Mama, meine Lehrerin

Von wegen Hippies und konservative Christen: Zwei Millionen Kinder werden in den USA daheim unterrichtet – sie gehören zu gut angepassten Familien. Das Vertrauen in die Volksschule schwindet.

Miles mit seiner Mutter beim Schulunterricht auf dem Sofa. «Das amerikanische Schulsystem ist zu eng, es ist zu versessen auf Prüfungsergebnisse», sagt Farrar Williams.

Miles mit seiner Mutter beim Schulunterricht auf dem Sofa. «Das amerikanische Schulsystem ist zu eng, es ist zu versessen auf Prüfungsergebnisse», sagt Farrar Williams.

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Porter hat sich für die Äpfel in der Fruchtschale entschieden. Er stellt einen nach dem andern auf die Küchenwaage und trägt den Wägewert von Hand in eine Tabelle ein. Dann wird das mittlere Apfel­gewicht im Hause Williams berechnet. Der Junge arbeitet still und konzentriert. Triff eine Auswahl und ermittle den Durchschnitt, lautete die Aufgabe. Zwillingsbruder Miles sucht derweil immer noch nach etwas Messbarem: Er rennt barfuss durchs Wohnzimmer, zieht Schubladen heraus, kramt in Regalen. Dann kommt ihm eine Idee, so originell wie kompliziert: «Kann ich den durchschnittlichen Stromverbrauch meines iPads messen?» Seine Mutter, die Lehrerin, zieht die Brauen hoch. «Und wie würdest du vorgehen?» Miles denkt nach. «Bei der Stadt anrufen und nach den Volts fragen?» Seine Mutter lässt ihn machen. Vor dem Mittagessen werde er das nicht schaffen, sagt sie, aber er könne ja mal eine Versuchsanordnung entwerfen, schriftlich. Und danach bitte in der Küche das Wasser für die Nudeln aufsetzen.

Miles und Porter sind zehn Jahre alt und im Leben noch keinen Tag zur Schule gegangen. Ihre Mutter unterrichtet sie daheim: «Das amerikanische Schulsystem ist zu eng, zu versessen auf Prüfungsergebnisse», sagt Farrar Williams, eine rundliche, kleine Frau aus dem Süden der USA. Sie habe früh gewusst, dass ihre zwei Buben eine ganzheitlichere Ausbildung erhalten sollten. «Und weil wir kein Geld für eine teure Privatschule haben, machen wir es eben selbst.»

Jeden Morgen wird ihr Reihenhaus mitten in der Hauptstadt Washington zum Schulhaus. Der Tagesplan der Zwillinge ist auf einer Wandtafel im Esszimmer aufgemalt, heute Rechtschreibung, Mathematik und Literatur. Sport und Theater finden ausser Haus statt, mehrmals die Woche: Miles ist ein begeisterter Ballett- und Rumbatänzer. Wenn es trotzdem einmal zu wild und unruhig wird im Unterricht, dann steht im Keller ein Trampolin zum Dampfablassen.

Das Gelernte dokumentieren

Mehr als zwei Millionen Kinder werden in den USA mittlerweile zu Hause unterrichtet. Exakte Zahlen gibt es nicht, das Schulwesen ist Sache der 50 Bundesstaaten, und in 11 davon besteht keine Meldepflicht für Homeschooler: Wer seine Kinder in Texas oder New Jersey daheim unterrichten will, muss niemanden darüber informieren. In der eher straff regulierten Hauptstadt Washington wäre das nicht möglich. Farrar Williams musste eine Kopie ihres Highschool-Abschlusses einreichen und den Behörden ihren Lehrplan vorstellen; die Eltern sollen nicht ganz ahnungslos zu Werk gehen. Zudem müssen Williams und ihre Söhne am Ende jedes Schuljahrs zwei Portfolios erstellen, die das Gelernte und Geleistete dokumentieren. Theoretisch dürfte die Schulbehörde Einsicht in die Ordner nehmen, kontrollieren. Das sei aber noch nie vorgekommen.

Eines ist auch ohne Statistik gewiss: die Zahl der Homeschooler wächst. Vor 30 Jahren war Schulverweigerung noch in fast allen Staaten der USA verboten und ein Randphänomen – ein Anliegen von Anarcho-Hippies und christlichen Fundamentalisten. Heute ist der Hausunterricht im ganzen Land legal und daran, Teil des schulischen Mainstreams zu werden, sagt der Erziehungswissenschaftler Milton Gaither, der ein Buch zum Thema verfasst hat.

