Wie pilgern Pilger nach Hause zurück?
Von Peter Schneider. Aktualisiert am 23.09.2009
Das Wallfahren ist ja richtig in Mode gekommen. Als Anwohnerin des Jakobswegs beobachte ich tatsächlich regelmässig Leute mit altmodischen Knotenstöcken und neumodischem Outdoor-Equipment. Was mir auffällt: Sie wandern immer gen Santiago und so gut wie nie in der Gegenrichtung. Wie reist der fromme Pilger nach Hause zurück? Per Flugzeug oder Sonderbus oder verkleidet als Geschäftsreisender? Hat der Heimweg für einen Pilger überhaupt eine Bedeutung? B. J.
Liebe Frau J.
Eine der hartnäckigsten urbanen Legenden handelt von den Männern (merkwürdigerweise sind es nie Frauen), die eines Abends nur mal schnell ums Eck gehen wollten, Zigaretten zu kaufen und nie wieder zurückkamen. So stellt man sich (wohl nicht ganz zu Unrecht) die totale Freiheit vor: Nothing left to loose. Möglicherweise ist das Pilgern so etwas wie die spirituelle Variante dieser grossartigen Zigaretten-Hol-Phantasie: Der Jakobsweg wäre dann weniger eine konkret abzuschreitende Route als vielmehr die Imagination eines Wegs, bei dem es in Wirklichkeit weit weniger darum geht, den Bestimmungsort zu erreichen oder gar «sich selbst» zu finden als vielmehr darum, sich selbst endlich zu verlieren. Wenn das so ist, dann ist es aber auch kein Wunder, dass die Tatsache der Rückreise an sich schon wie das Eingeständnis des Scheiterns dieses Aufbruchs erscheinen muss und darum in schamvoller Diskretion vollzogen wird. (Und wenn meine Erklärung auch an den Haaren herbeigezogen erscheint, mir gefällt sie, weil sie so hübsch unfromm ist.) (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.09.2009, 09:31 Uhr
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