Single, männlich, sucht keine Heirat

Die Zahl der allein lebenden jungen Männer ist in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen. Ihre Verunsicherung wurzelt tief. Die Wirtschaftskrise hat sie verschärft.

Frisch, fröhlich, frei: Soziologen erkennen eine Tendenz bei jungen Männern, sich der Verantwortung zu entziehen.

Frisch, fröhlich, frei: Soziologen erkennen eine Tendenz bei jungen Männern, sich der Verantwortung zu entziehen. Bild: Gallery Stock

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«Ich bin ein Mann (27) aus der westlichen Zivilisation. Werde nicht heiraten oder Kinder kriegen, weil ich keine Lust habe, einer faulen Frau den Lebensunterhalt zahlen zu müssen», stand unlängst im Mamablog des «Tages-Anzeigers» zu lesen. Und: «Die jungen europäischen Frauen können sich ja von Männern aus dem Balkan, Nahen Osten oder Nordafrika schwängern lassen und diese heiraten. Mir egal, habe mein Auto, meine Drogen und Huren. Was das für die weibliche Zukunft, sprich eure Rechte in unserer Zivilisation bedeutet, könnt ihr euch selbst ausmalen. Nach mir die Sintflut. Millionen westlicher Männer denken so.» Ein Spinner? «Millionen denken so.» Eine Übertreibung? Mitnichten.

Das Statistische Bundesamt Deutschlands hat vor kurzem einen Datenreport über Alleinlebende veröffentlicht. Während seit 1991 die Quote der Single-Frauen um 16 Prozent gestiegen ist, erhöhte sich jene der Männer sprunghaft um 81 Prozent. Diese Entwicklung betrifft vor allem junge Männer im heiratsfähigen Alter: 27 Prozent der 18- bis 34-Jährigen leben heute allein. Auch in sogenannt mittleren Jahren – von 35 aufwärts – liegt der Anteil der allein lebenden Männer signifikant über jenem der allein lebenden Frauen. 60 Prozent der allein lebenden Männer zwischen 35 und 64 Jahren waren noch nie verheiratet; das Statistische Bundesamt bezeichnet sie als «echte Junggesellen». Das sind – in absoluten Zahlen – circa 7 Millionen Männer im heiratsfähigen Alter, die sich einer festen Beziehung mit einer Frau verweigern.

Hotel Mama immer beliebter

Eine vergleichbare Analyse für die Schweiz existiert nicht. Den Zahlen des Bundesamts für Statistik in Neuchâtel ist zu entnehmen, dass 488 632 Personen im Jahr 2000 alleine in einem Haushalt lebten, 2010 waren es bereits 581 281. Das bedeutet einen Anstieg um knapp 100 000 Personen innerhalb von zehn Jahren. Im Jahr 2000 wohnten 8,4 Prozent der Männer allein; 2010 waren es 18,2 Prozent – mehr als doppelt so viele. Christoph Freymond, Stellvertretender Sektionschef im Bundesamt, kommentiert lakonisch: «Die Entwicklung in der Schweiz ist sogar akzentuierter als in Deutschland.»

Diese Zahlen werden noch durch eine andere Entwicklung auf Männerseite verstärkt. Während junge Frauen im Gegensatz zu früher heute schnell flügge werden, verbleiben junge Männer – ebenfalls im Gegensatz zu früher – heutzutage lange im Eltern- respektive Mutterhaus. Rund 40 Prozent der 18- bis 25-Jährigen leben im Hotel Mama; von den 30-Jährigen sind es noch etwa 15 Prozent, und von den 40-Jährigen wohnen noch mindestens 5 Prozent mit ihrer Mutter zusammen.

In der Schweiz hat die Interessengemeinschaft Antifeminismus bereits mehrere Heiratswarnungen herausgegeben. Da heisst es: «Heirat kann Sie finanziell, gesundheitlich, gesellschaftlich und beruflich ruinieren. In unserem ‹Rechtsstaat› kann es Ihnen widerfahren, dass Ihre Ehe gegen Ihren Willen und ohne Ihnen anzurechnendes schuldhaftes Verhalten geschieden wird, Ihnen die Kinder entzogen werden, der Umgang mit diesen untersagt, der Vorwurf, Ihre Kinder sexuell missbraucht zu haben, erhoben und durch Gerichtsentscheid bestätigt wird und Sie zudem durch Unterhaltszahlungen unter das Existenzminimum herabgesetzt werden.»