Eine neue Generation von Eltern entdeckt das Homeschooling für sich, und dies immer seltener aus religiösen oder weltverweigernden Gründen: Sie behalten ihre Kinder daheim, weil die sich an der öffentlichen Schule langweilen – Hausunterricht als massgeschneiderte Begabtenförderung in den eigenen vier Wänden. Manche Eltern sind um flexiblere Stundenpläne bemüht, weil der Nachwuchs trainingsintensiven Spitzensport betreibt. Sie reisen viel und wollen ihre Kinder mit dabei haben. Oder sie nehmen ihre behinderten, verhaltensauffälligen oder schüchternen Kinder von der Schule, um sie vor Bullying und Schikane zu schützen. Selbst eine Erdnussallergie kann ein Grund für Heim­unterricht sein. «Die Welt der Homeschooler wird vielfältiger», sagt Gaither.

Offene Schulverweigerung begann in den USA mit den Hippies Ende der 60er-Jahre. Pädagogen wie John Holt forderten die «Entschulung» der Gesellschaft und den Ausbruch aus den Lernfabriken. Kinder sollten die ganze Welt als Klassenzimmer begreifen und selber entscheiden, was und wie sie lernen wollten. Hippie-Homeschooler gibt es noch, doch sie stellen nur noch eine Minderheit. Die meisten Amerikaner verbinden Hausunterricht heute mit konservativem Christentum. Anfang der 80er-Jahre entdeckten evangelikale Gemeinschaften das Homeschooling für sich. Mit Misstrauen gegenüber dem Staat und seinen Lehrplänen kannten sie sich aus. Schulverweigerung bietet streng religiösen Gemeinschaften bis heute die Möglichkeit, ihre Kinder von allzu weltlichen Pausenplatzmoden oder bibelfeindlichen Naturwissenschaften fernzuhalten. Es war eine christlich geprägte Lobbyinggruppe, die Homeschool Legal Defense Association, welche die Entkriminalisierung des Hausunterrichts ab 1983 entscheidend vorangetrieben hat. Evangelikale Buchverlage hielten bis vor kurzem fast ein Monopol auf die entsprechenden Lehrmittel.

Konservative Christen stellen noch immer den grössten Teil der Homeschooler; in einer Erhebung des US-Bildungsministeriums gaben vor drei Jahren 64 Prozent der befragten Schulverweigerer religiöse Beweggründe an. Doch ihr Anteil sinkt, die säkularen Homeschooler kommen. Es sind Leute wie Jennifer Kulynych aus Maryland, eine Juristin mit Doktortitel, die mit Religiosität und Rebellion nichts am Hut hat: «Nie hätte ich gedacht, dass ich mein Kind einmal zu Hause unterrichten würde», sagt sie im Gespräch. Ihr Bild von Homeschoolern sei stets negativ gewesen: Frömmler, die sich von der Welt absondern, ihren Kindern wirre Weltsichten eintrichtern. Dann aber sei ihre älteste Tochter in der dritten Klasse klar unterfordert gewesen. Eine Unterredung mit der Schulleitung verlief ergebnislos; man könne wegen eines Mädchens nicht den ganzen Lehrplan anpassen, hiess es. «Eine Privatschule war uns zu teuer – die 40'000 Dollar jährlich würden später für ihre Uni-Ausbildung fehlen», sagt ­Jennifer Kulynych.

«Wir liegen gut im Rennen»

Also versuchte sie es selbst; seit zwei Jahren erhält die Tochter Hausunterricht. Nun mache die Schule wieder Spass. «Du kannst deinem Kind daheim heute die bessere Bildung verschaffen.» Kulynych nutzt eine Fülle von Ressourcen, um den Bedürfnissen ihrer Schülerin gerecht zu werden: derzeit absolviert die Kleine einen Online-Kurs in Literatur der Eliteuniversität Stanford, um die ­Mathematik kümmert sich ein Nachhilfelehrer, und für Naturwissenschaften gibt es regelmässige Ergänzungskurse des Smithsonian-Museums. Homeschooling ist ein Markt, und Bildungsstätten im ganzen Land haben ihn entdeckt. Auf die Lehrgänge der Freikirchen ist niemand mehr angewiesen.

