Bildungspolitik als Zuchtwahl
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Hier in Bern hängen Plakate, worauf zwei herzige Chinesenkinder konzentriert schreiben (sie lernen offenbar), dazu der Satz: «Die Welt wartet nicht auf Bern» und etwas von Selektion. Warum finde ich das komisch? C. M.
Liebe Frau M.
Wenn ich als Zürcher richtig informiert bin, stammt dieses Plakat von einem Komitee (aus Vertretern von SVP, FDP und CVP), das sich unter dem Titel «Starke Volksschule» gegen eine Teilrevision des Schulreglements wehrt. Bei der bekämpften Vorlage geht es unter anderem darum, dass Schüler verschiedener Leistungsstufen gemeinsam in einer «Regelklasse» unterrichtet werden. Es gibt gute (und schlechte) Argumente sowohl für als auch gegen dieses Reformprogramm. Eine etwaige Parteinahme für die eine oder andere Seite müsste ich erst noch gründlich überdenken.
Was mir jedoch – und Ihnen vielleicht auch – ungeachtet der konkreten Debatte auf den Senkel geht (um es mal milde und flapsig auszudrücken), ist die unverfrorene sozialdarwinistische Rhetorik dieses Plakats: Dabei geht es nicht um Rassismus im Sinne der Behauptung der Überlegenheit der weissen Rasse über die gelbe oder irgendeine eine andere – ganz im Gegenteil. Denn hier wird uns ein fernöstlicher Leistungswille vor Augen geführt, welcher unsere kleinen Berner schon in naher Zukunft ziemlich alt aussehen lassen könnte. Was einst als «gelbe Gefahr» galt, soll uns nun ein Vorbild sein. Man mag auch das für rassistisch (mit umgekehrten Vorzeichen) halten; doch das ist gar nicht der Punkt, um den es mir geht. Wobei sich mir alle Haare sträuben, ist die Selbstverständlichkeit, mit der vorausgesetzt wird, dass Bildungspolitik als eine Art Zuchtwahl zu funktionieren hat. Undenkbar, dass Schule noch etwas anderes sein könnte als ein Selektionsinstrument. (Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten – ja, wohin eigentlich mit ihnen?) Unvorstellbar, dass die Schule noch zu etwas anderem dienen könnte, als unserem Land die Poleposition im globalisierten Rat-Race um Wettbewerbsvorteile zu sichern.
Die etwas vornehmere Formel dafür heisst: Bildung als Rohstoff. Diese Floskel schliesst die Selektion der Lernenden elegant mit der Selektion der Inhalte des Lernens kurz. Denn was sich in dieser Perspektive Bildung nennt, ist deren von allem Überflüssigen, das heisst von allem nicht unmittelbar Verwertbaren, bereinigte Schwundform. (In England zum Beispiel ist man gerade dabei, die Geisteswissenschaften an den Universitäten der Freiheit des Marktes zu überantworten: Wer sich solche teuren Hobbys in Zukunft leisten will, soll das tun, aber gefälligst nicht auf Kosten der Allgemeinheit.) Auch die westlichen Neoliberalen träumen auf ihre Art von Kulturrevolution (das war jetzt meinerseits ein bisschen plakativ).
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Erstellt: 01.12.2010, 09:52 Uhr
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