Leben

Erstmals an einen Marathon: «Besser ein Training auslassen»

Von Pia Wertheimer. Aktualisiert am 22.02.2010

Marathon-Novizin Pia Wertheimer berichtet für Tagesanzeiger.ch/Newsnet über ihre Vorbereitung auf den Lauf in New York. Monat vier: Die latente Unlust am Training.

1/7 Trotz Schneesturm ist Jack the Russel ein treuer Verbündeter im Kampf um Motivation.
Bild: Lukas Linder

   

Interaktiv-Box

Abenteuer «Beiss durch den Big Apple»

Mitte Oktober starben drei Männer während des Detroit-Marathons. Sind die 42,195 km tatsächlich ein heisser Lauf? In einem zwölfteiligen Selbstversuch beschreibt die 34-jährige Autorin, die bisher dreimal am Greifenseelauf (Halbmarathon) teilnahm, ihre Erfahrungen während der Vorbereitungen auf den New York Marathon 2010 – ihren ersten Marathon überhaupt. Jeder monatliche Beitrag widmet sich einem spezifischen Thema, welchem ein Läufer auf dem Weg zum Marathon Beachtung schenken sollte. Die nächste Folge erscheint Anfang März.

Die Holle scheint vollends von der Rolle zu sein: Ein Wintersturm tobt vor dem Fenster, das Quecksilber schafft es einfach nicht mehr über die Nullermarke. Auf meinem Programm steht ein zweistündiger Lauf. Die Schuhe stehen bereit; der Stapel Kleider – den diese widerliche Witterung verlangt – auch. Und plötzlich steht er vor mir – verführerisch, schelmischer Blick, stark, unwiderstehlich: Kai Luscht.

Charmant legt er den Arm um mich und geleitet mich zum Sofa. «Wie wär's mit einer Tasse Glühwein?» Mein Blick streift meine Laufschuhe. Er muss mein Zögern gespürt haben: «Und dazu ein spannendes Buch?» Gewinnend rückt er die Wolldecke zurecht. Seine dunklen Augen halten meine gefesselt. Ich reisse mich los und ringe mit mir selbst. So schnell darf ich nicht kapitulieren.

Er lässt nicht locker und spielt seinen letzten Trumpf: Mit Ronan Keatings «If Tomorrow Never Comes» schmilzt nicht der Schnee, sondern mein Wille. Mein Widerstand ist gebrochen. Während ich mich ihm hingebe, nehme ich aus den Augenwinkeln meine Laufschuhe und die mit dem Wind flirtenden Flocken vor dem Fenster wahr. Genussvoll lasse ich Kai Luscht diesen Kampf gewinnen. Heute ist sein Name Programm!

«Besser ein Training auslassen»

Eines tröstet mich über das darauf folgende, schlechte Gewissen hinweg: Wer Kai Luscht verfällt, ist in illustrer Sportler-Gesellschaft. Auch die Schweizer Ironman-Lady Natascha Badmann muss sich gegen seinen Charme wappnen. Gerade dann, wenn es darum geht, bei Regen und Kälte den Drahtesel zu satteln. Und wenn dann noch am Abend vorher bei einer Party die Post abging, ist seine Anziehungskraft umso grösser.

Sie legt sich dann ihre eigenen Waffen zurecht: «Ich schreibe mir auf, worauf es sich zu freuen lohnt. Beispielsweise, dass ich gesund bin und jetzt gleich meine ganze Kraft spüren darf», erklärt Badmann ihre Strategie. «Denn wenn ich gute Gedanken habe, hat kein schlechter mehr Platz!» Der Ratschlag der Ironman-Habituée an die Marathon-Novizin lautet: «Es ist besser einmal ein Training auszulassen, um danach wieder lustvoll weiter zu laufen – damit verliere ich nichts, aber ich gewinne Freude.»

Dem amerikanischen Langstreckenläufer Bill Rodgers sind Kai Luschts Verführungskünste ebenfalls bestens bekannt. Der vierfache Sieger des New York Marathons, der genauso viele Mal in Boston triumphierte, räumte einst ein: «Every runner has motivational problems.» Jeder Läufer hat Motivationsprobleme. Und es kommt noch dicker: «Ob ich je in einem Rennen aufgeben wollte? Sicher!»

«Wer eine Ausrede braucht findet immer eine»

Nicht ganz so arg erging es Christian Belz, Halbmarathon-Schweizermeister 2009, am vergangenen Silvesterlauf. Es pfiff ein eisiger Wind in den Zürcher Strassen, Kai Luscht war ihm dicht auf den Fersen. «Für den Bruchteil einer Sekunde habe ich mich gefragt, warum ich mir das antue.» Er kennt mit seinem inneren Widersacher aber kein Pardon und hält mir eisern den Spiegel hin: «Schlechtes Wetter allein darf kein Grund sein – denn wer eine Ausrede braucht, findet immer eine.» Er gehe mit neuen Strecken, wechselnden Trainingspartnern oder einem variierten Laufprogramm gegen Kai Luscht vor. «Manchmal wirken auch neue Schuhe, mit denen ich mir nicht erlauben will, langsam zu laufen.»

Diesmal ist es Petrus, der Kai Luscht aufbot. Der Regen verwandelt Holles Pracht in tristen Matsch. Der Trainingsplan ist unerbittlich: 1 Stunde 20 Minuten. Ich höre ihn bereits an die Türe klopfen – erst zaghaft, dann bestimmt. Und da steht er wieder. So verführerisch, dass er gar Hollywood-Beau George Clooney in den Schatten stellt.

Wie ein geölter Blitz schiesst mein Hund Jack the Russel aus seinem Korb, fletscht die Zähne und macht dem Charmeur deutlich: An diesem Tag würde er keinesfalls auf seinen Spaziergang verzichten. Mein eigenwilliger, kleiner Hund schert sich keinen Deut um Kai Luschts Verführungskünste. Mir wird klar: Das kleine Energiebündel muss sich austoben können, um salonfähig zu sein. Und wieder klopft es an der Türe: Jacks Nachhut ist eingetroffen. Ich hatte per Facebook bereits vor einer Woche meine Laufgruppe mobilisiert und da stehen sie alle – gut eingepackt. Sie haben nicht nur Kai Luscht im Regen stehen lassen. Sie sind jetzt bereit auch Petrus die Stirn zu bieten – wie kann ich da ans Kneifen denken? (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.02.2010, 14:04 Uhr


Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Grandioses Berg-Erleben.

Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.