Um sicherzustellen, dass kein Pflichtstoff vergessen geht, lässt Kulynych ihre Tochter regelmässig Tests ablegen. «Wir liegen mehr als gut im Rennen.» Überhaupt scheint die schulische Leistung das geringste Problem zu sein beim Hausunterricht. Homeschool-Eltern sind fast immer engagierte Lehrer, und viele Kinder scheinen schulisch vom auf sie zugeschnittenen Unterricht in Kleinstgruppen zu profitieren. Neue Studien ­legen nahe, dass die Daheimgebliebenen den standardisierten Uni-Eintrittstest SAT durchschnittlich etwas besser packen als die Absolventen der öffentlichen Schulen. Für manche ambitionierten Eltern ein Grund mehr, ihre Kinder von der Volksschule fernzuhalten.

Auslandjahr in Kirgistan

«Für uns war Homeschooling ein Erfolg», sagt Kelly Keller. Ihr Sohn Sean hat die Uni-Eintrittsprüfung mit Auszeichnung abgelegt und es ins renommierte Vassar College geschafft. Nun studiert er Sprachwissenschaften und Ethnologie, gerade verbringt er ein Auslandjahr in Kirgistan. Keller hat den Buben daheim unterrichtet, seit er sechs Jahre alt war. «Wir haben früh gemerkt, dass er begabt ist.» Schon vor dem Kindergarten habe Sean zu lesen begonnen. Im Jahr 2000 wurde er in Pennsylvania eingeschult – und hielt es nur zwei Monate aus: «Er war so unglücklich, so gelangweilt», sagt seine Mutter heute. Sie machte sich ­Sorgen um ihren Sohn; die Mitschüler hätten ihn «Mr. Brain» genannt – was für Spitznamen würden als Nächstes folgen? Sie nahm Sean von der Schule, legte ihre eigenen Zukunftspläne auf Eis und wurde Hauslehrerin. «Der Junge wollte nie zurück.» Seans jüngere Schwester behielt Keller dann von Anfang an zu Hause. Nach ein paar Jahren aber wollte das Mädchen an die Highschool – wie ihre Freundinnen aus der Nachbarschaft. Keller liess sie ziehen.

Eher als mit akademischen Einwänden sehen sich Homeschool-Eltern mit Bedenken konfrontiert, die das Leben jenseits des Unterrichts betreffen: Kein Schulweg, keine Klassenkameraden, keine unter der Bank weitergegebenen Liebesbriefe, keine Raufereien auf dem Pausenplatz. Ist das nicht ein ärmeres Leben? Fehlt daheim geschulten Kindern später nicht die soziale Kompetenz?

Unsinn, finden die Homeschooler, niemand werde abgeschottet. Auch privat gestalteter Unterricht findet schliesslich immer öfter in Gruppen statt, in Lern- und Spielgemeinschaften. Farrar Williams, die Mutter der Zwillinge in Washington, hat schon vor Jahren mit zwei weiteren Familien zusammengespannt und lässt ihre Buben mehrmals die Woche im Verbund lernen. Hinzu kommen externer Sport- und Musikunterricht sowie die Proben mit einer Theatergruppe. «Auch die Nachbarskinder schauen oft vorbei, um Videogames zu spielen», berichtet der zehnjährige Miles. Vor der Geburt ihrer Söhne hat Williams ein paar Jahre lang als Lehrerin an einer öffentlichen Schule gearbeitet. Sie ist sich sicher: «Meine Jungs verpassen nichts.» Eher bleibe ihnen einiges erspart.

Manche Homeschool-Eltern halten das angeblich so wertvolle Sozialleben auf den Schulhausgängen für überbewertet. Der zermürbende Popularitätsdruck, die Hänseleien und die Härte: Für viele Amerikaner verlaufe die Schulzeit doch eher traumatisch als bereichernd. Wenn einem irgendwo Isolation drohe, erklärt ein Homeschool-Vater aus Pennsylvania im Gespräch, dann doch eher in einer Klasse von 25 fremden, mit Kopfhörern zugestöpselten Kindern als daheim bei Eltern und Geschwistern. Auf solche Thesen können sich weltliche wie christliche Eltern einigen. Um die Behütung ihrer Kinder geht es beiden.

