Als Russinnen die Schweizer Universitäten stürmten
«Ganz Europa blickt auf uns!»
Verlag Hier+Jetzt, 292 S., Fr. 48.–. Vernissage: Buch am Mittag, Dienstag, 9.März, 12.30 Uhr, in der Uni-Bibliothek, Münstergasse.
Als 1881 Zar Alexander II. in Sankt Petersburg einem Attentat zum Opfer fiel, freuten sich junge russische Frauen über den Anschlag, die in Bern studiert hatten. Einige von ihnen waren selbst an den Mordplänen beteiligt, wie etwa Vera Figner, die in den 1870er-Jahren an der Uni Bern Medizin studiert hatte.
Die Universitäten Bern, Zürich und Paris waren im letzten Drittel des 19.Jahrhunderts europaweit die einzigen Hochschulen, welche Frauen zum Studium und zur Promotion zuliessen. Franziska Rogger, Historikerin und Archivarin der Uni Bern, hat gemeinsam mit ihrer Zürcher Kollegin Monika Bankowski ein Buch über die Invasion russischer Studentinnen, über deren Leben und Beweggründe herausgegeben.
Studium und Revolution
Von den 26 Frauen, die bis Ende der 1870er-Jahre in Bern und Zürich als Ärztinnen promovierten, kamen 19 aus Russland, 3 aus Grossbritannien, 2 aus Deutschland, eine aus den USA und eine einzige, Marie Vögtlin, aus der Schweiz. «Für die meisten Russinnen war das Studium nur Mittel zum Zweck», sagt Historikerin Franziska Rogger, «sie wollten als Ärztin oder Lehrerin in ihr Land zurückkehren, die geknechteten Landsleute auf eine höhere Zivilisationsstufe erheben und revolutionieren.»
Dass die «Kosakenpferdchen», wie die jungen Russinnen hier genannt wurden, in der Schweiz mit offenen Armen empfangen wurden, hat mehrere Gründe. Erstens drängten sie nach dem Studium nicht auf den Arbeitsmarkt, stellten also keine Konkurrenz zur einheimischen Elite dar. Zweitens verhalfen sie den Universitäten zu Wachstum und Ansehen. Die grosse Studentinnenzahl sorgte für grössere Hörsäle und Labors.
«Wir haben profitiert»
«Dass Frauen in Bern und Zürich überhaupt studieren durften, war kein ideologischer, sondern ein pragmatischer Grund, wir haben ohne Nachteil profitiert», sagt die Historikerin. Dieser Zulassung ging zudem keine Volksabstimmung voraus. Ob Frauen studieren durften, entschied allein der Unirektor. Diametral zum Frauenstudium setzte sich in Europa das Frauenstimmrecht durch: Russland, wo das weibliche Geschlecht lange nicht studieren durfte, führte es 1917 als erstes Land im europäischen Kulturkreis ein. In der Schweiz dauerte das bis 1971.
«Es sind fein gebildete Damen, Bern wird mit ihnen nur Freude und Ehre erleben», schwärmte zu Beginn des Bildungsflüchtlingsstroms das «Intelligenzblatt» über die jungen Russinnen. Und diese gaben das Kompliment zurück. «In Bern ist die Stimmung höflich und kollegial», schrieb eine Studentin. Als dann immer mehr Russinnen die Schweizer Hochschulen belagerten – bis Anfang 20.Jahrhundert waren an den Universitäten Bern und Zürich ein paar tausend Frauen immatrikuliert –, kippte die Stimmung da und dort. «Auf 50 Schweizer Mediziner kamen 60 russische Medizinerinnen», erzählt Franziska Rogger, «da gab es Probleme, es kam zu fremdenfeindlichen Strömungen.»
Nicht alle verliessen die Schweiz nach dem Studium. Geblieben ist auch Anna Tumarkin. Sie wurde 1909 in Bern europaweit zur ersten ordentlichen Professorin gewählt. (Berner Zeitung)
Erstellt: 04.03.2010, 14:49 Uhr

































































































































