Was der Tsunami zerstörte, treibt jetzt nach Hawaii und Kalifornien

Die Naturkatastrophe in Japan hinterliess Millionen Tonnen Bauschutt, Schrott und Müll. Forscher haben berechnet, wie sich dieser Abfall im Pazifik verteilt.

Minamisanriku war ein mittelgrosser Ort im Norden Japans. Der Tsunami riss grosse Teile davon ins Meer. Foto: AP, Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ganze Flugzeuge, Boote, Autos, Häuser. Möbel, Maschinen, Elektrogeräte. Farben, Medikamente, Putzmittel, Pestizide, Treibstoff. Bücher, Spielzeug, Holz. Was immer man sich an Alltags-, Industrie- oder Landwirtschaftsgegenständen vorstellen kann – der Tsunami in Japan hat sie im März ins Meer gespült. «Die genaue Menge lässt sich nicht feststellen», sagt Nikolai Maximenko. «Aber wir schätzen, dass nach dem Tsunami zwischen 1 und 10 Millionen Tonnen Müll vor der Küste Japans im Meer schwimmen.» Hinzu kommt die radioaktive Verseuchung des Wassers aus den zerstörten Reaktoren bei Fukushima, die nichts wiegt, aber ebenso besorgniserregend ist.

Maximenko, ein Experte für Meeresströmungen, hat zusammen mit seinem Kollegen Jan Hafner an der Universität von Hawaii eine Computersimulation entwickelt, welche die Verteilung dieses Mülls im Pazifik berechnet. Nach einem Jahr, so sagen sie voraus, werden erste Müllteile Strände von Hawaii erreichen, nach zwei bis drei Jahren kommt der Dreck an der Westküste der USA und von Kanada an.Den Strömungen folgend, wird ein Teil des Mülls bis Mexiko im Süden und Alaska im Norden kommen. Die grösste Menge des schwimmenden Abfalls wird aber im grossen Strudel des Nordpazifiks etwa 2000 Kilometer nördlich von Hawaii landen – und von dort erneut Kurs auf die legendären Strände des Surferparadieses nehmen. «Die grösste Beeinträchtigung können wir in etwa fünf Jahren erwarten», meint Maximenko.

Ein Strudel aus Abfall

Maximenko gehört zu den führenden Experten für die sogenannten Müllstrudel in den Weltmeeren. Dutzende von Bojen treiben auf den Meeren und übermitteln ihre Position an Forscher. Aus diesen Daten haben Maximenko und andere ihre Computersimulationen entwickelt. Deren Vorhersagen sind inzwischen mehrfach von Expeditionen vor Ort bestätigt worden. Aufgrund der vorherrschenden Winde und Meerestemperaturen sammelt sich alles, was auf dem Meer treibt, mit den Jahren in riesigen kreisförmigen Strömungen im Norden und Süden des Pazifiks und des Atlantiks und im Süden des Indischen Ozeans.

Bis der Tsunami-Müll im Strudel des Nordpazifiks landet, wird er aber kaum noch wiederzuerkennen sein. Im Laufe der Zeit werden mitgerissene Schiffe, Autos oder Flugzeuge auf den Meeresboden sinken. Holzteile werden durch die Wellen gegeneinander geschlagen und zersplittern. Selbst Plastik wird durch den Einfluss von Sonne und Wasser zerkleinert.Meeresvögel, Fische und Schildkröten fressen kleinere Plastikteile. Nicht selten führt das zu Verdauungsproblemen, oft sterben die Tiere daran. Womöglich noch gefährlicher sind allerdings die kleinsten Plastikstücke, die nur noch mit dem Mikroskop zu erkennen sind. Sie sind so klein wie Plankton und werden etwa von Krebsen oder von Muscheln und Schnecken aufgenommen. Im Inneren des Organismus setzen sie dann Schadstoffe frei, die auf diesem Weg in die Nahrungskette gelangen.

