Mein Freund, die Tomate

Die Urban-Gardening-Bewegung feiert ihren Siegeszug auch in der Schweiz. Wir wissen, weshalb Gemüse ein guter Ratgeber ist – und mehr Dreck glücklich macht.

«Im buchstäblich eigenen Gärtchen darf jeder selbst entscheiden»: Stadtgärtnerin.

«Im buchstäblich eigenen Gärtchen darf jeder selbst entscheiden»: Stadtgärtnerin. Bild: Reuters

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Das Paradies ist ein Garten. Die Kelten hatten den Apfelgarten Avalon und die Christen den Garten Eden. Der ökologisch bewusste Mensch von heute – die Stadt. Er gärtnert in einer Kooperative mit eigenen Feldern, in Hochbeeten auf Industriebrachen oder in einer Weinkiste auf dem Fensterbrett. Kein Platz zu klein, um nicht ein Garten zu sein. Die Urban-Gardening-Bewegung feiert ihren Siegeszug rund um den Globus. Die Gründe für den Erfolg sind vielfältig: Die einen suchen die Gesellschaft von Nachbarn, die anderen wollen die Stadt mitgestalten – und wieder andere haben die industriell hergestellten Lebensmittel und die globalisierten Strukturen der Agroindustrie satt. (Lesen Sie auch: «Wenn Geiz nicht mehr geil ist»)

Autonomie der Blumen

Die deutsche Sozialforscherin Silke Borgstedt erklärt den Boom der urbanen Gärten damit, dass sich zunehmend mehr Menschen nach Sinnlichkeit sehnen. Der selbst gezogene Rucola und die blühenden Malven seien ein Gegenpol zur Rationalisierung und Technologisierung des Alltags.

Ein eher neues Phänomen ist das gemeinschaftliche Gärtnern in der Stadt. Die Möglichkeiten sind schier grenzenlos. So ist in Zürich etwa ein Garten auf der Brache eines alten Fussballstadions entstanden, in Basel dienen Gemeinschaftsgärten mitten in Kleinbasel der Integration. Dabei geht es nicht, wie man auf den ersten Blick vermuten könnte, um einen Rückzug in Mikro-Communitys, sondern viel eher um die Suche nach grösseren Freiräumen.

Jedem sein Gärtchen

Die Lust, selbst etwas in die Hand zu nehmen und gestalten zu können, spielt dabei eine grosse Rolle. (Lesen Sie auch: «Die Hammer-Frauen») Der Ökonom und Glücksforscher Bruno S. Frey aus Zürich beobachtet ebenfalls, dass sich viele Menschen nach Autonomie sehen. Beim Gärtnern fänden sie Freiheit: «Im buchstäblich eigenen Gärtchen darf jeder selbst entscheiden», sagt Frey. Die Arbeitswelt sei stark hierarchisch organisiert, da brauche es einen Ausgleich. Früher habe es mehr Handwerker und Selbstständige gegeben. Dies habe sich fundamental verändert. Hätten sich noch vor einigen Jahrzehnten viele in Familienbetrieben organisiert, sei die Beschäftigung in Grosskonzernen heute weniger persönlich.

Ausserdem spielen laut Frey auch die wirtschaftliche Vernetzung und das Internet eine nicht unwichtige Rolle für die Rückkehr zum Garten. Die Global City verbinde zwar immer mehr, bringe aber auch Anonymität mit sich. In dieser Situation, in der sich die «Welt immer schneller drehe», sehnten sich viele nach Überschaubarkeit. Blumen und Gemüse wachsen langsam, sie können dabei beobachtet werden. Man kann sie steuern und unterstützen, sehr im Unterschied zu vielen anderen Lebensbereichen.

Auch der soziale Aspekt sei essenziell. Beim Gärtnern treffe man sich – ohne Verabredung. Studien hätten gezeigt, dass Beziehungen, die auf einer gemeinsamen Tätigkeit basieren, länger hielten als solche, bei denen man sich einfach nur so treffe, sagt Frey. (Lesen Sie auch: «Die Single-Initiative»)

Für den Zürcher Stadtratskandidaten Richard Wolff sind frei gestaltete Grünflächen wichtig für ein gesundes Stadtklima. Dabei geht es nach seiner Ansicht vor allem um «die Gemeinsamkeit des Tuns». Denn im Gegensatz zum klassischen Schrebergarten seien die Grossgärten ein verbindendes Mittel in der Stadtkultur. In Zukunft könnten auch Stadtparks und Zwischennutzungen einen noch wichtigeren Teil in der Quartierentwicklung einnehmen.

Die Prinzessinengärten in Berlin, Gerolds Garten in Zürich oder die mobilen Gärten in Brooklyn zeigen – dort, wo es sie gibt, entsteht ein neuer Blick auf den Handlungsspielraum Stadt. Sie sind Medium und zugleich Plattform für Ideen und Ökologie und ermöglichen somit neue Formen für Demokratie. Wachstumsglaube mal anders.

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(Erstellt: 21.03.2013, 15:26 Uhr)

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Die Lust, etwas gestalten zu können: Ökonom und Glücksforscher Bruno S. Frey.

Lese-Tipps


  • Vom Gärtnern in der Stadt. Die neue Lust zwischen Asphalt und Beton. Martin Rasper, 2012.


  • Urban Gardening. Über die Rückkehr der Gärten in die Stadt. Christa Müller, 2011.

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