Muss man denn das ganze Leben lang lernen?
Von Peter Schneider. Aktualisiert am 23.12.2009
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Wenn man heute die Aus- und Weiterbildungsangebote anschaut, muss man fast befürchten, total zu scheitern oder zumindest keine Karriere zu machen, wenn man nicht bereit ist, sich permanent in Kursen, Schulungen, Fortbildungen etc. voranzutreiben. Was hat es auf sich mit dem Motto, das dahintersteckt: Der Mensch muss bereit sein, lebenslang zu lernen? Kann man das, muss man das wirklich, ist das überhaupt sinnvoll? K. L.
Liebe Frau L.
Es lässt sich kaum vermeiden, dass man lebenslang lernt: Mit jedem Buch und jeder Zeitung, mit jeder Stunde Fernsehen erfahre ich etwas, das ich noch nicht wusste. (Na ja, meistens.) Und auch gar nicht wissen konnte, weil die Dinge sich eben nicht beständig wiederholen, denn in der Welt ereignet sich tagtäglich Neues. «Lebenslanges Lernen» als Bildungskonzept meint aber etwas anderes. Früher hiess sich bilden ein Erbe antreten, das einem nicht geschenkt werden konnte (das unterschied es vom Familienvermögen), sondern das man sich erarbeiten musste und auf diesem Weg erweitern konnte. Dieses Verständnis von Bildung war dem konservativen Bildungsbürger und dem fortschrittlichen Gesellen im Arbeiterbildungsverein gemein. Bildung als Eintrittskarte: Man will sie selbst erwerben und sie den anderen möglicherweise vorenthalten – Bismarck beschwor die Gefahren der Entstehung eines «akademischen Proletariats» –, aber man ist sich einig über ihren hohen Wert. «Lifelong Learning» bedeutet einen radikalen Bruch mit dieser Konzeption. Das Bildungsbillett wird zum Optionsschein, das Bildungssubjekt zum Unternehmer seiner selbst, der stets aufs Neue auf die Verwertbarkeit seines Wissens in der Zukunft spekulieren und seine Investitionen entsprechend umschichten muss. Die Forderung nach fortlaufender Weiterbildung vervielfältigt zudem das Risiko gesellschaftlicher Exklusion: Wer nicht mitkommt, ist draussen. Die Bildungskarriere ist somit nicht mehr nach dem Muster eines sich aus sich selbst heraus erweiternden Bildungserwerbs geprägt, sondern nach dem Modell eines niemals endenden Multiple-Choice-Tests. Die modularisierten Bildungsversatzstücke («Office 2010 für Anwender», «Mitarbeitergespräche richtig führen» etc.) tragen ihr Verfallsdatum mehr oder minder offen aufgedruckt. Auch beim tollsten Handy von heute weiss man, dass es der Elektroschrott von morgen ist. Warum sollte es bei der Bildung anders sein?
Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch Aus zeitlichen Gründen können leider nicht alle Fragen beantwortet werden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.12.2009, 10:19 Uhr

































































































































