Wieso geben alle Ratschläge?
Von Peter Schneider. Aktualisiert am 07.10.2009
Wieso geben alle Ratschläge?
Wir sind seit einiger Zeit mit einem Umbauprojekt beschäftigt. Ich wundere und ärgere mich immer wieder darüber, dass Menschen, die unser Projekt zu Gesicht bekommen oder davon hören, uns ungefragt Ratschläge erteilen oder unsere Arbeiten kritisieren. C. S.
Liebe Frau S.
Man muss dieses Phänomen weder in die psychopathologische Kiste stecken noch in den Kulturbeutel packen, um es zu erklären. Ich glaube, in der Neigung zu ungebetenen Ratschlägen zeigt sich vor allem die sehr menschliche Neigung, sich den anderen und sein Handeln durch Identifikation verständlich zu machen. Freud beschreibt diese Tendenz im Zusammenhang seiner Untersuchungen über den Witz und die Entstehung des komischen Effekts: «Ich mache also beim ‹Verstehenwollen› (...) einen gewissen Aufwand, verhalte mich bei diesem Stück des seelischen Vorganges ganz so, als ob ich mich an die Stelle der beobachteten Person versetzte. Wahrscheinlich gleichzeitig fasse ich aber das Ziel dieser Bewegung ins Auge und kann durch frühere Erfahrung das Mass von Aufwand abschätzen, welches zur Erreichung dieses Zieles erforderlich ist (...). Bei einer übermässigen und unzweckmässigen Bewegung des anderen wird mein Mehraufwand fürs Verständnis (...) als überflüssig erklärt und ist für weitere Verwendung, eventuell für die Abfuhr durch Lachen frei.» Zum Beispiel über den berühmten Sketch, in dem Loriot bei seinem Versuch, ein schiefes Bild gerade zu hängen, die ganze Wohnung ruiniert. Analog auf Ihren Fall angewendet heisst das: Die anderen machen sich Ihr Vorgehen beim Umbau dadurch plausibel, indem sie sich in Ihre Position als Bauherren hineinversetzen und sich vorstellen, wie sie selber in Ihrer Lage handeln würden.
Wie bei jedem Verstehenwollen durch Identifikation bleiben freilich Reste an Unverständlichem übrig, welche – in Freuds Terminologie – dann als «unzweckmässig» erscheinen. Diese Reste werden nun aber nicht als «komisch» empfunden (ein Umbau ist schliesslich keine Slapsticknummer); sie werden demzufolge auch nicht in Form von Lachen «entsorgt», sondern sie werden zu Gegenständen der weiteren Auseinandersetzung und damit auch der Kritik. Auch wenn es Sie überraschen mag: Diese Kritik gilt dabei nicht so sehr Ihrem Tun und Lassen als vielmehr der eigenen Selbstvergewisserung der Kritiker. Sich darüber zu nerven, solcherart zum Adressaten fremder Selbstgespräche zu werden, ist freilich mindestens ebenso menschlich und (sogar ohne Rest) verständlich. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 07.10.2009, 12:56 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
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