Nach der Matura Karriere bei einer Versicherung oder Bank machen

Viele Mittelschulabgänger verzichten direkt nach dem Gymnasium auf ein Hochschulstudium. Unternehmen erleichtern ihnen den Einstieg in die Arbeitswelt.

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Kevin Hugglers Bankkarriere begann mit einem Studienabbruch. Nach drei Semestern Rechtswissenschaft hatte er genug. «Die Ausbildung war mir zu theorie­lastig, ich wollte mehr Praxisbezug», sagt er. Er bewarb sich bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) für das 18-monatige Programm «Bankeinstieg für Mittelschulabsolventen» (BEM), das er diesen Sommer abschliessen wird. Kevin Huggler lernte das Handwerk in verschiedenen Filialen und Abteilungen kennen und besuchte für den bankfachlichen Unterricht das Kompetenzzentrum für modernes Lernen der Schweizer Banken (CYP). Während des Praktikums verdient er 3000 Franken pro Monat. Die ZKB hat ihm bereits eine Festanstellung zugesichert. Als Junior Trainee Kundenbetreuung wird er eine weitere interne Weiterbildung absolvieren. «Ich habe den Studienabbruch keinen Moment bereut», sagt der 23-Jährige. Später will er an einer Fachhochschule berufsbegleitend Banking and Finance belegen.

«Die Ausbildungsprogramme der Banken sind beliebt», sagt Simone Jeker vom CYP. «Wir bilden pro Jahr rund 1000 Mittelschulabgänger aus, Tendenz steigend.» Die Absolventen schliessen mit einem Zertifikat der Schweizerischen Bankiervereinigung ab. Nach dem Praktikum stehen ihnen attraktive Laufbahnmöglichkeiten offen. Sie können an einer Fachhochschule oder einer höheren Fachschule studieren, sich zum Beispiel zum diplomierten Bankwirtschafter HF ausbilden lassen. Oder sie nehmen ein Universitätsstudium in Angriff. Bei der Stellensuche sind sie später gegenüber anderen Hochschulabsolventen dank ihrer Berufserfahrung im Vorteil.

Berufsbegleitendes Studium

Fast jeder vierte Mittelschulabgänger wählt eine nicht universitäre Ausbildung. Einige studieren nach einem Praktikum an einer Fachhochschule. Andere durchlaufen ein ein- bis zweijähriges Einstiegsprogramm für Maturitätsschulabsolventen. Vor allem Banken und Versicherungen bieten solche Programme an. Sie interessieren sich für die gut ausgebildeten Nachwuchstalente.

Praktikumsstellen gibt es auch in anderen Branchen. Hier einige Beispiele: Die Kaderschule Zürich führt eine postmaturitäre Wirtschaftsausbildung (PWA) durch. Die Absolventen besuchen während sechs Monaten die Kaderschule, wo sie Fächer wie Betriebs- und Volkswirtschaft, Rechnungswesen, Englisch und Französisch belegen. Danach arbeiten sie während 18 Monaten in einem Unternehmen. Anbieter dieser Praktika sind neben Banken und Versicherungen auch Treuhand- oder Informatikfirmen sowie die öffentliche Verwaltung. Die Schweizerische Post bietet ein einjähriges kaufmännisches Praktikum für Mittelschulabsolventen an. Die 18-monatige Ausbildung zum Versicherungsassistenten VBV des Berufsbildungsverbandes der Versicherungswirtschaft richtet sich ebenfalls an Leute mit Matura. Einen direkten Berufseinstieg für Maturitätsschulabgänger bietet Skyguide mit der bezahlten zweieinhalbjährigen Aus­bildung zum Flugverkehrsleiter.

«Als Hochschulabgänger bekommt man nicht gleich seine Wunschstelle, weil die Berufserfahrung fehlt», sagt ­Dominik Locher. Er hat das Wirtschaftsgymnasium besucht, legte ein Zwischenjahr mit Jobben und Reisen ein und absolvierte dann die postmaturitäre Wirtschaftsausbildung mit einem Praktikum bei der Zurich-Versicherung, wo er heute noch arbeitet. «Ich erhielt einen umfassenden Einblick ins Versicherungsgeschäft und konnte mir innerhalb des Unternehmens ein Netzwerk schaffen», sagt Locher. «Ohne diese Kontakte hätte ich den Job als Business-Development-Manager nicht bekommen.»

Locher sagt, er habe einen Traumjob. Der 23-Jährige betreut Vertriebspartner der Zurich-Versicherung aus den Bereichen Automotive und Retail. Er möchte gern studieren, ohne den Beruf aufzu­geben. Seine Arbeitgeberin ermöglicht Dominik Locher, im nächsten Jahr an der HWZ (Hochschule für Wirtschaft Zürich) berufsbegleitend Kommunikation zu studieren.

«ETH kam nicht infrage»

Mit einer gymnasialen Maturität kann man auch eine verkürzte Berufslehre absolvieren. Die Lernenden werden meist vom allgemeinbildenden Unterricht dispensiert. Speziell auf Maturitäts­schul­absolventen zugeschnitten ist «Way-up», eine zweijährige Ausbildung, die mit dem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis abschliesst. Way-up gibt es in den folgen­den Berufen: Automatiker, Elektroniker, Informatiker, Konstrukteur und Poly­mechaniker.

Christoph Lendenmann (22) absolviert eine solche Way-up-Ausbildung. Sie ist für ihn attraktiv, weil er in nur zwei Jahren den Abschluss Poly­mechaniker erlangt und gleichzeitig die formalen Voraussetzungen für ein anschliessendes Fachhochschulstudium erfüllt. «Ein theorielastiges ETH-Studium kam für mich nicht infrage», sagt Lendenmann. Normalerweise durch­laufen Way-up-Absolventen eine ein­jährige Grundausbildung in einem Lernzentrum. Das zweite Jahr arbeiten sie in einem Unternehmen. Christoph Lenden­mann absolviert beide Jahre im Ausbildungsunternehmen Libs. In der Basisausbildung lernte er unter anderem fräsen, drehen, bohren und computergestützte Fertigungstechniken. Im zweiten Jahr unterstützt er den Produktions­leiter und arbeitet an Projekten. Auf das Fachhochschulstudium fühlt sich Lendenmann bestens vorbereitet. www.swissbanking-future.ch (Bank­einstieg für Mittelschulabsolventen); www.kszh.ch (postmaturitäre Wirtschaftsausbildung); www.way-up.ch (zweijährige Ausbildung mit Berufsabschluss). (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2015, 17:37 Uhr

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