Wie kommen diese Steilpässe zustande?
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Beim Lesen Ihrer (interessanten) Antworten stelle ich mir immer wieder die Frage, ob die Leserfragen echt sind. Wenn ja, wie kommt es, dass Ihnen die Leser immer wieder geradezu massgeschneiderte Steilpässe (um es mit einer zugegebenermassen etwas hinkenden Metapher auszudrücken) liefern? S. M.
Lieber Herr M. Sie hegen tatsächlich den Verdacht, ich benutze diese Kolumne dazu, mit mir selber Jeopardy zu spielen: also erst die Antwort schreiben und mir dann eine Frage dazu erfinden? Sie irren sich. Die Fragen sind echt; manchmal kürze ich sie ein wenig, und manchmal reduziere ich zwei miteinander verwobene Fragen auf eine. Der Steilpass-Effekt lässt sich leicht erklären: zum einen ganz einfach dadurch, dass ich natürlich nur auf Fragen eingehe, zu denen ich meine, etwas Erhellendes beitragen zu können; zum anderen dadurch, dass die Fragenden natürlich auch ihrerseits versuchen, Steilpässe zu liefern, indem sie sich in Stil und Inhalt auf meine echten oder vermeintlichen Lieblingsthemen und Marotten kaprizieren. Übrigens durchaus nicht immer erfolgreich. Ich habe (entgegen offenbar kursierenden anderslautenden Gerüchten) keinen besonderen Hang zur Launigkeit oder zu forcierter Originalität, Ironie ist mir kein Selbstzweck, sondern lediglich ein rhetorisches Mittel unter anderen, und das sogenannte «Querdenken» halte ich nicht für eine Tugend, sondern im Gegenteil für eine der übelsten Formen gedankenlosen Mainstream-Meinens.
Soll ich Ihnen verraten, mit welcher Art von Fragen Sie Ihre Chance auf eine Antwort erhöhen können? Nein? Ich sags Ihnen aber trotzdem, denn diese Frage wollte ich mir immer schon mal selber stellen. Also: Meiden Sie Lifestyle-Fragen. Es sei denn, Sie wollten unbedingt einmal mehr mein «ceterum censeo» dazu hören, dass mir dieses Businesslife-Gedöns am – na Sie wissen schon, wo – vorbeigeht. Fragen wie, ob Sie Ringelsocken zum Smoking tragen dürfen oder wer beim Firmen-Thanksgiving das Bruststück vom Truthahn bekommt: die dienstälteste Dame oder der ranghöchste Herr. Nicht, weil ich etwas gegen gute Manieren habe, sondern, weil mir diese Art der High-Society-Simulation schwer auf den Keks geht. Fragen Sie mich also lieber, was ich eigentlich gegen Thilo Sarrazin habe oder was ich vom Begriff der «Integration» halte. Jedwede Frage zu handfesten staatsbürgerlichen und gesellschaftspolitischen Problemen – von der Ausschaffungsinitiative im Besonderen bis zur direkten Demokratie im Allgemeinen – ist mir als Flach- wie als Steilpass gleichermassen besonders willkommen. So wie überhaupt alle Fragen, auf die ich selber nie gekommen wäre, aber bei denen auch ich gerne wüsste, was ich wohl dazu denke. – Mit bestem Dank im Voraus für weitere Fragen. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.12.2010, 08:28 Uhr
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