Kleinjogg, eine inspirierende Gestalt
Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 23.12.2009
Wir nehmen in Zürich den 32er-Bus, «Langstrassen-Express» genannt. Er trägt uns in den Norden der Stadt, nach Neuaffoltern. An der Haltestelle Glaubtenstrasse beginnt unsere Wanderung zum Kleinjogg, der 1716 als sechstes Kind der Bauernfamilie Gujer in Wermatswil geboren wurde.
Wem der Name seltsam in den Ohren klingt, dem sei erklärt: Jogg ist gleich Jakob. Und der Zusatz «klein» ist nötig, weil da ein älterer Bruder ist, der auch Jakob heisst.
Mit 20 übernimmt Kleinjogg den verschuldeten Hof der Eltern. Nun zeigt sich, dass er kein gewöhnlicher Bauer ist. Sondern einer mit neuen Ideen und Mut zum Experiment. Ein agrarischer Reformer und Pionier. Kleinjogg zieht Drainage- und Bewässerungsgräben. Führt die Stallfütterung ein, sodass er Mist zum Düngen hat. Baut eine Güllengrube, pröbelt mit Kompost – Dinge, die dem Bauernstand seiner Zeit fremd sind. Und der Hof kommt dann schon bald auf Touren.
In Zürich und doch auf dem Land
Schöne «success story». Doch was hat sie mit unserer Route zu tun? Wermatswil ist ein Ortsteil von Uster, wir aber sind in Zürich. Ich werde das erklären. Vorerst laufen wir los. Wir gehen an der Kirche vorbei zum nahen Wald, biegen nach links in die Fronwaldstrasse, queren die Bahnlinie, erreichen schnell Unter-Affoltern. Erstaunlich, wir sind noch in Zürich und doch auf dem Land: Dies ist ein schmucker Weiler mit efeubedeckten Mauerfassaden, engen Winkeln, Bauernhöfen. Und, momentan, mit rührendem Weihnachtsschmuck.
Zum Katzensee ist es nun ein Katzensprung. Eigentlich sind es zwei Seen, verbunden durch einen Kanal. Mit Katzen haben sie nichts zu tun, ein alemannischer Siedler namens Hatto ist der Namenspatron. Sommers ist hier die Hölle los, platzt die Badeanlage aus allen Nähten. Auch als vor gut einem Jahr das Gewässer zufror, war viel Trubel. Normalerweise aber sind wir im Winter allein und können das Ambiente geniessen: das Ried, den Moorboden, den stillen Wald. Im Nordwesten hat sich zuvor die Lägern gezeigt und Regensberg auf seinem Felssporn.
Einkehr ins Restaurant Waldhaus-Katzensee
Wir umrunden die Seen. Ein Stück Weg führt leider die stark befahrene Wehntalerstrasse entlang. Trost spendet das Restaurant Waldhaus-Katzensee. Nach der Einkehr geraten wir in eine Landschaft der schwarzen Erde und Sumpfwiesen. Und endlich treffen wir beim Miniweiler Katzenrüti auf den Kleinjogg.
Eine letzte Retardierung, bevor wir uns ihm widmen: Die Wanderung führt anschliessend durch den Forst nach Rümlang. Dort donnern die Vögel vom Flughafen so nah über einen, dass man sie mit Fingern pflücken möchte; es ist der monumentale Abschluss einer feinen Wanderung.
Der «ländliche Sokrates»
Nun aber zu unserem Kleinjogg. Eine Tafel an dem stattlichsten Haus der Katzenrüti gedenkt seiner. 1769 übernimmt er den verwahrlosten Grosshof beim Katzensee. Man kennt sein Können mittlerweile überall. Der Zürcher Stadtarzt Hirzel hat ihn im Buch «Die Wirthschaft eines philosophischen Bauern» gefeiert, die französische Übersetzung macht den «ländlichen Sokrates» europaweit berühmt.
Die Katzenrüti wird unter Kleinjogg zum Mustergut. Und er wird zum Zentrum einer intellektuellen Wallfahrt. Goethe besucht ihn zweimal, «eines der herrlichsten Geschöpfe, wie sie diese Erde hervorbringt», feiert er den Kleinjogg. Dessen Name ist bis heute unvergessen. Man nehme den Zürcher Regierungsratswahlkampf von eben; da wurde der später gewählte SVP-Kandidat Ernst Stocker, ein Meisterlandwirt, von einem ihn empfehlenden Gemeindepräsidenten mit dem Kleinjogg verglichen.
Eine inspirierende Gestalt bis heute, dieser Kleinjogg.
Thomas Widmer
Thomas Widmers Wanderbücher gibt es im Echtzeit-Verlag, www.echtzeit.ch , oder auf www.thomaswidmer.ch. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.12.2009, 14:50 Uhr

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