Meinungsterror

Von Peter Schneider. Aktualisiert am 10.02.2010

Im Café, an Partys, bei Tischgesprächen, in Blogs, auf der FacebookPinnwand, in den Online-Kommentarspalten, an Hauswänden und in den Medien sowieso: Wo ich stehe und gehe, schwappt ein MeinungsTsunami über mich herein. «X ist Y», «Wer Z denkt, ist ein Faschist/Gutmensch». Was man für X, Y, Z einsetzt ist egal, es passt irgendwie alles. Hauptsache, man hat seine Meinung geäussert. Mich irritiert das in hohem Masse. Denn weder interessiert mich die Meinung anderer Leute, noch verspüre ich einen Drang, meine Meinung in die Welt hinauszutrompeten. Zumal ich zu nichts eine eindeutige Meinung habe; ich finde, es kann so sein, aber auch anders, und meist weiss ich es schlichtweg nicht. Mit dieser Haltung mache ich mich aber zum Paria unter all den Meinungsmenschen. H. M.

Liebe Frau M.

Mit Ihrer Genervtheit über das enthemmte Meinen reden Sie bei mir natürlich weit offene Türen ein. Ganz Ihrer (und meiner) Meinung: Was meinen eigentlich diese fortwährenden Meiner?! Keine Ahnung von nichts, aber zu allem eine Meinung! – Aber wie immer, wenn ich mit mir selber allzu sehr einer Meinung werde, beginnt sich bei mir ein gewisser innerer Widerstand gegen so viel Einverständnis mit mir selber zu regen. Was ist denn eigentlich so schlimm am Meinen? Für Kant ist das Meinen einer von drei «Modi des Fürwahrhaltens» (neben dem Wissen und dem Glauben): «Das Meinen oder das Fürwahrhalten aus einem Erkenntnisgrunde, der weder subjektiv noch objektiv hinreichend ist, kann als ein vorläufiges Urteilen . . . angesehen werden, dessen man nicht leicht entbehren kann.»

Meinen ist in diesem Sinne also keine Form des Urteilens, sondern der Aufschub eines definitiven Urteils und als solcher der Ausdruck einer methodischen Skepsis: Wir wissen nicht, ob es sich mit X oder Y so oder so verhält, aber es gibt gute Gründe, die für X und gegen Y sprechen, ich meine also unter Berücksichtigung von W und Z, dass X . . . Was Sie und mich (zu Recht, wie ich meine) an den munteren Meinern und Meinungsmachern stört, sind vermutlich die fehlenden Skrupel bezüglich der eigenen Meinung, der selbstgewisse Gestus, mit dem alle Unterschiede zwischen Glauben, Meinen und Wissen vom Tisch gewischt werden. Ich meine: Wir sollten das Meinen – «dessen man nicht leicht entbehren kann» – nicht einfach kampflos und angeekelt den Kampfmeinern überlassen, sondern dem Meinen jene Skepsis zurückerstatten, deren man es leider so mutwillig beraubt. Meinen Sie nicht auch?

Fragen an: gesellschaft@tagesanzeiger.ch Aus zeitlichen Gründen können leider nicht alle Anfragen beantwortet werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.02.2010, 10:10 Uhr

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