Bond und der Fluss mit der Licence to Kill

Von Thomas Widmer. Aktualisiert am 07.11.2008

Von mordlustigen Männern ist im Verzascatal wenig zu spüren. Dafür schrecken die Bond-Staumauer und der wilde Fluss mit dem unvergleichlichen Grün.

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Oberhalb Tenero, Rückblick auf den Lago Maggiore.
Thomas Widmer

   

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www.verzasca.com. Die Strecke Tenero-Sonogno ist per Bus erschlossen.

Der Berner Patrizier Karl Viktor von Bonstetten schrieb einst: «Die Männer des Verzascatals sind rachsüchtig und aufbrausend, in keinem andern Tal ist der Mord so gebräuchlich. Alle tragen eine krumme Sichel am Gürtel, scharf geschliffen und einen Fuss lang, mit der sie sich umbringen.»

213 Jahre später darf ich entwarnen: Die Männer des Verzascatals sind nett, die Frauen sowieso. Eine Sichel trägt niemand, alles benimmt sich gesittet. Von einer verbreiteten Mordlust merkte ich auf der zweitägigen Durchwanderung des Tals vom Lago Maggiore bis Sonogno gar nichts.

Start ist in Tenero. Dort ist ein Grundsatzentscheid nötig: Ost oder West? Beiden Flanken des Stausees im unteren Taldrittel entlang führt nämlich ein Weg. Ich nahm den östlichen und fand, dass das für ihn verwendete italienische Wort «sentierone» passt: grober Pfad. Ab und zu wird er verschüttet und wieder repariert, an einigen Orten sind Seile montiert; in den ersten Stunden ist das eine Wanderung, die Trittsicherheit will. Ganz grundsätzlich ist ja das Verzascatal wilder, als man meint, und trägt zudem noch immer die Spuren einstiger Armut. Seine Menschen haben nicht das kulinarische Bewusstsein, die gastronomische Raffinesse, den Geniessdrang entwickelt, die das nahe Locarno samt Umland prägen. Super gegessen habe ich im Verzascatal nie, sondern stets bloss passabel bis gut. Auch eine hochbesternte Hotellerie existiert nicht, die Bleiben sind einfach.

Na und? Das ist okay. Die Snobs ziehen nach vollzogener Landschaftsmusterung gegen Abend wieder ab, dann ist man allein mit den Einheimischen. Und die kompensieren allfällige touristische Defizite mit Liebenswürdigkeit.

Hier nun das Gehrezept. Am ersten Tag halten wir von Tenero am Stausee vorbei nach Lavertezzo (fünfeinhalb Stunden Gehzeit). Am zweiten Tag ziehen wir weiter nach Sonogno (fünf Stunden). Höhepunkte sind:

1. Die Staumauer. 220 Meter hoch ist sie. James Bonds Bungee-Jump in «Golden Eye» (1995) wurde hier gedreht. Auf der Mauerkrone steht für die, die es Bond nachtun wollen, eine Baracke samt Sprungbrett. Man wird instruiert und springt (dass man für diesen Horror bezahlen muss, statt bezahlt zu werden - total verquer).

2. San Bartolomeo. Wer sich für Kunstschätze interessiert, muss nach Vogorno unten am See die uralte Kirche mit Fresken aus dem 14. Jahrhundert besuchen.

3. Die Grotti. Ein Problem, dass einige um diese Jahreszeit zu sind. Offen hat zum Beispiel, bei der Verzascabrücke von Bivio di Corippo, das gleichnamige, stimmungsvolle Grotto. Es gibt Formaggini und Fleischplättchen.

4. Der Ponte dei Salti. In Lavertezzo steht die berühmteste Tessiner Brücke. Sie ist eine versteinerte Doppelwelle. Die Mutter aller Achterbahnen.

5. Die Lüéra. Bei Ganne findet man im Wald eine alte Lüéra. Eine Wolfsfalle. Das System ist simpel. Der Wolf springt in die Grube, frisst den Köder und kann nicht mehr hinaus, da die Wände sich nach oben verengen. Für eine Wolfspfote zahlte die Obrigkeit einst eine saftige Belohnung.

6. Schwarze Madonna. Ganz hinten im Tal in Sonogno warten Lädchen mit örtlichen Esswaren und Kunsthandwerk-Produkten. Im Ristorante Alpino kann man essen. Dann besorgt man sich bei der berühmten schwarzen Madonna in der Kirche den Segen.

Doch der Star über allem ist die Verzasca. Harmlos ist der so charaktervolle Fluss beileibe nicht, hat sich immer wieder Menschen geholt, leichtsinnige Tauchtouristen und bedächtige Einheimische; er hat die Licence to Kill. Trotzdem ist er wunderbar anzuschauen in seinem selbst geschliffenen grauweissen Felsenbett. Der grosse Schweizer Kartograf des 19. Jahrhunderts, Philippe Charles Gosset, hat es so gesagt: «Die stärkste Attraktion dieses Flusses ist seine Farbe: etwas zwischen Preussischblau und Smaragdgrün. Kein Künstler auf der ganzen Welt hat je ein derart wunderbares Grün malen können.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.11.2008, 14:52 Uhr

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