Leben

Hat eine Psychoanalyse Nebenwirkungen?

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 17.06.2009

Da eine Psychoanalyse doch ein ziemlich grosses Ding ist und sich über Jahre erstrecken kann, frage ich mich, ob es hierzu nicht eine Packungsbeilage bräuchte, die mich darüber aufklärt, worauf ich mich einlasse. Konkret: Hat eine Psychoanalyse eigentlich Nebenwirkungen? U. M.

Lieber Herr M.

Schlimmer als das: Sie hat nur Nebenwirkungen! Dieser orakelhafte Satz bedarf der Erläuterung. Beginnen wir mit einer terminologischen Klärung. Auch Nebenwirkungen sind Wirkungen, in der Regel solche der unerwünschten Sorte. Nebenwirkungen (meist im Plural) sind gewissermassen die lästigen Verwandten der beabsichtigten Wirkung (meist im Singular). Um der gewünschten Hauptwirkung willen muss man ein paar Nebenwirkungen in Kauf nehmen: Wer gesund werden will, sollte ein bisschen Verstopfung und leichtes Kopfweh einkalkulieren. Nützt s öppis, dänn schadt s au e chli. Medizinische Therapie ist meistens eine Güterabwägung zwischen Hauptwirkung und Nebenwirkungen der angewendeten Mittel. In seltenen Fällen können Nebenwirkungen sogar willkommen sein. Etwa wenn ein Antibiotikum nicht nur den Bakterien in der vereiterten Nasennebenhöhle den Garaus macht, sondern auch die Pickel im Gesicht zum Verschwinden bringt. Wenn ich nun behaupte, dass eine Psychoanalyse ausschliesslich Nebenwirkungen hat, dann meine ich nicht, dass sie zu nichts anderem führt als unangenehmen bzw. angenehmen Begleiterscheinungen (oder einer bunten Mischung), sondern dass es keine Hauptwirkung gibt, zu der sich andere Wirkungen als Nebenwirkungen verhalten. Nur in den Idealisierungen publizierter Fallgeschichten («Nach 300 Stunden, in denen wir vor allem die Mutterproblematik durchgearbeitet hatten, begann der Patient sich zunehmend selbstbewusster in Konflikten zu verhalten») und im Kino bringen Psychoanalysen jene Wirkungen hervor, die man beabsichtigt hatte: wenn etwa die gelähmte Hysterika nach einer besonders gelungenen Deutung («Ihr Bein ist gelähmt, weil Sie sich nicht getrauen, entschiedener gegenüber Ihrer Mutter aufzutreten») mit dem entzückten Ruf «Herr Professor, ich kann wieder laufen!» die Couch unter den Arm nimmt und von dannen wandelt. Wobei man ihr immer noch hinterherrufen könnte: «Sie rennen doch letztlich nur vor dem Vaterkonflikt davon, den wir als Nächstes analysieren müssten!» Und schon hätte man mit nur einem Satz die wunderbare Wirkung zur unerwünschten Nebenwirkung degradiert. In Wirklichkeit besteht eben nur ein sehr loser Zusammenhang zwischen den bewussten Zielen, die man mit einer Psychoanalyse anstrebt, und deren Ausgang bzw. zwischen den Mitteln und deren Effekten. Warum das so ist, erfahren Sie in der zweiten Folge unserer Serie «Hat eine Psychoanalyse Nebenwirkungen?». Nächste Woche, same time, same place.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.06.2009, 11:27 Uhr

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