Wo Schüler machen, was sie wollen

Besuch in der Privatschule, in der Kinder und Jugendliche das tun können, was sie wirklich tun möchten. Wie das?

In der Villa Monte gibt es keine Aufgaben, keine Prüfungen und Noten. Trotzdem lernen die Kinder – auf die Art, die ihnen entspricht. Foto: Beat Streuli

In der Villa Monte gibt es keine Aufgaben, keine Prüfungen und Noten. Trotzdem lernen die Kinder – auf die Art, die ihnen entspricht. Foto: Beat Streuli

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«Wenn ich nur darf, was ich soll, aber nie kann, wenn ich will, dann mag ich auch nicht, wenn ich muss. Wenn ich aber darf, wenn ich will, dann mag ich auch, wenn ich soll, und dann kann ich auch, wenn ich muss. Denn die können sollen, müssen wollen dürfen.»

Spruch von unbekannt, über dem Telefontisch in der Villa Monte

«Schon vier Uhr? Shit, Mann!» Die 7-jährigen Buben sitzen auf dem Boden in einer Ecke, jeder balanciert eine Sanduhr auf der Handfläche. Seit Minuten beobachten die beiden, wie lange es dauert, bis der Sand in den unterschiedlich grossen Uhren vom oberen Glaskolben in den unteren rieselt. Gerade haben sie eine Wette abgeschlossen, welche Körnchen den Weg durch die Verengung schneller schaffen und wann sie welche Uhr drehen müssen, damit beide zur selben Zeit oben leer und unten gefüllt sind.

Doch nun hupt der Schulbus schon zum zweiten Mal, und in zehn Minuten fährt der Zug. Zu allem Übel ist auch noch Freitag. Eine Woche zuvor ist die Schulleiterin von einem Mädchen gefragt worden: «Rosie, leihst du mir deinen Schlüssel?» Die 9-Jährige wollte mit ihren Freundinnen auch am Wochenende in die Schule kommen.

«Die Villa Monte ist eine staatlich bewilligte Privatschule, deren Unterricht sich nach der Philosophie von Maria Montessori und Rebeca Wild richtet und der Aufsicht des Kantons Schwyz unterliegt. Der Erfolg der Schule zeigt auf, dass auch auf unkonventionellem Weg ein erfolgreicher Schulabschluss möglich ist.»

Auszug aus dem Evaluationsbericht des Bildungsdepartements Kanton Schwyz

Kurz nach acht Uhr ist kein Halten mehr. Kaum sind die Türen des Schulbusses aufgeschoben, stürmen Klein und Grösser den Hügel hinauf ins Haus. Schuhe aus, Finken an, Jacke an den Haken, rein in die Stiefel. Dringend muss Unkraut gejätet, müssen neue Setzlinge gesteckt werden. «Das ist meine Palme», erklärt ein Knirps einem noch Kleineren, «und hier lag im Herbst mein Kürbis.» – «Und diese weisse Blume?» «Ich glaube, das ist eine Silberzwiebel.» In der Puppenstube wird Teewasser aufgesetzt, zwei Primarschüler rätseln, ob eine Avocado eine Frucht oder ein Gemüse sei, und im Nähzimmer rattern die Maschinen. «Komm, wir nähen ein T-Shirt», schlägt eine Primarschülerin ihrer Kollegin vor. «Weisst du, wie das geht?» «Ja, ich zeig es dir, du musst den Stoff doppelt legen, weil du ja vorne und hinten brauchst.» «Okay, komm wir machen ein bauchfreies.»

«Die Schul- und Lebensphilosophie: Miteinander und voneinander lernen. Das lernen, wozu man gerade Lust hat. Zeit haben, sich selber, andere und die Umwelt wahrzunehmen. Stressfrei. Mit 16 Jahren spüren die Jugendlichen schliesslich den Drang, ihre spezifischen Fähigkeiten in einer Lehre oder in einem Weiterstudium zu entwickeln. Die Tüchtigkeit und der Erfolg im Berufsleben bestätigen die aussergewöhnliche Lernart in der Villa Monte.»

