Hat eine Psychoanalyse Nebenwirkungen? (2)
Von Peter Schneider. Aktualisiert am 24.06.2009 1 Kommentar
Im ersten Teil meiner Antwort habe ich am 17. Juni hier geschildert, dass die Effekte einer Psychoanalyse sich kaum sinnvoll in Haupt- und Nebenwirkungen gliedern lassen. Und zwar deshalb nicht, weil es keinen linearen Zusammenhang zwischen Diagnose, therapeutischen Techniken und deren tatsächlichen Effekten gibt.
Nehmen wir ein medizinisches Beispiel. Die Diagnose «Bluthochdruck» legt die Massnahme nahe, dem Patienten Betablocker zu verabreichen. In der Folge können Nebenwirkungen wie Schwindel oder Übelkeit auftreten, die mit der Zeit meist verschwinden. Ziemlich sicher wird – als Hauptwirkung – der Blutdruck sinken. Analoges gibt es in der Psychoanalyse nicht. Die Diagnose «Agoraphobie» legt als therapeutische Technik nicht die «Bearbeitung der symbiotischen Mutterbindung» nahe, und selbst wenn irgendjemand wüsste, wie man eine solche Mutterbindung «bearbeitet» (oder «eine Übertragungsbeziehung herstellt» bzw. «auflöst»), wüsste man nicht, welche Wirkung dieses ominöse Tun hätte. Worte wirken, aber nicht wie Pillen. Valium kann nur einschläfern (und in einer Nebenwirkung süchtig machen); eine Deutung kann beruhigen, entsetzen, gleichgültig lassen; ihre Wirkung ist vorab nicht kalkulierbar.
Und so besteht das psychoanalytische Geschäft nicht aus Diagnostizieren und Therapieren, sondern aus Zuhören und Sprechen. Zuhören, wann diese Angst vor Plätzen auftaucht, warum sie in den Ferien oft verschwindet, aber nicht immer, und dass – «merkwürdig, dass mir das gerade jetzt einfällt» – eine Tante des Patienten immer zu sagen pflegte: «Wenn du weiter so isst, wirst du noch platzen.» Und sprechen: Ist die Angst vor den Plätzen vielleicht eine verschobene Angst vor dem Platzen? «Den Seich meinen Sie doch hoffentlich nicht ernst?!»
So einfach ist es also leider nicht, und die freie Assoziation geht manchmal munter weiter. Die Phobie wird schwächer, ohne dass der Analytiker weiss, wie er das bewirkt haben könnte. Dafür wird er Zeuge, wie beim Patienten der Wunsch entsteht, eine Motorradtour durch Kanada zu machen. Und dieser Wunsch ist so unverständlich wie die Angst zuvor, ausser, dass sich vielleicht die Furcht vor der Weite nunmehr in die Begierde gewandelt hat, «das Weite zu suchen»? Und kaum hat der Analytiker diesen kleinen Kalauer ausgesprochen, ist die alte Angst wieder da, jetzt ergänzt durch eine neue Angst vor dem Fliegen, zu der dem Patienten natürlich als Erstes der Roman von Erica Jong einfällt («Steht das Buch nicht bei Ihnen im Regal im Wartezimmer?»).
Mein Beispiel ist garantiert frei erfunden und viel zu schön, um wahr zu sein. Aber es illustriert, wie man im Zusammenspiel seltsamer und unbeabsichtigter Nebenwirkungen doch etwas über sich, seine Wünsche, deren Entstellungen und Verschiebungen erfahren kann, auch wenn sich jeder therapiezielorientierte und evidenzbasierte Psychotherapieforscher ob eines solchen Kuddelmuddels nur die Haare raufen kann. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 24.06.2009, 09:06 Uhr
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