Leben

«Wer offen und aktiv ist, wird einen neuen Zugang zum Lernen finden»

Der «Tages-Anzeiger» startet einen einjährigen Selbstlehrgang zum Thema Lernen. Die Kursleiterin sagt, worauf es ankommt.

Bestsellerautorin Verena Steiner weiss, wie Lernen Freude macht.

Reto Oeschger

In der Jugendzeitschrift «Bravo» erteilt Dr. Sommer Ratschläge für ein besseres Sexleben. Machen Sie nun dasselbe für Studierende, die besser lernen wollen?

Sie haben einst Biochemie studiert. Wie wurden Sie zur Fachfrau fürs Lernen?
Der deutsche Biochemiker Frederic Vester, der in den 70er-Jahren mit seiner TV-Serie und dem Buch «Denken, Lernen, Vergessen» die biochemischen und biologischen Grundlagen des Lernens populär machte, hat mich mit seinem Ansatz schon sehr inspiriert. Als Biochemikerin habe ich zudem auch einen guten Zugang zur modernen Hirnforschung.

Für die meisten Menschen ist Lernen dasselbe wie Büffeln. Was braucht es, damit Lernen lustvoll wird?
Lernen macht - genauso wie etwa Snowboarden oder Musizieren - umso mehr Freude, je besser man es kann. Und um es besser zu können, braucht es - auch beim Lernen - einen gewissen Spieltrieb, um an den Techniken und Fertigkeiten herumzufeilen, mit neuen Vorgehensweisen zu pröbeln, sie wenn nötig dem eigenen Stil anzupassen. Dieser Spieltrieb lässt sich entwickeln.

Was sagen Sie einem Menschen, der keine persönlichen Interessen hat und somit auch nichts (dazu)lernen möchte?
Nichts.

Wo liegen Ihre persönlichen Interessen?
Ich mag Sprachen und Kulturen und lese auch Bücher von indischen, chinesischen und afrikanischen Autoren. Meine eigenen Bücher gibt es in chinesischen und koreanischen Ausgaben, und ich möchte einmal diese Länder und meine Leser dort kennen lernen. Auch Landschafts- und Gartenarchitektur interessiert mich, und wo immer ich auf der Welt hinkomme, schaue ich mir Parks und Gärten an. Zu Hause ziehe ich Schnittblumen und liebe es, daraus so schön verschwenderische Bouquets zu machen.

Gibt es etwas, das Sie noch dazulernen möchten?
Momentan verbessere ich mein Französisch. Letzten Sommer habe ich auch etwas Chinesisch und Japanisch geschnuppert. Die ultimative Herausforderung fürs Gedächtnis!

Gibt es auch Dinge, die man nicht am Schreibtisch lernen kann?
Und ob! Ich war früher in der Start-up-Förderung aktiv, und mir hat immer wieder imponiert, wie unglaublich viel diese jungen Unternehmerinnen und Unternehmer in kürzester Zeit dazulernen und wie rasch sie sich zu starken Persönlichkeiten entwickeln.

Man sagt ja, dass man am besten aus Fehlern lernt. Können Sie dem zustimmen?
Ganz klar, auch Fehler sind Lernchancen. Doch die Chancen wollen gepackt sein!

Können Sie ein Beispiel nennen, bei dem Sie aus einem Fehler gelernt haben? Kurz nachdem ich seinerzeit an die ETH kam, verpasste ich einen Besprechungstermin mit dem Vizepräsidenten; ich war derart in meine Arbeit vertieft, dass ich die Zeit vergass. Als dann sein ziemlich grimmiger Anruf kam, war es mir furchtbar peinlich. Ich kaufte mir einen Wecker und nutze auch heute noch einen Timer, um wichtige Termine nicht zu verpassen.

Kann Lernen auch zur Sucht werden?
Ich beobachte, dass Studierende, die zum Perfektionismus neigen, öfter Mühe haben, ein vernünftiges Mass einzuhalten und sich selbst gewaltig unter Druck bringen.

Sie starten heute im «Tages-Anzeiger» ein 52-teiliges Lernprogramm mit dem Titel «Lernpower». An wen richtet es sich?
Der Lehrgang ist für Studierende, aber auch für weitere Lerninteressierte so zwischen 18 und 88 gedacht.

Können Sie erklären, was Sie von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern erwarten?
Es braucht geistige Offenheit und Experimentierlust. Wer die Übungen ausprobiert und seine Erkenntnisse mit den anderen Lernerinnen und Lernern auf dem Netz teilt, profitiert am meisten.

Ist es auch möglich, eine Folge auszulassen und dann doch noch mitzukommen?
Der Lehrgang ist kumulativer Natur und wird bald recht kompakt. Deshalb ist es nützlich, die Folgen zumindest zu lesen, auch wenn man nicht jede Übung ausprobiert. Doch gelesen ist noch längst nicht gelernt. Nur wenn man etwas Neues macht, kommt man zu neuen Erfahrungen, und die Verhaltensweise wird schon mal im Hirn vorgebahnt.

Welchen Nutzen habe ich, wenn ich daran teilnehme?
Das Projekt «Lernpower» ist eine einmalige Chance, seine Lernmotivation und sein Lern-Knowhow auszubauen und die Erfahrungen mit den Übungen im geschützten Rahmen der Anonymität mit andern auszutauschen - oder auch mit lerninteressierten Kolleginnen und Kollegen direkt zu diskutieren. Wer offen ist und aktiv mitmacht, wird im Laufe des Jahres einen neuen Zugang zum Lernen finden und an Lernpower zulegen, dafür lege ich die Hand ins Feuer.

Haben Sie so etwas wie eine Geld-zurück-Garantie, wenn ich am Ende immer noch keine Lust am Lernen habe?
Diese Garantie müssen Sie mit sich selbst ausmachen, denn Sie sind für Ihr Lernen verantwortlich; das kann Ihnen niemand abnehmen. Wenn Sie mit Ihren Lernstrategien experimentieren und versuchen, diese zu optimieren, nehmen Sie automatisch das Steuer in die Hand. In einem halben Jahr würden Sie wohl diese Frage gar nicht mehr stellen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2010, 10:09 Uhr

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