Leben

Was genau ist Aberglaube?

Aktualisiert am 09.06.2010

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Ist Aberglaube einfach der Glaube des Andersgläubigen? Das wäre eine klare, wenn auch politisch wenig korrekte Interpretation. Oder ist Aberglaube jeder objektiv widerlegbare Glaube? Politisch korrekter – aber was heisst schon objektiv? N. B.

Lieber Herr B. «Befreiung vom Aberglauben heisst Aufklärung», schreibt Kant in der «Kritik der Urteilskraft». Mit, seit und dank der Aufklärung sind die Abergläubischen also nicht mehr in erster Linie die, welche (immer noch) an die falschen (alten) Götter glauben und ihnen in heidnischmagischen Ritualen anhängen oder aber von den kanonischen Inhalten des eigenen Glaubens in ketzerischer Weise abweichen, sondern jene, die noch nicht im Zeitalter der Aufklärung angekommen sind.

Aufgeklärt zu sein, bedeutet, keine übernatürlichen Erklärungen mehr zu akzeptieren. Was einst als Begriff der Polemik gegen falsche Inhalte und Formen des Glaubens diente, richtet sich damit nun potenziell als Generalvorwurf gegen den religiösen Glauben selbst. Wer abergläubisch ist, meint, die Wahrheit, die uns nur die Wissenschaft geben kann, in irgendwelchen Glaubenslehren finden zu können.

Abergläubisch zu sein, läuft darauf hinaus, die naturwissenschaftlich «entzauberte Welt» (Max Weber) unzulässigerweise wieder verzaubern zu wollen. Man muss zwar nicht genau wissen, wie der Donner bei einem Gewitter zustande kommt, aber man darf nicht daran zweifeln, dass naturgesetzliche Kausalität dieses Phänomen hervorgebracht hat – und nicht etwa der Zorn Gottes.

Aberglaube seit der Aufklärung ist Häresie im Sinne eines Abfalls vom Realismus und von der Objektivität der Wissenschaft. Wahrheit = Wissenschaft: Diese Gleichung ist populär (insbesondere, wenn man verlangt, dass die Politik sich an den Erkenntnissen der Wissenschaft auszurichten habe); doch sie hat auch ihre Tücken. Denn die Engführung von Wissenschaft und Wahrheit verleiht der antimythischen Aufklärung selbst den Charakter eines Mythos und der Wissenschaft Züge einer Religion. Und um, wie bei oft solchen Betrachtungen, nun nicht immer mit den üblichen Verdächtigen Adorno und Horkheimer und deren «Dialektik der Aufklärung» aufzuwarten, möchte ich meine kleine Predigt zur Abwechslung mit einem Satz des amerikanischen Philosophen Richard Rorty («Philosophy and the Mirror of Nature») schliessen: «Die tief empfundene Hingabe an den Realismus stellt die Aufklärungs-Version des religiösen Drangs dar, sich vor einer nicht menschlichen Macht zu verbeugen.» Liebe Gläubige, Sie dürfen sich setzen.

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Erstellt: 09.06.2010, 07:22 Uhr


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