20 Millionen Tonnen Müll

Eine ganze Reihe von Giften ist aber auch direkt im Meer gelandet. «Internationale Bestimmungen verbieten die Entsorgung von Müll in den Ozeanen», schreibt die französische Umweltorganisation Robin des Bois. «Aber die Naturmacht dieser Katastrophe hat eine gigantische ‹Entsorgung› ausgelöst.» An Land hätten Erdbeben und Tsunami einen Müllberg von etwa 20 Millionen Tonnen produziert, berechnet die Gruppe, die ihr Augenmerk auf die Folgen von Naturkatastrophen legt. Zum Vergleich: Hurrikan Katrina hat in den US-Bundesstaaten Louisiana, Alabama und Mississippi 90 Millionen Tonnen Bauschutt, Schrott und Müll hinterlassen.

Dass Japan ein hochentwickeltes Land ist, ist dabei besonders problematisch. «Je reicher ein Land ist, desto vielfältiger, gemischter und toxischer sind seine Abfälle», meint Robin des Bois. Besonders gefährlich seien elektrische Geräte wie Computer, Kühlschränke oder Klimaanlagen. «Sie enthalten gefährliche Chlor- und Bromverbindungen, die in die Nahrungskette gelangen.» Auf diesem Weg könnten diese Gifte auch in den Körpern von Menschen landen.

Radioaktive Isotope im Meer

Das gilt auch für die radioaktiven Stoffe, die aus dem Atomkraftwerk Fukushima in den Pazifik geströmt sind. Verlässliche Angaben über deren Menge gibt es nicht. Aber die Betreiberfirma Tepco und die japanische Regierung haben bei ihren Messungen vor der Küste wiederholt eine Konzentration radioaktiver Isotope im Meerwasser festgestellt, die um ein Vielfaches über den erlaubten Werten lag. Inzwischen sind diese Werte wieder unter die zulässigen Obergrenzen gesunken.

Noch genauer will eine US-amerikanische Forschergruppe die Radioaktivität im Meer beobachten. Im Juni war ein Forschungsschiff aus Hawaii mit Wissenschaftlern vom Woods-Hole-Ozeanografischen-Institut aus Boston vor der japanischen Küste unterwegs. «Es ist besonders wichtig, möglichst frühzeitig Daten über die radioaktive Verseuchung im Wasser und in den Meeresorganismen zu sammeln», sagt Ken Buesseler, Leiter der Expedition. «Nur so können wir deren langfristige Bedeutung für die öffentliche Gesundheit einschätzen.» Bisher wisse niemand genau, wie schnell und wie weit die langlebigen radioaktiven Isotope in die Nahrungskette gelangen.

Ungewisse Zukunft

Zwar ist die Konzentration solcher Isotope im Meer bei Fukushima inzwischen wieder so niedrig, dass direkte Gesundheitsfolgen nicht zu erwarten sind. Aber niemand weiss genau, ob sich diese Isotope etwa im Meeressand oder in bestimmten Organismen ansammeln und langfristig dennoch Schäden verursachen.

Die Experten haben im Meer in Sichtweite von Fukushima und bis zu 200 Kilometer entfernt mehr als 1500 Proben gesammelt, darunter Wasser aus grosser Tiefe, Fische und Krebse. Deren Analyse in Laboren rund um die Welt wird allerdings noch Monate in Anspruch nehmen. «Bis wir mit einer gewissen Sicherheit sagen können, was aus diesen Isotopen im Ozean wird und wie sie sich auf die Umwelt im Meer auswirken», warnt Buesseler, «werden noch Jahre und Jahrzehnte vergehen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.07.2011, 10:14 Uhr

Artikel zum Thema

Street View zeigt Tsunami-Schäden

Google will anhand der zerstörten Region Tohoku im Nordosten Japans die Zerstörungskraft des Tsunamis dokumentieren. Mehr...

Die immensen Kosten der Katastrophe

Die japanische Regierung hat berechnet, wie teuer das Erdbeben und der darauf folgende Tsunami das Land zu stehen kommen. Das AKW-Fukushima bleibt jedoch auch im finanziellen Sinn unberechenbar. Mehr...

Blogs

Mamablog Wie viel Nacktheit darf sein?

Sweet Home Kalte Küche für heisse Tage

Abo

Digitale Abos - Neu ab 18.- pro Monat

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Jetzt neu ab 18.- CHF pro Monat.

Die Welt in Bildern

Infiltriert: Mitten in einem Weizenfeld im Südwesten Russlands streckt eine Sonnenblume ihren Kopf heraus. (19. Juli 2017)
(Bild: Eduard Korniyenko) Mehr...