Auch christliche Homeschool-Familien bilden vermehrt Schulgemeinschaften, die zuweilen so gross sind, dass sie sich von regulären Schulen kaum mehr unterscheiden. Hinzu kommen afroamerikanische, jüdisch-orthodoxe und sogar indianische Gruppen, die ihr Interesse für Hausunterricht entdeckt haben und nun eigene Verbände gründen. Jeder Weltsicht eine Schule. Problematischer als die soziale Isolation ist eher der Mangel an Verschiedenheit, denn gemischt werden solche Lernzirkel eher selten. Kelly Kellers Sohn, der heute studiert, hat früher im Volleyballteam der christ­lichen Homeschooler mitgespielt, doch beim Unterricht hielt sich die Familie lieber an säkulare Kollegen. «Das war weniger kompliziert», sagt Keller. Mit der Buntheit eines Klassenzimmers können Homeschool-Gruppen nicht mithalten.

Wille zur Selbsthilfe

In gewisser Weise ist das Erstarken des Hausunterrichts wunderbar amerikanisch: Wer das Standardangebot des Staates nicht mag, der startet keine Beschwerdepetition, sondern wird selber tätig. Der Wille zur Selbsthilfe ist eine Tugend in den USA. Aus Sicht des Staates allerdings sind die steigenden Zahlen ein Misstrauensvotum. Ob christlich oder anderweitig orientiert: Homeschool-Eltern halten ihre Kinder für zu kostbar, um sie dem Normalsystem zu überlassen. Zu flach, zu grob, zu desinteressiert: Der Ruf der Volksschule ist miserabel. Die Ernüchterung mit dem Staat und seinen Institutionen, die Hausunterricht einst nur zum Anliegen einer radikalen Aussteigerminderheit machte, findet sich heute in Hunderttausenden Haushalten.

Der republikanische Lokalpolitiker Mark Gillen möchte den Rückzug in die eigenen vier Wände dennoch nicht als Angriff verstanden wissen. «Wir sind nicht gegen den Staat und bezahlen auch gern weiter unsere Steuern, sodass die Schule der anderen damit finanziert werden kann», sagt der Vater vier daheim unterrichteter Töchter. Auch finanzielle Unterstützung durch den Staat, wie sie gewisse Privatschulen erhalten, brauche seine christliche Homeschool-Gruppe nicht. Am liebsten wäre Gillen, die Behörden würden ihn und seine Freunde einfach in Ruhe lassen. Eben hat er im Staat Pennsylvania ein neues Gesetz durchgebracht, das die Aufsicht über Selbstunterrichter reduziert.

Pennsylvania hatte bis vor kurzem eines der strengsten Homeschool-Gesetze des Landes. Eltern, die ihre Kinder daheim behielten, mussten nicht nur die Behörden darüber informieren, sondern jedes Jahr Leistungsnachweise erstellen, die von zwei Stellen begutachtet wurden: einem anerkannten Prüfer sowie, im Sinne einer Schlusskontrolle, von der Schulbehörde selbst. Gillens Gesetzesänderung streicht nun diesen letzten Teil. Ähnliche Kampagnen zur Aufsichtsminderung gibt es auch in anderen US-Staaten, oft wirkt die Lobbyinggruppe Homeschool Legal Defense Association mit. Von einer «systematischen Schwächung» der bestehenden Gesetze spricht Rachel Coleman, die einen landesweiten Verein für «verantwortungsvolle Homeschooler» führt. Sie hält die Entwicklung für ­fatal: Gerade in einer Zeit, da immer mehr Kinder daheim unterrichtet würden, sei es gefährlich, den Behörden den Weg zu diesen Kindern zu erschweren. Die Aussperrung des Staates schaffe Raum für Missbrauch und Vernachlässigung: «Nicht alle Eltern sind für den Hausunterricht geeignet», sagt Coleman.

Auch beim Thema Homeschooling gelangt man zu einem Disput, der die USA derzeit in allen Lebensbereichen beschäftigt: zum Streit um die richtige Balance von Freiheit und Sicherheit. Ob NSA-Spionage oder Waffengesetze – dem einen ist der Staat zu übergriffig, dem anderen nicht wachsam genug.

