Leben

Wie schützt man sich vor religiösem Schwachsinn?

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 08.04.2009 7 Kommentare

Man macht den Neuen Atheisten den Vorwurf, sie würden die Religion nicht nur scharf kritisieren, sondern sie täten das mit einer völlig inadäquaten Aggressivität. Nun ist es so, dass ich mich selber zu diesen Aggressiven zählen muss. Wenn ich davon höre, dass Jesus Christus für meine Sünden am Kreuz gestorben sei, schaffe ich es nicht, diesen Unsinn mit einem müden Lächeln wegzuschieben. Ich werde stocksauer über diese anmassende Sündenverzeihungs-Grossmut. Und wenn ich höre, dass die religiösen Grundwahrheiten (!) eine wunderbare Richtschnur für das friedliche Zusammenleben der Menschen seien, dann frage ich mich, warum man Holocaust-Leugnern Strafen androht und gleichzeitig religiöse Schwachsinnsbehaupter frei herumlaufen lässt. Der Grund für meine zornigen Gefühlsregungen ist ganz einfach: Intellektuellen Bullshit, der mit dem Wahrheitsgestus daherstelzt, empfinde ich als beleidigenden Breitfrontenangriff auf meine Vernunft, als schmerzenden Übergriff auf mein Denkvermögen. Ob Sie einen Rat wüssten, der meine seelische Balance angesichts von Religiösem, dem man ja nicht wirklich ausweichen kann, zumindest in der Akutphase etwas stabilisieren könnte? A. G.

Lieber Herr G.

Baldriantee trinken, die Augen schliessen, tief durchatmen und abwarten, bis es vorbei ist. Aber ich glaube nicht, dass es das ist, was Sie wissen wollten. Und Sie glauben das vermutlich auch nicht. Also erkläre ich Ihnen stattdessen einfach einmal, was mich als Ungläubigen an den sogenannten Neuen Atheisten stört.

Vor allem, dass sie sich durch ein Wissenschaftsverständnis und Wahrheitskonzept auszeichnen, das in seiner Borniertheit gegenüber jedweder historischer Dimension dem Glauben der frommen Fundamentalisten mindestens ebenbürtig ist. Für einen christlichen oder islamischen Fundamentalisten sind die Bibel bzw. der Koran jeweils das Produkt einer unmittelbaren göttlichen Offenbarung. Von einer (menschlich geprägten) Entstehungsgeschichte dieser Bücher zu sprechen, ist in ihren Augen ein Sakrileg. Ähnlich reagieren die (meist mit der Autorität der Wissenschaft argumentierenden) «Neuen Atheisten», wenn es um die Vernunft geht. Dass auch die Vernunft eine Geschichte hat (und zwar nicht nur eine geradlinige Fortschrittsgeschichte), erscheint ihnen eine Blasphemie, welche nur von abergläubischen Gegenaufklärern stammen kann.

Wie Sie vielleicht wissen, bin ich kein Freund drewermannscher Dünnbrettbohrerei oder küngschen Zeitgeistanbiedermeiers. (So viel intellektuellen Snobismus leiste ich mir - weil ich es mir wert bin.) Aber das heisst noch lange nicht, dass mir alle religiösen Fragen und Probleme nur als ärgerlicher Firlefanz erscheinen. Nur wenn diese einem als würdiger Gegenstand der theoretischen Neugierde gelten können, kann man aus der Beschäftigung mit ihnen auch Erkenntnisse ziehen. Die aggressiven Neu-Atheisten hingegen kommen mir wie Insektenforscher vor, die sich rühmen, Lupe und Mikroskop gegen eine Fliegenklatsche eingetauscht zu haben.

Fragen an: leben@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2009, 08:23 Uhr

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7 Kommentare

Peter Gysin

08.04.2009, 08:46 Uhr
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Es gehört offensichtlich zum globalen Plan, Religion durch Psychologie und Psychiatrie zu ersetzen. Wer seinen Draht zu Gott verliert, ist leichter manipulierbar. Es werden von den "Fachexperten" täglich neue psychische Krankheiten erfunden, die mit den entsprechenden Medikamenten angeblich "geheilt" werden können. Nur wer "pollitisch korrekt" handelt, ist angeblich geistig gesund. Weltfaschismus! Antworten


steve walthard

08.04.2009, 17:09 Uhr
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Ich diskutiere nicht über Quantenphysik, da ich nichts davon verstehe. Aus demselben Grund würde ich mir nie anmassen, Quantenphysik pauschal als inexistent zu bezeichnen. Schon gar nicht würde ich mich über Leute echauffieren, die sich der Quantenphysik widmen. Herr A.G.: Wer Gott nie kennengelernt hat, sollte es mit diesem Thema genauso halten. Antworten




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