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Kinder Gottes oder doch bloss Kinder unserer Eltern?

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Meine sechsjährige Tochter fragte mich, ob es Gott gibt. Ich sagte ehrlicherweise, ich wisse es nicht und glaube, dass kein Mensch dies ganz genau wissen könne. Ist es unklug, einen sechsjährigen Menschen mit so viel «Schonungslosigkeit» zu konfrontieren? Ich respektiere nämlich die «magische» Phase ihres Alters: Beim Samichlaus ist sie noch schwankend, doch vermutlich nähert sie sich hier der «aufgeklärten» Phase. Aber obwohl sie weiss, dass es die Zahnfee nicht gibt, wünscht sie sich, dass eine «Fee» kommt und etwas unter ihr Kissen legt beim Zahnwechsel. Doch bei der Frage nach Gott handelt es sich ja wohl um etwas anderes als bloss um eine Übergangsidee der Kindheit, die es phasenbedingt zu unterstützen gilt – nur, worum handelt es sich eigentlich und wie raten Sie mir, darauf einzugehen?M. B.

Liebe Frau B. Lassen Sie mich mit dem letzten Teil Ihrer Frage beginnen. Sie könnten Ihrer Tochter (nicht wörtlich, aber sinngemäss) antworten: Nein, Gott gibt es nicht. Aber es wäre schön, wenn es ihn gäbe. Und darum glauben viele Menschen, dass es ihn gibt. «Schonungslos» finde ich eine solche Antwort nicht, denn mit Wünschen und Enttäuschungen kennen sich die Kleinen schon ziemlich gut aus.

Und nun zum ersten Teil der Frage: Auch wenn Freud die Religion als Infantilismus bezeichnet, so heisst das ja nicht, dass der liebe Gott und die gute Zahnfee im Grunde nur zwei verschiedene Formen ein und derselben (kindlichen Denk- und Wunsch-)Figur wären. Die Übergangsfiguren unserer Kindheit wie der Samichlaus oder der Osterhase erfüllen sehr begrenzte Wünsche und Aufgaben, welche die Eltern darum auch ohne weiteres stellvertretend übernehmen können. Die Vorstellung von Gott aber ist nicht nur der vom Kind erlebten Eltern-Allmacht nachgebildet, sondern füllt darüber hinaus beim gläubigen Erwachsenen auch jene Lücke, welche die Enttäuschung über die Unzulänglichkeiten der realen Eltern hinterlassen hat. Dadurch wird Gott ein übermenschliches Wesen; er verkörpert nicht bloss, was Menschen sich wünschen, sondern auch das, was Menschen nicht vermögen. Auch als Erwachsener kann man in diesem Sinn also ein Kind Gottes sein, während man nicht in demselben Sinne Kind seiner Eltern bleibt, wie man es mit sechs Jahren war.

Die Frage Ihrer Tochter ist vielleicht ein Indiz dafür, dass Samichlaus, Zahnfee und Gott für sie bereits nicht mehr ein und derselben Kategorie angehören und dass sie sich mit dem Wunsch auseinandersetzt, dass es ein Wesen geben möge, das in der Lage ist, den aufklärerischen Desillusionierungen der Kinderjahre dauerhaft zu trotzen.

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Erstellt: 25.08.2010, 09:59 Uhr

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