Diese Befürchtungen als solche und als harte Realität werden in den vielen Trennungsforen im Internet immer wieder aufs Neue beschrieben, aber auch in Beratungsstellen, Paartherapien, Männergruppen oder Betroffenenvertretungen wie der Interessengemeinschaft geschiedener und getrennt lebender Männer (IGM) zunehmend thematisiert. Sprach man früher gemeinhin von der Ehe als «sicherem Hafen», verbinden junge Männer heute eine Heirat mit den Gefahren des Risikos, der Wahrscheinlichkeit des Scheiterns und der Möglichkeit des Untergangs. Tatsächlich wird in der Schweiz inzwischen jede zweite Ehe geschieden.

Auch die Ehedauer ist stark gesunken: Aus dem verflixten siebten Jahr ist inzwischen das gefährliche vierte geworden. Rund 30 Prozent der Ehen scheitern im fünften Ehejahr. Fast zwei Drittel der Scheidungen gehen – nach der Emanzipation der Frauen und der Revision des Scheidungsrechts – von den Frauen aus. Auch da sehen sich die Männer in der Defensive. Nimmt man die unverheirateten Paare noch hinzu, dürften gegen 85 Prozent der Trennungen heute von Frauen initiiert werden.

Heirat und Ehe sind nicht die einzigen Traditionen, die sich dramatisch verändert haben. Bei den Geschlechterbeziehungen, den Arbeits- und Machtverhältnissen zwischen Frau und Mann oder den rechtlichen Grundlagen der Familie sieht es nicht viel anders aus. Die Entwicklungen lassen sich ungefähr so zusammenfassen, wie es die amerikanische Gender-Expertin Peggy Drexler in der «Huffington Post» getan hat: «Für Frauen bedeutet die Veränderung Freiheit, Wahlmöglichkeiten und Aufbruch; für Männer bedeutet sie Konfusion.» Die deutschsprachige Soziologie nennt die Frauen denn auch Emanzipations­gewinnerinnen und die Männer Emanzipationsverlierer.

Rezession traf Männer stärker

In den USA, die uns entwicklungsmässig immer um ein paar Jahre voraus sind, war die jüngste Wirtschaftskrise primär eine Männerkrise; insofern spricht man dort nicht mehr von Rezession, sondern von «he-cession». Die Soziologin Hanna Rosin zeichnet diesen Niedergang im Bestseller «Das Ende der Männer» exakt nach. «Die am schwersten betroffenen Branchen hatten in der grossen Mehrheit männliche Beschäftigte und ein ausgeprägtes Macho-Image: Bau, Industrieproduktion, Finanzmanagement.» Seit etwas mehr als drei Jahren seien «erstmals in der US-Geschichte mehr Frauen als Männer beschäftigt». Fast 80 Prozent der Frauen in den USA sind heute erwerbstätig; die entsprechende Quote der Männer ist jedoch von 90 auf 65 Prozent gesunken. Ein Fünftel der Männer hat den Anschluss an die Arbeitswelt vollends verloren.

Das Modell des Mannes als Familienernährer ist entsprechend überholt. In nahezu der Hälfte der Familien tragen die Frauen heute massgeblich zum Einkommen bei; immer öfter bestreiten Männer den Haushalt. «Aus feministischer Sicht werden die jüngsten sozialen, politischen und wirtschaftlichen Gewinne der Frauen stets als langsame, mühevolle Aufholjagd im fortwährenden Kampf um die Gleichberechtigung dargestellt. Aber offenbar ist der Wandel viel radikaler: Die Frauen holen nicht mehr nur auf, sie werden zum Standard, an dem der Erfolg gemessen wird», notiert Rosin.

