Leben

Gesundheitshype: Bin ich verantwortungslos?

Stichworte

Ich gehöre zum Jahrgang 1938 und gehe (wie wohl die meisten dieser Generation) eigentlich nur zum Arzt, wenn ich krank bin oder mich so fühle. Allerdings bedrängen mich vermehrt die vielen Berichte, Aufforderungen, Appelle etc. diverser Institutionen, Krankenkassen, Ratgeber, Medienbeiträge, die mir nahelegen, mich prophylaktisch mit «meinen Werten» zu befassen. Muss ich wirklich meinen Blutdruck, den Blutzuckergehalt, meine Knochendichte, meine Lungenkapazität usw. usf. kennen und deren jeweilige Veränderungen? Momentan kenne ich keinen dieser «Werte». Bin ich verantwortungslos und handle egoistisch, wenn ich meine Person dem gängigen Gesundheitshype verweigere, im akuten Fall aber trotzdem ärztliche Behandlung zu beanspruchen gedenke? S. B.

Liebe Frau B.

Nein. Aber Ihre Bedenken sind leicht nachzuvollziehen: Wie bringt man die Kraft auf, sich der gängigen Vergesellschaftung und wohlmeinenden Enteignung der persönlichen Gesundheit zu entziehen? Selbstbestimmung ist okay beim assistierten Suizid, nicht aber bei der freien Wahl zwischen Raucher- und Nichtraucherlokalen. Der Satz «Mein Bauch gehört mir» wird weithin akzeptiert, wenn es um die Frage des Schwangerschaftsabbruchs geht. Dieselbe Aussage aber dürfte missbilligendes Stirnrunzeln hervorrufen, wenn man sie als Einwand gegen eine Übergewichts-Präventionskampagne vorbringt, in welcher einem vorgerechnet wird, was jedes überflüssige Pfund die Gemeinschaft der Krankenkassenprämienzahler kostet. Es stimmt also durchaus nicht, dass die westlichen Gesellschaften durchweg und unaufhaltsam immer liberaler werden. Genauer: Sie werden es allenfalls in einem sehr spezifischen Sinne von liberal – wie sich besonders gut an der Gesundheitspolitik und ihren Doktrinen zeigen lässt. Das Subjekt – also Sie – soll sich als Unternehmer der eigenen Gesundheit verhalten: Selbstsorge als Self-Management. Als Ihr eigener Gesundheitsmanager werden Sie zum Produzenten Ihrer eigenen Gesundheit. Das ist das Geheimnis der «Gouvernementalität» (Foucault) im Gesundheitsbereich: Statt bevormundet, werden Sie durch Anreize motiviert. Was Sie tun, tun Sie nur zu Ihrem eigenen Besten. Und wenn Sie es nicht tun, dürfen Sie sich über den Schaden nicht beklagen. Auf diese Weise kommt die als überholt und unaufgeklärt («wir leben schliesslich nicht mehr im Mittelalter!») geltende Auffassung von Krankheit als Symptom einer persönlichen Schuld wieder zum Zuge; nun aber nicht mehr als Versatzstück der Theologie, sondern der Ökonomie.

Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch Aus zeitlichen Gründen können leider nicht alle Fragen beantwortet werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.11.2009, 10:27 Uhr

Leben

Populär auf Facebook Privatsphäre

Lokale Suche

Marktplatz