Jeder Gegenstand pädagogisch durchdacht

Das Haus allein stehend auf einem Hügel, Weitsicht in die Linthebene. Auf der einen Seite Wald, auf der anderen Obstbäume, Blumen- und Gemüsegärten der Kinder, Fussballfeld, Schopf, Pergola, zwischen Blumenrabatten ein altes Holzschiff. Jedes Zimmer ein Paradies. Sorgsam eingerichtete Spiel- und Lernecken, pädagogisch durchdacht jeder Gegenstand. Alles immer aufgeräumt, geputzt, sortiert, vollständig. Nach Schulbänken und Wandtafeln sucht man ebenso vergebens wie nach Frontalunterricht. Pro Stockwerk eine Kindergruppe, pro Kindergruppe mindestens eine erwachsene Pädagogin, Praktikantin oder Lehrperson. Im Parterre die Kleinsten ab drei Jahren, im ersten Stock die Primarschüler, unter dem Dach die Sekundarschüler. Ein Leiterpaar, das im Nebenhaus wohnt und sich mit grosser Hingabe der Schule und ihren Kindern widmet. Die Erwachsenen sind einfach da, beantworten Fragen, räumen auf, helfen da und dort, wenn es allein nicht geht. Kaum wird gelobt, selten wird getadelt, nie wird gestraft. Es gibt keine Aufgaben, keine Prüfungen, keine Noten. Die Hausregeln sind auf drei Punkte beschränkt: auf den respektvollen Umgang miteinander, das Einhalten von Ordnung und einen nicht zu überschreitenden Aktionsradius um das Haus.

«Alle Schüler bekunden, dass sie bei Bedarf volle Unterstützung durch die Erwachsenen erhalten. Die Villa-Monte-Schüler lernen jedoch hauptsächlich voneinander.»

Auf der Veranda geben sich drei Buben und ein Mädchen ein Federball-Doppel, zwischen alten Buchen schaukelt ein Teenager in einer Hängematte, im zweiten Stock spielt jemand die «Mondscheinsonate», am Tisch nebenan lösen zwei 9-Jährige mit bunten Murmeln auf einem Holzbrett die Multiplikation 1234 x 2345. Auf dem Vorplatz üben zwei Mädchen rückwärts Einrad fahren, eine 4-Jährige zupft Unkraut zwischen den Terrassenplatten. Unter den ausladenden Ästen eines Ficus spielen zwei Primarschüler Schach, in der Kinderpost hämmert ein Bube auf die Schreibmaschine, «Stopp!», ruft einer der Schachspieler, «sonst gibts ein Chaos»; nun klappert es gleichmässig.

Coiffeursalon im Treppenhaus

Ein Bub spielt hingebungsvoll Tonleitern auf einem Xylofon, dann Arpeggien und steckt am Ende die Schläger sorgsam in die beiden dafür vorgesehenen Halter zurück. Eine 7-Jährige schneidet ihrer Kollegin einen Kaugummi aus den Haaren; daraufhin hüpft die Blonde ins Treppenhaus, wo auf einem Zwischenabsatz ein Coiffeursalon eingerichtet ist. Ihre Freundin wäscht ihr die Haare, die Lockenschere ist bereits eingesteckt. In der Zauberecke verreibt ein Bub Samen und tote Insekten. Zwei 4-Jährige üben Zahlenzählen. «Bis wie lange kannst du zählen?» «Bis 3 Millionen 30 und 2 und 100.»

Eine Sekundarschülerin torkelt, in ihr Buch versunken, durchs Treppenhaus Richtung Toilette; 20 Minuten später ist das Bad wieder frei. In einer Spielecke mit Hunderten Plastiktieren, Elfen, Feen, Rittern, Steinen, Blumen, Hölzern, Bäumen baut ein Mädchen an seiner Fantasiewelt. Auf einem rosa Podest thront ein Einhorn, Schweine futtern Glitzersteine, Hasen hoppeln über rote Glasmurmeln.

«Auffallend viel wird handelnd entdeckt und weiterentwickelt, auch in der Mathematik und im Deutsch. Das beeindruckt am meisten.»

Auf dem Sofa liest ein Mädchen zwei kleineren Buben aus dem «Juwelenschlumpf» vor. Konzentriert schreibt eine Primarschülerin in ihr Tagebuch: «Libes Buk, ik gehe hoite nikt ins turnen.» Mit erhobenem Finger erklärt eine Kindergärtnerin ihren Freundinnen: «Du bist ein Menschenbaby und du ein Katzenbaby, und ich bin die Baby-Katzen-Menschen-Mutter. Ich muss jetzt einkaufen gehen, und ihr dürft in der Sonne spielen, aber nicht zu lange, sonst gibt es einen Stromschlag.»

