Leben

Woher kommt der Skrupel, nicht zu spenden?

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 22.12.2010

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Täglich wird man zum Spenden aufgefordert. Wir bezahlen bereits die Mitgliederbeiträge einiger Institutionen, deren Arbeit wir als sinnvoll betrachten. Und die Kirchensteuer will ich auch bezahlen, obwohl wir nicht gläubig sind. Mein Mann findet, diese ganzen Bettelbriefe gehörten in den Papierkorb. Doch vor allem, wenn ich die Leute persönlich kenne, die hinter den sozialen Angeboten stehen, fällt es mir schwer, Nein zu sagen. Warum habe ich Skrupel, nicht zu spenden? R. N.

Liebe Frau N.

Warum auch immer: Ihre Skrupel ehren Sie. Spenden Sie also, wann immer es Ihnen (mit Recht) schwerfiele, nicht zu spenden! Dies vorweg, damit nun niemand glaubt, mit meinen folgenden Bemerkungen wolle ich irgendjemanden davon abhalten, irgendeiner wohltätigen Organisation Geld zukommen zu lassen. Meine Kritik am Spendenwesen bezieht sich nur auf einen Punkt: Das Outsourcing des Sozialen aus der Politik, das sich parallel zur Inszenierung glamouröser und spektakulärer Spendenaktionen vollzieht bzw. gefordert wird – bis hin zur Idee, Steuern durch Mäzenatentum zu ersetzen. «Grosses Herz für kleine Kinder», titelte der «SonntagsBlick» zum letzten Kispi-Ball; «20 Minuten» wusste zu berichten, dass Xenia Tchoumitcheva für diesen Anlass immerhin «eigens von New York eingeflogen» sei. Ausser ihr waren auch Jürg und Rachel Marquard da und Magdalena Martullo-Blocher mit Gatte Roberto und als Ehrengast der Firma Vögele die Schwester von Penélope Cruz.

Und nicht nur das TV-Glamour-Magazin «Glanz und Gloria» war entzückt, dass «die Prominenz» sich «einmal mehr in Spendierlaune» gezeigt habe. Die «SonntagsZeitung» berichtete vom «Rekordergebnis», mit dem «der 6. Kispi-BenefizBall die Zürcher Saison» eröffnet habe: «Kinderspital-Direktor Felix H. Sennhauser verkündete die stolze Summe von 580 000 Franken. Das Geld habe das Spital dringend nötig.»

Ich gönne dem Spital jeden Franken, aber ich zucke doch zusammen, wenn ich höre, es habe diese Summe «dringend nötig». Vermutlich war das ja nur freundlich anerkennend dahergesagt. Aber allein die Vorstellung, der Betrieb eines öffentliches Spitals – in Zürich und nicht in Lambarene! – könnte auch nur zu einem kleinen Teil von der «Spendierlaune» der üblichen Verdächtigen aus Prominenz und Wirtschaft und Showbiz abhängig sein, müsste doch für politische Empörung sorgen. Tut es aber nicht. Offenbar findet man es inzwischen nicht mehr an und für sich skandalös, dass traditionelle Aufgaben der öffentlichen Hand mehr und mehr in die Hände privater Wohltätigkeit übergehen könnten. Wer keinen Sponsor findet, kann dann selbst sehen, wo er bleibt. Von einer rigorosen Staatsverschlankung, wie sie zurzeit in Grossbritannien, dem europäischen Grosslabor des Neoliberalismus, betrieben wird, sind wir gottlob noch um einiges entfernt. Aber wie lange noch? Über 16 000 IVRenten sollen in den nächsten Jahren gestrichen werden. Werden für die Folgen dieser Aktion genügend Xenia Tchoumitchevas eingeflogen werden können? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.12.2010, 10:32 Uhr


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