Dass der Hausunterricht Gefahren birgt, bestreitet niemand. In der Hauptstadt Washington nahm vor acht Jahren eine geistig verwirrte Frau ihre vier Kinder von der Schule, um sie daheim zu unterrichten – ein paar Monate später waren alle tot. Die Behörden reagierten mit einer drastischen Verschärfung der Gesetze: Neu sollte das Schulamt alle Homeschool-Familien prüfen und sogar die Unterrichtsräume begutachten. Doch damit stiessen sie auf Widerstand: «So läuft das nicht in Amerika», sagt Ethan Reedy, der seine Familie als «traditionell evangelikalisch» bezeichnet. Der Staat habe kein Recht, die privaten Räume seiner Bürger zu durchsuchen. Bei aller Sorge um die Kinder müsse sich die Regierung an die Verfassung halten: «Bei uns wird im Verdachtsfall ermittelt, nicht vorbeugend», sagt Reedy. Der ad hoc gegründete Homeschool-Lokalverband, dem Reedy vorsteht, zerpflückte den Gesetzesentwurf.

Über die rigorose Schulbesuchspflicht in Europa können sich amerikanische Homeschooler oft nur wundern. Die Geschichte des schwäbischen Klavierlehrers, dessen Kinder von der Polizei zur Schule geschleppt wurden und der deshalb nach Tennessee floh und Asyl beantragte, ist hier bekannt. «In den USA wäre das undenkbar», sagt Ethan Reedy. Für sein Recht auf Hausunterricht würde er auf die Barrikaden gehen: «Der Staat ist nicht für die Ausbildung unserer Kinder verantwortlich. Wir sind es.» Ohne Schule kann diese Verantwortung schwer wiegen. Alle Homeschooler wissen um Familien, die ins Schleudern geraten sind oder aufhören mussten. Der Aufwand ist enorm und bleibt meistens an der Mutter hängen – nicht nur in den christlichen ­Familien. Kelly Keller wollte eigentlich ­zurück an die Uni, doch als sie die Be­gabung ihres Sohns erkannt habe, sei ihr klar gewesen, dass dies ihre Aufgabe sei: «Ich wollte zu 100 Prozent dafür sorgen, dass es meinen Kindern gut geht.»

In jüngster Zeit wird allerdings auch dieser Aspekt des Homeschoolings vermehrt hinterfragt. «Wie man arbeiten und trotzdem daheim unterrichten kann», heisst ein erfolgreiches Büchlein der Bloggerin Pamela Price. Niemand müsse im 21. Jahrhundert ganz auf Karriere verzichten, um den Kindern daheim die bestmögliche Ausbildung zu vermitteln. Manche Eltern nutzen die Lernverbände, um einer Teilzeitarbeit nachzugehen. Andere arrangieren sich mit Babysittern: Die Juristin Jennifer Kulynych etwa ist zwei Tage die Woche im Büro, die Nanny lernt daheim mit der Tochter, fährt sie in den Geigenunterricht und in den Schwimmclub. Allerdings bleibe sie auch im Büro oft Lehrerin, sagt ­Kulynych; über das Netzwerkprogramm One-Net könne sie am Computer mitverfolgen, wie sich ihre Tochter durch den Schultag arbeite, welche Posten sie er­ledigt habe. «Ich kann auch schnell mit einer E-Mail reagieren, wenn sie ­irgendwo stecken bleibt», sagt Kulynych.

Miles und Porter haben ihre Rechenaufgaben weggelegt; die Sache mit den Volt wird in der nächsten Stunde geklärt. Nun sitzen die Zwillinge auf dem Boden und blättern in ihren Leistungsordnern, lesen dem Besucher stolz aus Aufsätzen vor und zeigen Zeichnungen her. Wenn sie das wollen, sagt ihre Mutter, können die beiden später auf die Highschool wechseln. «Kein Problem.» Bis dahin aber werde sie die Schulzeit zu Hause geniessen. «Dieses Leben im eigenen Rhythmus, das passt uns allen gerade gut.» Miles springt auf. Das ­Nudelwasser kocht.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 26.02.2015, 06:08 Uhr)

Porter löst gerade Mathematikaufgaben. Zu Hause wird ihm auch Rechtschreibung und Literatur vermittelt. Sport- und Theaterunterricht finden ausser Haus statt. Fotos: Stephen Voss

Heimunterricht für über 500 Kinder

Je nach Kanton gelten ganz unterschiedliche Regelungen für Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten wollen.