Das Menü vom Vortag

Ein 5-Jähriger zerkleinert Müsliflocken in einer Mühle, träufelt Honig darüber und giesst sich Holunderblütensirup in ein Glas. Nebenan tragen Sekundarschülerinnen Einkaufstaschen in die Küche. Gestern haben sie das Menü festgelegt. Die Mutter eines Kindes, die in der Küche mithilft und heute Einkaufsfahrdienst hat, weiss noch nicht, was mittags auf dem Tisch stehen wird. In den Taschen türmen sich Wassermelonen, Butter, Bananen, Tomaten, Senf, Mayonnaise, Honig, Salat, Brot, Philadelphia, Konfitüre, Olivenöl, Blätterteig, Spinat.

«Die Selbst-, Sozial- und Sachkompetenz stehen sich gleichwertig gegenüber.»

Es herrscht unorganisierte Ordnung, es ist ein Rausgehen, Reinkommen, Rucksackpacken, spontanes Picknick-Zusammenstellen, ein Gewusel, Stimmengewirr, hier lautes Lachen, dort konzentrierte Ruhe. Keine Schreierei, kaum eine Rauferei, ein Miteinander, Nebeneinander und Aufeinandereingehen; alles fügt sich. «Wir vertrauen unseren Kindern», sagt die 62-jährige Gründerin und Leiterin Rosmarie Scheu, «wir glauben, dass alle ihren Weg finden.» Von morgens bis abends sind die Augen und Ohren der Erwachsenen überall, sie wissen stets, wo welches Kind ist und was es tut.

«Alle Schüler(innen), Lehrpersonen und Eltern bestätigen, dass Gewalt an dieser Schule nicht vorkommt. Vielleicht liegt es daran, dass die Lernenden zu nichts gezwungen werden und sie ihren Schultag frei planen und gestalten können.»

Freude am Wissenwollen und Neugierde führen dazu, dass am Ende der Schulzeit alle lesen, schreiben, rechnen können. Sie lernen es auf die Art, die ihnen entspricht. Vor allem aber wissen alle, was Selbstbestimmtheit, Selbstständigkeit, Glücklichsein und Freude heisst. An einer Wand hängen Fotos der Ehemaligen und Kurzbeschriebe, was sie heute tun: Software-Entwickler, Hip-Hop-Musiker, Metallbauzeichner, Sekretärin, Ingenieur ETH Materialwissenschaften, Kosmetikerin in Barcelona, Schreiner, Golflehrer, Koch, Betriebstechniker, Tänzerin in Amsterdam, Allrounder in einer Autogarage, Informatiker, Lehrer Drucktechnologie, Floristin, Psychologiestudentin, Grafikerin, Buchhändlerin bei Orell Füssli.

«Alle in dieser Schule sind überzeugt und glücklich, dass sie hier in der besten Schule zusammen leben und lernen dürfen.»

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 25.03.2014, 21:40 Uhr)

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Die Villa Monte ist eine staatlich bewilligte Privatschule in Galgenen und unterliegt der Aufsicht des Kantons Schwyz. 1983 hat die Pädagogin Rosmarie Scheu die Institution gegründet, seit 1991 leitet sie die Schule zusammen mit ihrem Partner Hendrik Kool. Ihr wichtigster Grundsatz lautet: «Jeder weiss es für sich.» Auf der Philosophie der italienischen Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori basierend, hat Rosmarie Scheu eine Schule geschaffen, in der Alltag, Räume und Umgebung so gestaltet sind, dass Kinder und Jugendliche in Freiheit nach ihrem eigenen inneren Entwicklungsplan wachsen und lernen können. 1995 erhielt die Villa-Monte-Schule die definitive Bewilligung der Primarstufe durch den Kanton Schwyz, 2000 folgte die definitive Bewilligung der Sekundarstufe. Heute besuchen knapp 100 Kinder und Jugendliche zwischen 3 und 17 Jahren die Schule. Zahlreiche Rückmeldungen der inzwischen rund 60 ehemaligen Schülerinnen und Schüler zeigen, dass sie in ihrem Leben bestens zurechtkommen. (U. E.)

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