Leben

Fühle ich, was ich fühle?

Aktualisiert am 10.11.2010

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Äussere Wahrnehmungen können täuschen. Konsequenterweise müsste dies bei der Wahrnehmung innerer Dinge nun ja auch gelten. Wir könnten Gefühle also falsch wahrnehmen. Ist es tatsächlich möglich, dass ich bloss meine, glücklich zu sein, es aber gar nicht bin? T. B.

Lieber Herr B. Wenn jemand behauptet, das kleinste physikalische Teilchen sei das Atom, und es könne allein schon deshalb nichts Kleineres geben, weil «Atom» bekanntlich «unteilbar» bedeutet, so kann ihm all der neumodische physikalische Quark (mitsamt den Quarks) gestohlen bleiben. Der subatomare Blödsinn, für den das Cern Milliarden auf den Kopf haut, ist dann nichts als hohle Metaphysik, die entsteht, wenn man Wörter falsch gebraucht. Aber damit man neue Dinge entdecken kann, muss man manchmal Definitionen ändern. Wenn Sie Psychisches definitorisch mit Bewusstsein gleichsetzen, lautet die Antwort auf Ihre Frage schlicht: Nein – man fühlt, was man fühlt. (Allenfalls kann ich unsicher sein, ob es sich bei meinem Gefühl eher um Glück oder mehr um Zufriedenheit handelt.) Sobald Sie jedoch ein unbewusstes Psychisches voraussetzen (wie Freud es entgegen der zu seiner Zeit vorherrschenden sprachlichen Konvention getan hat), lautet die Antwort: Ja, Gefühle können täuschen. Der erste Fall einer solchen «Täuschung» betrifft die Angst. In seiner ersten Angsttheorie hält Freud die Angst (neben dem, was sie natürlich auch sein kann: Realangst) für ein Umwandlungsprodukt, das bei der Verdrängung entsteht: Was sich wie Angst anfühlt, ist in Wirklichkeit verdrängte Libido. Später wird Freud das Verhältnis von Angst und Verdrängung umkehren. Nicht Verdrängung macht Angst, sondern: Verdrängt wird, was Angst macht. Die Frage, warum Freud seine erste Theorie zugunsten einer weit konventionelleren Erklärung «verdrängt», ist interessant, würde uns an dieser Stelle aber zu weit vom Thema wegführen. Zweitens kann ein Affekt durch Verdrängung überhaupt unterdrückt bleiben. Hier bezieht sich die Täuschung also nicht auf die Qualität des Gefühls, sondern auf dessen Vorhandensein: Ich bin mir keines spezifischen Gefühls bewusst, obwohl ich unbewusst von einem starken Hass erfüllt bin. Dieser äussert sich jedoch nicht als Gefühl, sondern z. B. in einer aggressiven Fehlleistung, deren Bedeutung ich jedoch nicht (an)erkenne. Die dritte Möglichkeit der Täuschung besteht darin, dass mein Gefühl zwar das ist, als was es sich anfühlt, dass jedoch die Vorstellung, auf die es sich bezieht, eine andere ist, als ich meine: Ich beziehe mein Glück auf den sonnigen Morgen; mein Unbewusstes aber (gestatten Sie die Personifizierung) jubiliert, weil sich mein ärgster Rivale beide Beine gebrochen hat.

Sie hörten den Schulfunk. Und nun Musik zum Mitsingen: What a wonderful feeling, what a wonderful day.

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Erstellt: 10.11.2010, 08:50 Uhr


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