozent aller Schweizer Männer sollen bis 2020 Teilzeit arbeiten»

Langsam, aber stetig steigt die Zahl der Männer, die nicht in einem 100-Prozent-Pensum arbeiten. Die Bemühungen, die Rollenbilder neu zu zeichnen, fruchten. Familien und Arbeitgeber profitieren.

Die Welt funktioniert auch, wenn man nicht 24 Stunden arbeitet: Ein Vater geniesst die Freizeit mit seinem Sohn.

Die Welt funktioniert auch, wenn man nicht 24 Stunden arbeitet: Ein Vater geniesst die Freizeit mit seinem Sohn. Bild: Gaëtan Bally/Keystone

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In Deutschland hat sich kürzlich Erstaunliches ereignet: Vizekanzler Sigmund Gabriel, Chef der deutschen SPD, verkündete öffentlich, dass er einmal die Woche mit seiner Tochter einen freien Nachmittag verbringe. Seine Frau sei berufstätig, und «mittwochs bin ich mit dem Abholen aus der Kita dran», sagte Gabriel in einem Interview. Ein «Teilzeitminister» sei er, wurde prompt geschimpft. Wer ihm solches vorwerfe, so die Reaktion des Energieministers, habe «einen Knall». Er arbeite 70 Stunden die Woche. Und sowieso: Die Welt funktioniere auch, wenn man nicht 24 Stunden an ihr arbeite.

Das zeigt: Die Diskussion um die sogenannten Teilzeitmänner ist ganz oben angekommen. In der Schweiz freut das einen Mann ganz besonders: Unternehmer Andy Keel hat 2012 das Projekt «Der Teilzeitmann» lanciert und sagt jetzt: «Die Äusserungen des deutschen Vizekanzlers sind eine kleine Sensation.» Keel selbst war früher ein «totaler Karrieremensch», mit 28 in leitender Funktion bei der Credit Suisse. Dann kamen Kinder in Keels Leben und mit ihnen der Wunsch, Teilzeit zu arbeiten. Das Vorhaben umzusetzen, sei damals zum «Wahnsinnskraftakt» geworden.

Rückfall im Kreisssaal

«Der Teilzeitmann» ist als Reaktion auf diese persönliche Erfahrung zu verstehen. Teilzeit tätige Männer, so die Absicht, dürfen keine Exoten mehr sein. Weil jene, die Teilzeit arbeiten wollen, längst keine mehr sind. Laut einer Studie von Pro Familia aus dem Jahr 2010 würden neun von zehn gerne Teilzeit arbeiten – also in einem Pensum zwischen 10 und 80 Prozent. Oft geht es um Kinder: Partnerschaftsmodelle, in denen beide arbeiten und beide sich um die Betreuung der Kinder kümmern, sind erfolgreicher, weil beide zufriedenere und ausgeglichenere Menschen sind.

Trotzdem tun es nur wenige: 2012 arbeiteten 13,8 Prozent aller Schweizer Männer Teilzeit und nur 8 Prozent der Väter von kleinen Kindern. Männer und Frauen gingen als modernes Paar in den Kreisssaal und kämen als 50er-Jahre-Paar wieder heraus, schreibt der deutsche Schriftsteller Jakob Hein. Eine ausgeprägte Präsenzkultur sowie alte Rollenbilder bilden die Hürden auf dem Weg zu besserer Vereinbarkeit von Beruf und Familie: Nur ein Vollzeit arbeitender Mann sei ein ganzer Mann, oder: Vater sein heisse Versorger sein. «Hat jemand erwartet, dass Frauen neuerdings auf Männer stehen, die nicht richtig arbeiten?», fragt stellvertretend ein Onlineleser der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» in einer Diskussion zum Thema.

Doch der Trend ist eindeutig: Männer, die Teilzeit arbeiten wollen, haben immer bessere Chancen, das zu tun. Das Teilzeitjob-Portal auf Teilzeitkarriere.ch liefert aktuell über 10'000 Jobangebote, und immer mehr Arbeitgeber ziehen mit. Die Bundesverwaltung etwa, mit 37'000 Angestellten einer der grössten Arbeitgeber der Schweiz, hat derzeit auf ihrem Onlineportal 267 Stellen ausgeschrieben – nur 21 davon sind als fixe Vollzeitstellen definiert, die meisten Jobs können in einem 80-Prozent-Pensum erledigt werden.

Nachholbedarf beim Bund

Es ist im Übrigen auch der Staat, der das Projekt «Der Teilzeitmann» finanziert, zumindest bis Ende 2014; das Geld wird vom Eidgenössischen Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann gesprochen. Allerdings hinkt die Bundesverwaltung als Arbeitgeberin laut den aktuellsten Zahlen hinterher: 10,1 Prozent der Männer arbeiten beim Bund Teilzeit, wie es auf Anfrage heisst – also fast 4 Prozent weniger als generell in der Schweiz. Auch hier lässt sich aber der landesweite Trend der leichten Zunahme feststellen – 2008 waren es erst 9,1 Prozent. Zum Vergleich: Von den weiblichen Bundesangestellten waren im vorletzten Jahr 48,5 Prozent in einem Teilzeitpensum tätig.

