Ein Marathon ist schwer verdaulich

Marathon-Novizin Pia Wertheimer berichtete für Tagesanzeiger.ch/Newsnet über ihre Vorbereitung auf den Marathon in New York vom 7. November 2010. In der letzten Folge: Wo sich die Qualen eines Marathons wirklich verstecken.

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Ein endloser Kampf gegen den inneren Schweinehund, 42,195 Kilometer langes Leiden – diese Vorstellung hatte ich im Gepäck als ich ins Flugzeug nach New York stieg. Innerlich bis auf die Zähne bewaffnet, meine Muskeln kampfbereit. Nach zwölf Monaten war der Big Apple endlich in Reichweite – ich musste nur noch hineinbeissen. Und das tat ich – genussvoll! Der Wind strich mir auf der Verazzano-Brücke beschwichtigend durchs Haar und wehte gnadenlos meine inneren Armeen um. Während ich bei den ersten Schritten dem Marathon den Kampf ansagte, realisierte ich laufend: von Leiden keine Spur.

Meine Aufmerksamkeit galt rasch nicht mehr meiner eigenen Befindlichkeit, sondern der atemberaubenden Aussicht auf die Wolkenkratzer von Manhattan. Und mit dem ersten Schritt auf festem Boden tauchte ich in die Menschenmenge der Bronx. Ihre Anfeuerungsrufe verliehen meinen Füssen Flügel, Dreikäsehochs reckten mir ihre kleinen Hände entgegen und bedankten sich fürs Abklatschen bei ihrer neuen Heldin mit einem überschwänglichen: «Go, go, go!» Ein Blick in ihre vor Glück funkelnden Augen reichte, um sich anzustecken – und schon lagen die ersten zehn Kilometer hinter mir. Die Bands an den Strassenrändern rappten die Namen der Läufer, die sie auf den Startnummern entziffern konnten. Und meiner schien dafür wie geschaffen zu sein – mein Herz schlug nicht, es tanzte.

Wenn die Vernunft die Läuferin einholt

Doch die euphorische Partylaune legte sich um Kilometer 15, als es mich wie ein Blitz durchfuhr: 27 liegen noch vor mir! Wie ein Teenager, der unmerklich ins Erwachsenen-Dasein entwächst, besann ich mich auf die Konsequenzen. Mein Verstand nahm die Zügel fest in die Hand und drosselte meine Füsse. Statt der Strassenrand-Fiesta genoss ich besonnen die Kulisse, den Rhythmus meines Schrittes – und jeden Becher Wasser, den ich zu fassen kriegte. Die Rufe der Zuschauer am Strassenrand verstummten, es war als ob eine Energiequelle versiegen würde: Schweigsam, aber nicht minder aufmerksam beobachten die Orthodoxen den Läuferwurm, der sich an diesem 7. November durch das Judenquartier schlängelte.

Auf mich gestellt, nahm ich erstmals meine ermüdeten Waden wahr, als sich vor mir die Queensborobridge erhob. Keine Menschenseele säumte die ansteigende Brücke, die obere Fahrbahn verbannte die Sonnenstrahlen, die tiefe Stahlkonstruktion drückte auf mein Gemüt: Die Euphorie befand sich im Rückzug, ich mobilisierte meine Armeen. Eine Strassenschlaufe führte vom düsteren Schauplatz meiner ersten Schmerzen und spuckte mich auf die First Avenue. Jubelrufe, aufmunternde Plakate, tobende Musikgruppen – einem Treibstoff gleich füllten sie mein Herz und hielten mich auf Trab, meine Armeen waren nutzlos geworden – sie standen still.

Der Wille als letzte Reserve

Der emotionale Tank war jedoch bald wieder leer, erst recht jener meines Körpers. Ab der 35-Kilometermarke beherrschte ein Gedanke mein Dasein: Bei Kilometer 37 wartet eine Cola Light. Als würde mich diese kleine Flasche über die nächsten fünf Kilometer retten, war sie mein nächstes Ziel. Ich litt. Als ich sie endlich in der Hand hielt, stand ich nicht nur wörtlich still. Doch die kohlensäurelose Flüssigkeit löschte nicht nur meinen Durst, sie mobilisierte meine Streitlust. «Ich bin nicht so weit gelaufen, um jetzt aufzugeben!» Meine inneren Armeen zogen in den Kampf. Die Schmerzen bildeten die gegnerische Minderheit, viel mächtiger war aber das Heer der Müdigkeit. Unerbittlich boten sie mir die Stirn.

Ich zapfte meine letzte Reserve an: Meinen Willen. Mein Körper hatte in diesem Moment seine Stimmkraft verwirkt, für ihn hiess es noch einen Kilometer lang bedingungslos gehorchen. Und plötzlich ging es schnell: Ich überquerte die Ziellinie, mein Körper holte sich die Kontrolle zurück, meldete absolute Erschöpfung, Hunger, Kälte, schmerzende Beine. Plötzlich erschien unmöglich, was ich vor 200 Metern noch zu vollbringen vermochte: laufen. Ein Helfer legte mir eine grosse Alufolie um die Schultern, ich kuschle mich in eine Mischung aus Stolz, Euphorie und Ungläubigkeit: Ich habe es geschafft!

Innerlich und äusserlich im Zeitlupentempo

Ich ging von einem Marathon an Leiden und Kämpfen aus, heute aber weiss ich: Die wirklichen Qualen fangen am Morgen danach an, denn im Unterschied zu denjenigen des Vortags erscheinen sie erst absolut unnütz. Der Muskelkater hielt mich fest in seinen Krallen und zwang mich, New York im Schneckentempo zu entdecken. Gleichzeitig hatte ich die Eindrücke des Laufs noch nicht verdaut. Zu viele Emotionen waren zeitgleich mit eindrücklichen Bildern während 3:59 Stunden in Herz und Hirn gedrungen – zu Beginn noch unfassbar. So lief mein Leben während zweier Tage innerlich und äusserlich im Zeitlupentempo.

Für einmal war langsam aber nicht schlecht, denn ein Marathon ist emotional schwer verdaulich. Ich fing an zu begreifen, dass zwar mein Körper geschwächt aus diesem Abenteuer hervorging, mein Geist sich aber daran gestärkt hatte. Denn meine ganz individuelle Grenze hatte ich nach 37 Kilometern erreicht und sie hinter mir gelassen. Während zwei qualvollen Tagen war ich absolut unbesiegbar. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 23.12.2010, 15:42 Uhr

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