Leben

Eignungstest mit Mängeln

Von Urs Egli. Aktualisiert am 02.08.2011 12 Kommentare

Ohne den Eignungstest Multicheck können Bewerber meist keine Schnupperlehre machen. Doch der Test hat Mängel, wie Michael Siegenthaler in seiner Masterarbeit festgestellt hat.

Hat in seiner Masterarbeit den Eignungstest entlarvt: Michael Siegenthaler.

Hat in seiner Masterarbeit den Eignungstest entlarvt: Michael Siegenthaler.

Masterarbeit von Michael Siegenthaler

Michael Siegenthaler (26) ist in Niederhünigen aufgewachsen, hat an der Universität Bern Geschichte studiert (Bachelor) und anschliessend einen Master in Volkswirtschaftslehre gemacht. Zurzeit doktoriert er in Arbeitsmarktökonomie an der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.

Für seine Masterarbeit «Was kann ein standardisierter Berufseignungstest, was die Schulnoten nicht können? Eine quantitative Fallstudie zum Signalwert zweier Instrumente der Lehrlingsselektion» ist Michael Siegenthaler von der Vereinigung Berner Wirtschaftswissenschafter mit dem Excellence Award in Gold ausgezeichnet worden.

Die grösste Schweizer Anbieterin beruflicher Eignungsabklärungen und Kompetenzanalysen für Jugendliche, die ins Berufsleben einsteigen, ist die Multicheck GmbH. Jährlich absolvieren mehr als 30000 Lehrstellensuchende die Junior-Eignungsanalyse. Ausgewertet werden die Fähigkeiten für die Berufsfelder Kaufleute, Technologie, Einzelhandel (Dienstleistung und Service), Gewerbe, Gesundheit und Soziales sowie Beauty.

Die Multicheck Junior-Eignungsanalyse wurde gemäss Firmenangaben «vor zwei Jahren an der Universität Bern einer umfassenden wissenschaftlichen Überprüfung unterzogen».ue

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Lehrfirmen verlangen oft, dass Schulabgänger den Multicheck absolvieren, bevor sie zu einer Schnupperlehre zugelassen werden. Was kann denn ein standardisierter Berufseignungstest, was Schulnoten nicht können?
Michael Siegenthaler: Die Forschung vertritt die Meinung, dass Schulnoten aufgrund verschiedener Faktoren fehlerbehaftet sind: zum Beispiel, weil Lehrer einen relativen Notenmassstab anwenden, der sich am Klassendurchschnitt orientiert statt an einem absoluten Massstab. Schulnoten haben tatsächlich sehr viele Unsicherheiten. Auch darum, weil Bewerber aus verschiedenen kantonalen Schulsystemen und verschiedenen Schultypen nicht direkt vergleichbar sind. Deshalb haben Firmen das Gefühl, dass standardisierte Berufseignungstests diese Probleme lösen können. Sie scheinen die Vergleichbarkeit zwischen Schülern aus verschiedenen Schulen, Gemeinden und Kantonen zu garantieren.

Wenn dem so wäre: War es früher, als es den Multicheck noch nicht gab, für Firmen eine Lotterie, gute Lehrlinge zu finden?
Lotterie ist vielleicht das falsche Wort. Die Firmen, die nicht selbst eine Eignungsprüfung durchführten, versuchten die richtigen Signale und die wichtigen Eigenschaften aus den Bewerbungsdossiers zu ziehen, um sich ein Bild des Bewerbers zu machen. Zudem kompensierten sie ein Informationsdefizit im Gespräch mit dem Lehrling und mit Schnupperlehren.

Was ist denn ehrlicher: Multicheck oder Schulnoten?
Die standardisierten Berufseignungstests haben ihre eigenen Makel: Sie messen einen spezifischen Aspekt und führen dazu, dass Lehrkräfte speziell dies unterrichten. Überspitzt könnte man sagen: Die Schüler müssen nur das abrufen können, was der Test verlangt. Ein weiterer Nachteil ist, dass dieser Test ein «one-shot» ist: Er ist einmalig und nach wenigen Stunden vorbei. Tagesform und Prüfungsstress können das Prüfungsresultat stark beeinflussen oder sogar matchentscheidend sein.

Sind Schulnoten gerechter?
Nein, Schulnoten sind nicht gerechter. Sie spiegeln nicht die «objektive», effektive Leistungsfähigkeit wider – obwohl sie das eigentlich sollten. Dafür zeigen sie aber eine Leistungsentwicklung. Und sie werden aussagekräftiger, wenn Schulnoten mehrerer Lehrer, Fächer und Schuljahre zusammengenommen werden.

Ist die Schnupperlehre nicht trotz allem das zuverlässigste Instrument für Lehrfirmen und Schulabgänger?
Bei der Migros ist die Schnupperlehre institutionalisiert; es ist Pflicht, eine solche zu absolvieren. Schulnoten und standardisierter Berufseignungstest werden nur in der ersten Phase der Selektion eingesetzt. Mit dem Test soll verhindert werden, dass sich Schülerinnen und Schüler für eine Lehrstelle bewerben, welche die schulische Leistungsfähigkeit nicht mitbringen, um die Lehrabschlussprüfung bestehen zu können.

Die Spreu wird vom Weizen getrennt.
Hat man die weniger geeigneten Lehrlinge ausgeschlossen, wird untersucht, ob die Personen motiviert, sozial kompetent und teamfähig sind. Dies kann man mit einem Bewerbungsdossier nicht feststellen, sondern nur mit einem Bewerbungsgespräch und einer Schnupperlehre.