Anders als in Deutschland ist Homeschooling in der Schweiz grundsätzlich erlaubt. Schulpflicht, so die Haltung, ist nicht gleichbedeutend mit Schulbesuchspflicht. Derzeit sind es mindestens 500 Kinder, die zu Hause unterrichtet werden – sei es, weil die Eltern unzufrieden mit der Schule sind, selber schlechte Erfahrungen gemacht haben oder glauben, es besser zu können als die Lehrer. Andere sind religiös, machen einen langen Schulweg geltend oder leben als Expats nur für kurze Zeit in der Schweiz.

Je nach Kanton sind die Regelungen des Homeschoolings ganz unterschiedlich ausgestaltet: Meistenorts bedarf der Heimunterricht einer Bewilligung, in anderen besteht Meldepflicht, so etwa in Zürich. Dort muss der Unterricht von einer Person mit abgeschlossener Lehrerausbildung erteilt werden, wenn er länger als ein Jahr dauert. Lehrplan und Lernziele müssen erreicht werden, jedes Jahr wird die Qualität des Unterrichts überprüft. Auch diverse andere Kantone verlangen ein Lehrerpatent, gewisse gar für die entsprechende Altersstufe, wie beispielsweise Glarus und Luzern. Noch striktere Auflagen gibt es etwa in Obwalden und Thurgau, wo Bewilligungen nur bei triftigen Gründen und für eine befristete Zeit gewährt werden. Auch der Kanton St. Gallen lässt privaten Einzelunterricht nur sehr zurückhaltend zu.

St. Gallen äussert in seinem «Merkblatt Privater Einzelunterricht» die Sorge, dass beim Homeschooling die Erziehung zu gemeinschaftsfähigen Menschen zu kurz kommen könnte. Dieser Befürchtung widerspricht der Verein Bildung zu Hause (BzH). Verschiedene Studien stellten fest, dass Homeschooling die Kinder in den verschiedenen schulischen Funktionen in ebenso gutem Masse befähigt wie die Volksschule. «Wir finden unter den Schulabgängern keine Sozialhilfebezüger, Kriminelle, Links- oder Rechtsextreme», heisst es in einer nationalen BzH-Studie, «im Gegenteil: Solide, vielfältige, interessante und bemerkenswerte Berufslaufbahnen sind eingeschlagen worden.»

Viele Homeschoolers in Bern

Als liberal gelten Bern, Appenzell Ausserrhoden, Aargau und die Westschweiz. Im Aargau bekräftigte der Regierungsrat soeben die geltende Homeschool-Praxis. Er äusserte sich ablehnend zu einem Postulat der CVP-Grossrätin Marianne Binder, die strengere Kontrollen gefordert hatte. Im Vergleich zum Aufwand sei der Nutzen von mehr und unangemeldeten Hausbesuchen durch das Schulinspektorat gering, meinte der Regierungsrat, dasselbe gelte für obligatorischen Leistungschecks. Das Homeschooling betrifft im Aargau nur 97 Schülerinnen und Schüler.

Im Kanton Bern werden rund 240 Kinder zu Hause unterrichtet, damit stellt der Kanton die Hälfte aller Schweizer Kinder, die daheim zur Schule gehen. Ihre Eltern müssen seit 2008 von einer «pädagogisch ausgebildeten Person» angeleitet werden, wie es im Berner Volksschulgesetz heisst. Das können beispielsweise Nachbarn oder Verwandte sein, die über ein Lehrerpatent verfügen. Das Schulinspektorat besucht die Familien mindestens alle zwei Jahre.

Laut Willi Villiger vom Verein Bildung zu Hause nimmt das Interesse an Homeschooling stetig zu. Während in den Anfangsjahren der Bewegung in der Schweiz vor allem weltanschauliche Gründe zum Entscheid für Hausunterricht motiviert hätten, seien es heute «eher die Freilerner, die das Bild der Bewegung prägen». Laut Villiger sind jüngst viele junge Familien zum Verein gestossen, die «die natürliche Lernfreude ihrer Kinder unter allen Umständen erhalten wollen». Simone Rau und Vincenzo Capodici

Bildstrecke

Homeschooling im Kanton Bern

Homeschooling im Kanton Bern Rund 500 Kinder werden in der Schweiz zu Hause unterrichtet. 241 davon im Kanton Bern. (16.7.2014)

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