Kinder, bringt eure Handys

Es ist besser, Tablets in den Schulunterricht einzubauen, als sie vor der Stunde einzusammeln.

Schularbeiten mit zeitgenössischen Mitteln verrichten: Ein Mädchen benutzt ein Tablet für die Hausaufgaben. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

Schularbeiten mit zeitgenössischen Mitteln verrichten: Ein Mädchen benutzt ein Tablet für die Hausaufgaben. Foto: Gaetan Bally (Keystone)

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Was immer Jugendliche mit ihren Smartphones tun: Es missfällt vielen Erwachsenen. Warum unterhalten sich die Kinder nicht? Blenden sie die Realität bewusst aus? Eine Epidemie scheint diese Mediennutzung zu sein, eine Sucht. Gerade die Schule wird dann immer wieder in die Pflicht genommen: Dort müsste man etwas dagegen tun.

Und die Schulen tun etwas: Auf der Volksschulstufe gilt oft das Handyverbot. Als wären Sach-, Sozial- und Selbstkompetenz, die viel beschworenen Ideale der Schule, durch die «Natelisierung» der Schüler gefährdet.

Diese Haltung wird zunehmend infrage gestellt. Die Handyverbote verschleissen an Schulen viele Ressourcen und bewirken wenig: Spätestens in der Lehre oder am Gymnasium fallen die Verbote ohnehin, auch auf die Freizeit haben die Lehrer keinen Einfluss.

Das Handy als Lerngerät

Sogar die radikale Umkehr scheint denkbar: Seit die Idee Verbreitung gefunden hat, Schüler mit persönlichen Geräten auszustatten, ist BYOD in aller Munde: «Bring Your Own Device». Die Aufforderung impliziert, dass Lernende ihre eigenen Geräte auch in der Schule verwenden, wo sie Stromanschlüsse und WLAN zur Verfügung gestellt bekommen. Kinder sind mit der Funktionsweise ihrer Geräte vertraut, sie können ortsunabhängig auf digitale Inhalte zugreifen, kooperativ arbeiten und auch ohne schulische Anleitung mit ihren Geräten lernen.

Darf man nun Eltern auffordern, sie müssten ihren Kindern für die Schule ein Smartphone, ein Tablet oder besser noch einen Laptop kaufen? Und widerspricht die Schule damit nicht gerade den strengen Regeln, mit denen sie die Nutzung digitaler Geräte auf dem Schulareal bislang untersagt hat?

Erfahrungen zeigen, dass viele Geräte vorhanden sind und man Eltern durchaus von der Notwendigkeit überzeugen kann, damit auch in der Schule zu lernen. Auf der Volksschulstufe braucht es aber Alternativen: Kinder, deren Eltern keine Geräte kaufen können oder wollen, müssen trotzdem damit ausgerüstet werden. Der Aufbau der Kompetenzen, die im 21. Jahrhundert bedeutsam sind, kann mit der Technologie des 20. Jahrhunderts kaum gelingen.

Die Taschencomputer als Lerngegenstand zu behandeln, ist ein pädagogischer Trick, den Lehrer und Schulen unterschätzen. Die oft beschworene Gefahr der Ablenkung, die befürchtete Oberflächlichkeit bei der Verarbeitung und Weitergabe digitaler Informationen: Sie alle relativieren sich, wenn im Unterricht vorgelebt wird, dass es professionelle Verhaltensweisen im Umgang mit Technologie gibt.

Ein temporäres Verbot von Smartphones und Tablets während der Schulzeit ist keine Lösung für diese Problembereiche, sondern eine Kapitulation. Ein Obligatorium für ein Kultur­zugangsgerät – was Smartphone oder Tablet für Jugendliche sind – schafft hier Abhilfe: Es verhindert, dass Schulen den Aufbau von Medienkompetenz an externe Anbieter auslagern und so tun, als beträfe er nicht ihr Kerngeschäft. Es verhindert, dass Lehrer es selbstverständlich finden, wenn Kinder und Jugendliche beim Umgang mit digitalen Medien überfordert sind, sie dabei aber nicht begleiten. Und es verhindert, dass soziale Dynamiken aus dem Klassenzimmer sich von Erwachsenen unbemerkt online ausbreiten und dort oft traumatisierende Wirkung entfalten.

Tastatur statt Schulheft

Niemand ist empört, wenn Lernende aufgefordert werden, Schreibmaterial, Bücher oder Hefte in die Schule mitzunehmen. Seit 20 Jahren schreiben die meisten Erwachsenen nicht mehr von Hand. Warum scheint es verwegen, von Schülern zu verlangen, sie sollten Schularbeiten mit zeitgemässen Mitteln verrichten? Trauen sich Schulen diesen Schritt, der in Deutschland aktuell intensiv diskutiert wird, erschliesst sich ein grosses Potenzial. Pädagogische Konzepte wie Individualisierung, selbstverantwortetes oder kompetenzorientiertes Lernen können mit digitalen Mitteln umgesetzt werden, mehr noch: Sie müssen um­gesetzt werden.

Wohin diese Reise geht, die von Lehrern und Schulen die konkrete Umsetzung didaktischer Schlagwörter erfordert, ist noch unklar. Sie anzutreten, ist aber unerlässlich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.11.2016, 20:14 Uhr

Philippe Wampfler unterrichtet an der Kantonsschule Wettingen und ist Dozent für Fachdidaktik an der Uni Zürich. Wampfler ist Experte für das Lernen mit neuen Medien.

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