Wenn sich Eltern heute stolz vorstellen, dass sie ihr Kind heranwachsen sehen, haben sie in der Regel ein Mädchen vor ihrem geistigen Auge und nicht mehr einen Jungen. Kein Wunder: Mädchen sind bereits in der Schule erfolgreicher, sie sind es auch an den Universitäten und in vielen Berufen. Mädchen sind flexibler, ehrgeiziger und lernbegieriger. Jungen hingegen bleiben zurück. Sie vermögen sich an die neuen Bedingungen kaum oder nur mühevoll anzupassen. Mit anderen Worten: Sie haben zunehmend Probleme und keine Lösungs­muster dafür.

Das ist vielfach empirisch belegt, zum Beispiel in der deutschen Sinus-Studie über die Lebensentwürfe und Rollenbilder 20-jähriger Frauen und Männer. Diese konstatiert bei den jungen Männern «ein deutliches Leiden an der Komplexität, Unübersichtlichkeit und Dynamik der Gesellschaft». Die jungen Männer befürchteten, «dass in Wahrheit die Frauen die wichtigen Entscheidungen fällen und sie, die Männer, gar nicht mehr brauchen». Diese sind nicht mehr nur «in Bezug auf Berufswahl und Arbeitsmarkt verunsichert, sondern auch im Privaten haben sie alle Sicherheit verloren». Sie fühlen sich der Sinus-Studie zufolge zurückgedrängt und nicht mehr ernst genommen. «Die Männer leiden in ihrer subjektiven Befindlichkeit und fühlen sich in der Defensive: Die Frauen schreiben das Drehbuch.» So werden die jungen Männer von der Angst verfolgt, sie könnten «überflüssig» werden.

Verweigerungshaltung

Eine Antwort ist die Lebensform als ­Single. «Warum sollte ein Mann eine Familie gründen? Er kann auch ohne wunderbar leben», schwärmt ein junger Mann im Berliner Stadtmagazin «Zitty». Und seiner Meinung sind inzwischen viele. Wenn man die Dinge allerdings längerfristig betrachtet, ist vieles dann doch nicht so toll. Männer, die allein leben, sind häufiger krank, signifikant häufiger depressiv und sterben früher als ihre verheirateten Geschlechtsgenossen. Auch materiell ist der männliche Single nicht durchgängig ein Erfolgs­modell. In Deutschland bestreiten fast 20 Prozent der allein lebenden Männer ihren Lebensunterhalt mit staatlicher Unterstützung. Das heisst: Der Anteil der Sozialhilfebezüger ist dreimal höher als bei Verheirateten.

Die amerikanische Psychologin Helen Smith spricht von einer dramatischen Entwicklung in ihrem soeben erschienenen Buch: «Men on Strike: Why Men Are Boycotting Marriage, Fatherhood, and the American Dream – and Why it Matters». Sie meint, dass junge Männer zunehmend streikten, weil die gesellschaftliche Entwicklung immer männerfeindlicher werde und sie mehr und mehr ihrer Zukunftsmöglichkeiten beraube. So bliebe ihnen als Antwort nur, sich arbeits-, beziehungs- und zeugungsmässig zu verweigern. Das mag übertrieben klingen, enthält aber auch für unsere Breitengrade tendenziell Wahres.

Soziologen sehen bei diesen Männern schon länger die Tendenz, sich der gesellschaftlichen Verantwortung zu entziehen, und die Gefahr einer männlichen Unterschicht. Die Folgen sind bereits zu erkennen: Auf dem Arbeitsmarkt fehlen männliche Auszubildende und Fachkräfte; die Sozialsysteme werden durch die Aussteiger übermässig belastet; die Geburtenrate sinkt, und das demografische Ungleichgewicht vergrössert sich.

Auch die Frauen sind vielfach betroffen; so wird ihre Partnerwahl immer beschwerlicher. Hanna Rosin zitiert in ihrem Buch eine Karrierefrau mit den Worten: «Die Männer sind entweder eingeschüchtert von mir (und meinem Gehalt), oder sie können sich eine Frau wie mich nicht leisten.» Eigentlich ist es ja noch schlimmer: Viele junge Männer wollen sich eine Frau gar nicht mehr leisten.

* Walter Hollstein ist emeritierter Professor für politische Soziologie in Berlin, Gutachter des Europarates für Männerfragen und Autor des Sachbuchs «Was vom Manne übrig blieb». (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 25.06.2013, 10:43 Uhr)

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