Ein Bastelbogen für Minarette?
Von Peter Schneider. Aktualisiert am 09.12.2009
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Natürlich respektiere ich die Entscheidung der Mehrheit in Sachen Minarett. Aber: Am Tag nach der Abstimmung kam mein 8-jähriger Sohn freudestrahlend mit einem Minarett-Bastelbogen nach Hause! Sie können sich mein Entsetzen vorstellen. Die Argumente, dass wegen des Baus dieses muslimischen Kartonturms eine seiner Mitschülerinnen vielleicht nicht mehr zum Schwimmunterricht darf oder dass vielleicht sogar eine orientalische Prinzessin zur Heirat mit einem Ungeliebten gezwungen wird, leuchten weder ihm ein, noch finde ich sie selbst überzeugend. Andererseits will ich ihn auch nicht zu verfassungswidrigem Verhalten animieren und Gefahr laufen, dass er durch das Basteln islamisiert wird. W. S.
Lieber Herr S. Se non è vero, è ben trovato. Und fragen Sie mich jetzt nicht, woran ich gemerkt habe, dass die Geschichte mit dem Bastelbogen geflunkert ist. Eine Frau spürt so etwas. Da Sie nun aber den lustigen Teil der Antwort schon selber übernommen haben, kann ich ja jetzt zum ernsten übergehen. Nun hocken wir also auf einem neuen Verfassungsartikel, der erklärtermassen nicht meint, was er sagt. Denn es geht ja um die Symbolwirkung. Eigentlich sollen nicht Minarette, sondern Zwangsheiraten, Parallelgesellschaften, Zwangsbeschneidungen, der Untergang der christlichen Leitkultur, die Ablehnung der Frauen- und Homosexuellen-Rechte, der Schwimmunterrichts-Dispens sowie noch ein paar andere unangenehme Dinge, die mir jetzt in der Aufregung glatt entfallen sind, bekämpft werden. Das alles in die Verfassung zu übernehmen, wäre natürlich zu aufwendig gewesen. So heisst es nur schlicht und elegant, dass der Bau neuer Minarette untersagt ist: Näheres regeln das Baurecht und der jeweils neuste Stand des wissenschaftlich fundierten Volksempfindens, vertreten durch die Nebenkläger(innen) Renzo Blumenthal, Christophe Darbellay und Julia Onken.
Zu bedenken geben möchte ich einzig dies: Ob es nicht auch eine wildgewordene Form des Laizismus gibt, welche den frischen Wind der Aufklärung zu einem Katechismus von Hausordnungsparagrafen gefrieren lässt und die Idée Suisse zur Idée fixe macht. Das Problem mit den 400 000 Muslimen in der Schweiz dürfte wohl weniger sein, dass sie die lästige Angewohnheit haben, sich morgens vom Muezzin wecken zu lassen, sondern dass sie auch ohne Burka Platz in der S-Bahn brauchen, wenn sie zur Arbeit fahren. Wem der Klassenkampf allein nicht reicht, der bastelt sich noch einen Kulturkampf dazu. Die Parteien dürfen Platz nehmen.
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Erstellt: 09.12.2009, 10:03 Uhr




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