Auch etliche Grossunternehmen aus der Privatwirtschaft haben in den letzten Jahren ihr Engagement für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie intensiviert.

Die Quote steigt

Für Männer, die Teilzeitstellen suchen, gelten etwa die Zürcher Kantonalbank, Axa-Winterthur, Swiss Re, Swisscom oder Suva als besonders geeignet. Axa tritt gar mit einer entsprechenden Kampagne an die Öffentlichkeit – in einem Spot berichten männliche Angestellte vom erfüllten Leben als Teilzeitkraft. Bei den Berner Verkehrsbetrieben Bernmobil arbeitet rund die Hälfte der angestellten Männer Teilzeit. Auch die Post weist einen überdurchschnittlich hohen Anteil von Teilzeitangestellten auf, dasselbe gilt auch für McDonald’s Schweiz und die Securitas.

«Es werden die Teilzeitmänner sein, die Gleichberechtigung und Gleichstellung durchsetzen», sagt Elli von Planta, ehemalige Vertreterin der Arbeitnehmerinnen und -nehmer der UBS, in einem Werbevideo: Je mehr Männer Teilzeit arbeiten, umso mehr Frauen arbeiten auch. Auch bei Grossbanken wie UBS oder CS steigt die Quote der Teilzeitmänner, wenn auch auf bescheidenem Niveau (UBS: aktuell 8 Prozent, 2008: 5,5 Prozent). Doch die UBS zeigt sich zumindest offen: Die Bank diente als Pilotunternehmen für die Wanderkampagne von «Der Teilzeitmann», immer wieder finden entsprechende Informationsanlässe für interne Mitarbeiter statt. Andy Keel sagt aber: «In Branchen wie Pflege oder Bildung ist die Teilzeitarbeit für Männer viel weiter verbreitet.» Keine markanten Differenzen gebe es zwischen KMU und Grossunternehmen. Und: In Kaderpositionen sei die Sache schwieriger. Teilzeitmacht gibt es noch kaum.

Auf kantonaler Ebene bemüht man sich ebenfalls. Der Kanton Zürich vergibt in diesem Jahr zum zweiten Mal nach 2011 den Prix Balance für Chancengleichheit im Berufsleben. Zuletzt prämiert wurden Axa-Winterthur, Transa Backpacking AG, Rheinmetall Air Defence und die Gemeinde Mönchaltorf. Arbeitgeber können sich bis Ende März für die Auszeichnung bewerben.

Diese neuen Anstrengungen der Arbeitgeber sind nicht bloss altruistischer Natur – das Ganze rechnet sich offenbar: Die Rendite für Teilzeitarbeit liege bei 8 Prozent, besagt eine Studie über familienfreundliche Unternehmenspolitik, die vom Eidgenössischen Volkswirtschaftsdepartement in Auftrag gegeben wurde. Konkret profitieren die Unternehmen, weil Teilzeitmitarbeiter gesünder sind und mehr ausserberufliche Erfahrungen ins Geschäftliche einbringen können. Damit würden die entstehenden höheren Sozialabgaben und der grössere Koordinationsaufwand mehr als kompensiert.

Teilzeit zahlt sich aus

Andy Keel hat für sein Projekt ein konkretes Ziel formuliert: 20 Prozent aller Schweizer Männer sollen bis 2020 Teilzeit arbeiten. Der europäische Spitzenreiter, die Niederlande (22 Prozent), macht es vor. Keels Rat an die Männer: «Die eigene Überzeugung ist das Wichtigste. Wer entschieden und mit konkreten Lösungsansätzen den Arbeitgeber angeht, kriegt in aller Regel ein positives Resultat.»

Keels Sendungsbewusstsein kennt keine Grenzen. Sein Projekt «Der Teilzeitmann» expandiert nun nach Österreich und Deutschland. Dort liegt die Entwicklung noch weiter zurück – trotz modernem Vizekanzler. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.02.2014, 11:42 Uhr)

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Umfrage

Was hindert viele Männer, teilzeit zu arbeiten?

Ihre Chefs nehmen sie nur Ernst bei einem vollen Pensum

 
45.8%

Ihre Frauen stehen insgeheim auf Karrieremänner

 
13.8%

Ihre Frauen wollen Hausfrauen sein

 
7.5%

Die Männer verstehen sich als Ernährer

 
19.8%

Die Männer wollen nicht mehr Zeit mit der Familie verbringen

 
13.1%

10426 Stimmen


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