Leben

Menschen erschiessen?

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 30.09.2009

Wäre es für eine Gesellschaft nicht rationaler, Gewaltverbrecher, uneinsichtige Raser und Extremisten aller Art zu «beseitigen», als Bären, Wölfe und gar junge Findelhunde zu erschiessen, die keinem Menschen etwas zuleide getan haben? M. S.

Liebe Frau S.

Es wäre möglicherweise rationaler; und es wäre im Grunde vielleicht auch «ganz natürlich», gefährliche Artgenossen rechtzeitig durch einen Genickschuss zu beseitigen. Eventuell wäre es – in einer sehr kurzschlüssigen utilitaristischen Perspektive – nicht einmal unmoralisch. Aber ich glaube nicht, dass wir in einer Gesellschaft, die sich der in ihrem Inneren lauernden Gefahren auf eine solche Weise entledigt, dauerhaft leben könnten. Oftmals wird mit Berufung auf die Psychoanalyse argumentiert, letztlich seien wir Menschen alle immer noch «Wilde», unter einer dünnen Firnis zivilisatorischer Erwerbungen lauere unverändert der Wunsch nach Befriedigung des Aggressionstriebs. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, und es ist auch nur der halbe Freud. Wenn Freud in «Zeitgemässes über Krieg und Tod» von der «Enttäuschung des Krieges» spricht, so hat der Berliner Psychoanalytiker Frank Dirkopf gezeigt, ist damit nicht die Enttäuschung gemeint, die wir angesichts des vermeintlichen «Rückfalls» in die Barbarei und des damit verbundenen Leids empfinden. Es ist vielmehr vor allem die «Enttäuschung» über die Unmöglichkeit, die kriegerische Aggression – wie erhofft – als Befriedigung zu erleben.

Stattdessen bleibt, nach einer anfänglichen Euphorie, die Freud wie viele Zeitgenossen angesichts des Ausbruchs des 1. Weltkrieges empfunden hatte, ein Gefühl des Widerwillens gegenüber dem Versuch, das Unmögliche wider bessere Einsicht (und darum umso exzessiver) einmal mehr versucht zu haben. Ausser im komplizierten Rahmen einer sexuellen Perversion können wir Grausamkeit nicht mehr geniessen. Der Zivilisationsprozess macht uns zwar nicht zufrieden und glücklich, er hinterlässt ein «Unbehagen in der Kultur» (Freud) – doch auch die Beseitigung der Kultur würde uns das Leben nicht mehr behaglich werden lassen. Un diese Tatsache verschärft das Unbehagen noch: Das zu unserer Konstitution gehörende Schuldgefühl, das uns zu jenen «KulturMenschen» hat werden lassen, die wir nun einmal sind, werden wir nie wieder los. Auch die Fantasie vor der rationalen Beseitigung gefährlicher Menschen träumt davon, es trotzdem nochmals zu versuchen. Sie funktioniert wie der Wunsch des Alkoholikers nach dem letzten Rausch, der ihn von seiner Sucht erlöst. Und darin liegt die Gefährlichkeit solcher Fantasien. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.09.2009, 11:38 Uhr

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