Fakt ist, dass etliche Personen nie eine Schnupperlehre machen können, weil sie am Tag des Eignungstests ein Blackout hatten.
Das ist tatsächlich ein Problem. Wenn der Eignungstest nicht viel aussagt, zum Beispiel, weil die Geprüften einen schlechten Tag hatten, werden sie systematisch von einem Lehrberuf ausgeschlossen, obwohl sie die Voraussetzungen dafür mitbringen würden. Vielleicht sagen sich diese Jugendlichen aufgrund des Tests sogar: «Ich bin nicht fähig genug.» So wird den Jugendlichen eine Bildungskarriere verwehrt, zu der sie eigentlich fähig wären.

Der Berufseignungstest greift an einer heiklen Stelle des Lebens ein.
Deshalb müsste der Test sehr aussagekräftig sein. Umso mehr, als dieser Entscheid für Jugendliche Einfluss auf das ganze Leben haben kann. Statt dass sie innerhalb der Firma in einen besseren Zug kommen, geraten sie wegen eines einzigen versiebten Tests auf das Abstellgleis. Tatsächlich zeigt meine Studie zum Detailhandel-Multicheck, dass Jugendliche in der Lehre sehr gute Noten haben können, obwohl sie beim Multichecktest relativ schlecht abgeschnitten hatten.

Sehr aussagekräftig ist der Eignungstest demnach nicht.
Die Ergebnisse meiner Masterarbeit zeigen, dass das Gesamtresultat des Berufseignungstests im Detailhandel nicht mehr aussagt, als das, was aus den Schulzeugnissen herausgelesen werden kann. Der Detailhandelstest hat keinen zusätzlichen Nutzen, ist relativ fehlerhaft, kann den Lernerfolg in der Berufsschule schlecht vorhersagen und auch einen Lehrabbruch nicht zuverlässig prognostizieren. Es scheint, dass der Test die «Berufseignung» eines Testteilnehmers nicht zu messen vermag.

Ist der Eignungstest für den Detailhandel wertlos?
Selbst wenn er für das Unternehmen keinen Mehrwert hat, ist er nicht wertlos. Der Test bewirkt immerhin, das sich Jugendliche genau überlegen, ob sie sich für eine Lehrstelle in diesem Beruf bewerben wollen. Einen solchen Test macht man nicht aus Jux. Der psychische Stress ist gross. Eine Firma kann diesen Test schon nur deshalb verlangen, um die Zahl der Bewerbungen zu senken und um nur motivierte Jugendliche anzulocken. Jedoch sollte sie den Eignungstest in der Vorauswahl nur noch selektiv einsetzen.

Trotzdem sagen Lehrmeister oft, Schulnoten seien kein taugliches Selektionsmittel mehr.
Obwohl Schulnoten fehlerhaft sind, können sie trotzdem aussagekräftig sein. Sie können etwas aussagen über die soziale Kompetenz, die Motivation und die Bereitschaft, sich innerhalb einer Gruppe einzusetzen. Selbst wenn eine Schulnote nur sagt, dass man innerhalb einer Klasse zu den Besten gehört, heisst dies doch, dass man sich innerhalb des Klassenkontextes am meisten Mühe gegeben hat. Für die Lehre sind solche Aussagen wichtig. Über solche sozialen Kompetenzen sagt der Multicheck übrigens nichts aus.

Im Schulzeugnis sind auch die Absenzen aufgeführt. Lässt sich aus diesen etwas ableiten bezüglich Lernerfolg?
Tatsächlich ist es so, dass die Zahl der Absenzen – entschuldigte und unentschuldigte – einen Einfluss auf den Lernerfolg hat. Wer in der 8. und 9.Klasse viele Absenzen hatte, zeigt in der Berufsschule schlechtere Leistungen.

Kann ein Lehrmeister nach der Analyse von Zeugnis und Multicheck beurteilen, wie der Lernerfolg sein wird?
Schulzeugnisse können dies recht gut, weshalb man sie bei der Selektion berücksichtigen kann. Der Eignungstest hat zwar eine leichte Korrelation zu den Elementen des Lernerfolges, er sagt aber nichts zusätzlich aus. Der Detailhandel-Multicheck liefert dem Unternehmen die gleichen Informationen wie die Schulzeugnisse. Beide Selektionshilfsmittel zusammen erklären aber statistisch nur etwa ein Viertel der Unterschiede im Lernerfolg verschiedener Lehrlinge.

Haben Sie die Macher des Multichecks mit Ihrer Studie konfrontiert?
Ja. Ich erhielt die Antwort, dass man die Ergebnisse meiner Arbeit berücksichtigen werde.

Was raten Sie einer Firma im Detailhandel bezüglich der Rekrutierung von Lehrlingen?
Wenn eine Person im Bewerbungsdossier und im Bewerbungsgespräch überzeugt hat, sollte man sie nicht allein aufgrund eines ungenügenden Resultats beim Multicheck ablehnen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.08.2011, 15:43 Uhr

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12 Kommentare

meier stefan

02.08.2011, 17:29 Uhr
Melden 46 Empfehlung

Was waren das noch Zeiten, als noch die erbrachte Leistung bim Schnuppern zählte ob man eine Lehrstelle kriegt oder nicht... Antworten


Fredy Berger

02.08.2011, 16:25 Uhr
Melden 15 Empfehlung

Eigene Erfahrung hat gezeigt, dass im Multicheck Aufgaben geprüft werden, welche zum Zeitpunkt des Tests noch gar nicht im ordentlichen Schulunterricht behandelt worden waren! Ein "Versagen" ist somit schon gegeben. Ausserdem stehen sich die Schulnoten und die Multicheck-Bewertungen bei gewissen Fächern im totalen Widerspruch! Antworten




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