Leben

Wie viel statistisches Fett gibt es wirklich?

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 27.01.2010

In Ihrer Kolumne vom 6. 1. über die Sünden der Medien gegen die sachgerechte Informationspflicht schreiben Sie: «Und es ist auch keine Recherche, die vom BAG verbreitete Zahl, dass ‹uns› das zunehmende Übergewicht allein im Kanton Zürich jährlich exakt 900 Millionen kostet, mit Paste & Copy aus der Pressemitteilung zu übernehmen, ohne dass man die Plausibilität solcher Rechnereien überprüft.» Dieser Kritik entnehme ich, dass Sie die Zahl als offensichtlich unplausibel erachten. Ich denke, dass rein statistisch 680 Franken Fettkosten pro Person nicht offenkundig abwegig sind. Die Untersuchung des BAG berücksichtigt Kosten für Behandlung und Prävention von Übergewicht sowie anteilmässige Kosten für Diabetes Typ 2, koronare Herzkrankheiten, Osteoarthritis, Asthma und weitere. Gemäss BAG gelten 37 Prozent der Bevölkerung als übergewichtig (BMI>25). Natürlich kann man sich streiten, wie zutreffend oder hilfreich solche Definitionen sind. Als Indikator oder Schätzgrösse mögen sie mir genügen. Mir haben sie vor allem – wieder mal – gezeigt, dass meine eigene Wahrnehmung fehlerhaft sein kann. Ich würde 30 Prozent Übergewichtige aus offensichtlichen Gründen als zu hohe Zahl betrachten – und würde damit schiefliegen. G. D.

Lieber Herr D.

Tatsächlich sind Offensichtlichkeit und Plausibilität nur sehr bedingt brauchbare Kriterien für die Korrektheit einer Behauptung. Dass z. B. feste Körper aus beweglichen Molekülen bestehen, ist weder offensichtlich noch plausibel, aber ziemlich wahr. Doch «Übergewicht» ist keine Tatsache von derselben Art wie «Moleküle». «Übergewicht» ist ein Mischding aus Ästhetik, Statistik, Soziologie, Medizin, Ökonomie und Moral. Es ist in anderem Sinne «konstruiert», als es Moleküle sind. Die Wahrheit des Satzes «Übergewicht kostet uns 900 Millionen» hängt von einer Vielzahl impliziter Annahmen ab. Und über die Art und den Inhalt dieser Annahmen – damit zurück zur Medienkritik – möchte ich informiert werden. Denn aus einer solchen Information erst können Fragen entstehen, die vielleicht nicht ganz unerheblich sind: Was spricht für die benutzte Definition von Übergewicht, was dagegen? Wie viel kostet oder spart uns ein BMI-Punkt mehr oder weniger? Welcher Anteil den Behandlungskosten, welcher dem Übergewicht an sich zugeschrieben wird, wird durch die Prävention generiert? Bildet sich in solchen Statistiken die Vorstellung eines kostenneutralen Idealsubjekts ab, das im Masse seiner Abweichung von den gegebenen Normwerten zur Kasse zu bitten wäre?

Fragen an: gesellschaft@tagesanzeiger.ch. Aus zeitlichen Gründen können leider nicht alle Anfragen beantwortet werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.01.2010, 09:15 Uhr


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