Wie informiert man sich am besten?
Von Peter Schneider. Aktualisiert am 06.01.2010
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Ihr Interview im «Tages-Anzeiger» (vom 28. 12. 09) über die Boulevardisierung der Medien hat an unserem Esstisch zu Diskussionen geführt. Wir waren uns zwar einig über den Qualitätsverlust und die manchmal haarsträubende Prioritätensetzung in unseren Medien. Allerdings hinterliess diese Feststellung eine Ratlosigkeit: Wo gibt es und wie findet man Quellen, die fundiert, unerschrocken und ohne auf Absatzzahlen zu schielen über politische, insbesondere gesellschaftspolitische und wirtschaftspolitische Themen berichten? Vielleicht können Sie uns ja mit dem einen oder anderen Tipp weiterhelfen.
N. A.
Ganz praktisch? Nun denn: Lesen Sie nicht nur eine, sondern ein paar Zeitungen. Neben dem Tagi (danke, dass Sie unser Blatt abonniert haben!) z. B. noch die NZZ und die WOZ und nach Möglichkeit zusätzlich ein ausländisches Blatt wie die FAZ oder die «Süddeutsche Zeitung» (bitte, gern geschehen, liebe NZZ, WOZ, FAZ und SZ!). Das «Echo der Zeit» macht Sie meistens klüger als die «Arena». Auf Perlentaucher.de finden Sie täglich eine gute Kultur-Presseschau (Hinweise auf medienkritische Blogs inklusive).
Gerüchte sind schnell generiert, Geschwindigkeit ist keine Hexerei, Recherche manchmal schon: Artikel von Journalisten, die Textbausteine verwenden wie «Fachleute wissen» oder «Experten sind entsetzt» können Sie getrost überspringen. Die empirische Basis der Behauptung, dass die Hemmschwelle der immer gewaltbereiteren Jugend immer tiefer sinkt und man im Gegensatz zu früher nun auch auf wehrlos am Boden liegende Opfer eintritt, besteht vor allem in einer Unzahl von anderen Artikeln, in denen «tüpfligliich» dasselbe behauptet wird. Und es ist auch keine Recherche, die vom BAG verbreiteten Zahl, dass «uns» das zunehmende Übergewicht allein im Kanton Zürich jährlich exakt 900 Millionen kostet, mit Paste & Copy aus der Pressemitteilung zu übernehmen, ohne dass man die Plausibilität solcher Rechnereien überprüft.
Was in der Welt vorgeht, ist eigentlich nicht dazu da, Wasser auf irgendwelche Meinungsmühlen zu sein. Gut gemeint ist keine journalistische Qualität. Als zum Klimagipfel in Kopenhagen in 56 Zeitungen in 44 Ländern ein identischer Leitartikel erschien, in dem vor den apokalyptischen Folgen der Klimaerwärmung gewarnt wurde («Jede zweite Spezies könnte aussterben, Millionen Menschen heimatlos werden, Nationen im Meer versinken»), war das nicht vor allem ein Triumph der politischen Vernunft, sondern eine Jubelfeier der journalistischen Selbstgleichschaltung, welche einen als Leser beunruhigen sollte.
Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch Aus zeitlichen Gründen können leider nicht alle Fragen beantwortet werden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.01.2010, 10:39 Uhr
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